No way out

Alexander Wallasch24.07.2014Außenpolitik, Innenpolitik

Der Nahost-Wahnsinn hat Berlin erreicht. Da wird auf allen Seiten gepöbelt und gezündelt, dabei gäbe es doch ein Pfund, mit dem wir Deutschen wuchern könnten.

Israelischen Austauschschülern wird auf einer dreitätigen Berlinreise von vergangenem Montag bis Mittwoch aus Sicherheitsgründen untersagt oder sehr dringend abgeraten, den vergnüglichen Teil ihres Trips wahrzunehmen. Das heißt, neben den historisch relevanten Orten vom Mahnmal bis hin zum Checkpoint Charlie ist das, worauf sich die Jugendlichen besonders freuen, untersagt, weil die Organisatoren befürchten müssen, dass die Austauschschüler aufgrund ihrer israelischen Staatsangehörigkeit möglicherweise zum Ziel von Attacken hier lebender arabischer Menschen oder eingebürgerter Menschen mit arabischem Hintergrund werden können.

Nun kann man sich vorstellen, was diese Absage für diese Jugendlichen bedeutet. Alles, was das moderne Berlin ausmacht, was über Love-Parade, Weltoffenheit und Fußballweltmeisterfreude in die Welt getragen und dort dankbar von fröhlichen Jugendlichen aufgenommen wurde, entfällt. Die sowieso schon besonders geschützten Erinnerungsstätten bleiben die einzigen Ziele. Vielleicht noch ein McDonald’s-Besuch oder eben zum Burger King. Ja geht’s noch? Um was bringen wir denn da nicht nur diese aufgeschlossenen weltoffenen Kinder, sondern vor allem uns selbst?

Unangenehmer Beigeschmack

Umso mehr, da sich nun noch jeder genötigt fühlt, aus seinem Wohlfühlkosmos auszubrechen und Position zu beziehen. Ach was, warum genötigt? Leute, wie der Salon-Chef des „Cicero“, Alexander Kissler, seines Zeichens bekennender konservativer Katholik, “nutzt die Gunst der Stunde, um verdeckt religiöse Ressentiments zu aktivieren”:http://www.cicero.de/berliner-republik/gaza-konflikt-und-europa-der-judenhass-ist-wieder-da/57962. Ausgerechnet über eine wirklich apokalyptische Vorstellung, in Deutschland wäre, ich zitiere wörtlich: „der Rücksturz in die Barbarei (…) wieder eine Option“. Schlimmer, der Kollege titelt sogar: „Der Judenhass ist wieder da“. Andere katholische Freunde pflichten dem Glaubensbruder sofort bei. Und das Ganze bekommt einen unangenehmen Beigeschmack, denn was da ja mitschwingt, ist nichts anderes als die selbstbefriedigende Erkenntnis, dass man als konservativer Katholik ja schon immer gewarnt hätte vor diesen radikalen Moslems in Deutschland, vor einem Verlust einer christlich-jüdischen, wahlweise christlich-abendländischen Kultur und nun sei es passiert: Apokalypse now.

Dass es hier allerdings einzig darum gehen kann und muss, die deutsche Exekutive eindringlich an ihre Kernaufgaben zu erinnern, nämlich die Strafverfolgung von Volksverhetzung, Beleidigung usw. geht völlig unter. Stattdessen wird ein Sicherheitskorridor aufgebaut, der aufgeschlossenen jugendlichen Israelis nahelegt, den Besuch deutscher Diskotheken und Biergärten lieber einstweilen zu unterlassen, als wären wir nicht mehr Herr im eigenen Land. Was natürlich Wasser auf die Mühlen von Hardlinern und Scharfmachern wie Alexander Kissler und anderer Nachfolger Jesu ist.

Natürlich muss man nun in einem zweiten Schritt notwendigerweise auch nach den Ursachen schauen für diese Entgleisungen von Teilen unserer Mitbürger und Gäste mit arabischem Hintergrund und muslimischen Glauben. Ja, die Keimzelle dieser ganzen Verwerfungen ist wieder einmal der Konflikt Israel-Palästina. Dieser monotheistisch-religiöse Wahn an vielen Fronten. Auf der einen Seite werden Siedlungen von orthodoxen Fanatikern tief in besetztes Land hinein gebaut, als wäre die Idee eines Groß-Israels die Aufgabe der Stunde, auf der anderen Seite wünscht man nicht nur diese Landnahme zu beenden, sondern gleich das Ende des Staates Israel herbeizuführen. Ein Wahnsinn. Religion sucht sich Raum. Und das möglichst exklusiv. Die eine Seite fürchtet mit Recht die Vertreibung, während die andere Seite seit Jahrzehnten Vernichtung angedroht bekommt bzw. in zwei Verteidigungskriegen eine solche abwehren und folgerichtig deshalb einen atomaren und konventionell hochgerüsteten Sicherheitskorridor einrichten musste.

