Der Methdiener

Alexander Wallasch9.07.2014Innenpolitik

Tragen Politiker und Busfahrer die gleiche Verantwortung? Der Crystal-Meth-Konsum von Michael Hartmann zeigt: Gleichbehandlung kann nicht die Antwort sein.

Kein Ahnung, was geht in solchen Typen vor, die nach außen hin den seriösesten Anschein geben, die sich sogar berufen fühlen, die Geschicke Deutschlands mitzubestimmen, während sie in irgendwelchen Hinterzimmern mit zwielichtigen Gestalten die Crackpfeifen kreisen lassen, Amphetamine schnupfen und sich Crystal Meth in die Venen drücken, sich also, so es jemand herausfindet, erpressbar machen, also in letzter Instanz die Bundesrepublik Deutschland erpressbar machen?

Vergessen wir nicht, Michael Hartmann war beispielsweise Mitglied im parlamentarischen Gremium zur Kontrolle der Nachrichtendienste und stellvertretendes Mitglied der G10-Kommission, die die Kommunikationsüberwachung der Nachrichtendienste kontrolliert. Also Geheimnisträger. Ein mächtiger Mann also, der mindestens an der Quelle saß, wo die zukünftigen Marschrouten der Bundesrepublik mitbestimmt werden.

Keine Freizeitdroge

Michael Hartmann hat Crystal Meth genommen. Also eine