Verantwortung wahrnehmen

Alles bekannt, trotzdem ändert sich nichts. Und dann ist es genau diese scheinbare Unabänderlichkeit, die die Menschen auf beiden Seiten in den Wahnsinn treibt. Die noch dazu den gesamten Nahen Osten und das muslimische Nordafrika in den brutalen Klammergriff nimmt. Es kann doch keiner ernsthaft behaupten, die Umwälzungen der letzten zwanzig Jahre, die US-imperialistischen Kriege mit Hunderttausenden Toten, die verödeten Landstriche, die völlige Destabilisierung von Staatsgebilden, die wie Dominosteine gefallen sind, hätten überhaupt keinen Zusammenhang mit diesem anhaltenden Konflikt auf religiöser Grundlage.

Dann muss man sich ebenfalls fragen, wie es sein kann, dass sich Deutsche wie Charlotte Knobloch und Jürgen Todenhöfer aktuell über diesen Konflikt auf eine Weise zanken, die unversöhnlich ist und bleibt. Und die so tieftraurig anachronistisch wirkt. Frau Knobloch sieht Antisemitismus, wo es naheliegender erscheint, das konkrete maximale Wut über Siedlungsbau und Militäreinsätze Israels im Gazastreifen die Ursache sind und nicht Rassismus (was diesen freilich nicht ausschließt), und Jürgen Todenhöfer macht anscheinend den Kardinalfehler, sich als Deutscher einzumischen in einen Konflikt, zu dem wir Deutsche nicht Stellung beziehen können, ohne unsere Geschichte mitzudenken. Denn eines ist völlig klar, wenn wir uns entgegen der Haltung unseres Bundespräsidenten Gauck noch als deutsche Nation verstehen und weiterhin verstehen wollen, dann haben wir auch explizit die historische Verantwortung zu übernehmen, mitzudenken.

Und wir haben vor allem eins, nämlich die Aufgabe, unseren Neubürgern muslimischer Herkunft diese Verantwortung mit auf den Weg zu geben als Bürde, will man Staatsbürger, also Teil dieser deutschen Nation sein. Wenn es aber nun doch so sein sollte, wie es der Bundespräsident sagt, wenn Nation, Volk oder was immer, eine anachronistische Sache sind, dann dürfen wir auch einen Todenhöfer nicht mehr an eine eventuelle deutsche Sonderrolle in diesem Konflikt an der Seite Israels erinnern, dann ist, was er anmahnt, was er unter höchsten Gefahren für sich selbst vor Ort im Gazastreifen beobachtet, nicht nur eine humanitäre Katastrophe mit hundertfacher Todesfolge, sondern möglicherweise ein weiterer israelischer Aktionismus auf dem Weg hin zu noch mehr Siedlungsbau und noch mehr nicht enden wollender Konflikte in der Zukunft.

Ein völlig falsches Signal

Derweil machen sich die Austauschschüler mit ihren Gastschülern Richtung Konzentrationslager auf, hin an die deutschen Stätten eines singulären Grauens, die sie bisher nur aus den Schulbüchern kannten und hier nun zum ersten Mal als Gedenkstätte besichtigen können. Gemeinsam mit deutschen Kindern. Und überall scheint trotzdem weiter die Sonne so wunderbar, die Vögel zwitschern und die Badeanstalten locken. Und in Berlin wollten die Jugendlichen gemeinsam „Party machen“, was ihnen von den Betreuern versagt wurde. Aus Sicherheitsgründen.

Ein völlig falsches Signal. Denn wenn man in diesem „untergehenden“ Gauck’schen Deutschland etwas auf jeden Fall immer noch erwarten darf, dann, dass sich eine große Mehrheit der Deutschen – vor allem der jüngeren Deutschen – ihrer Verantwortung für diese besonderen Gäste aus Israel bewusst ist. Nicht aus religiösen Gründen, nicht aus politischen Gründen und nicht einmal aus Opposition gegen diese seltsame anti-deutsche Haltung unseres Bundespräsidenten. Sondern aus einem tief verankerten Gefühl für Gerechtigkeit.

Übrigens eines der Pfunde, mit dem wir in Deutschland wuchern könnten. Und das uns immun machen sollte, das uns die Durchschlagskraft geben sollte, diesen entgleisten Zwischenrufen von Demonstranten ebenso scharf zu begegnen wie diesen unsäglichen Angriffen gegen so integre Menschen wie Jürgen Todenhöfer. Gegen einen Gerechten. Mit einem bestimmten Blickwinkel. Aber das ist in Ordnung, solange wir den anderen im Auge behalten.

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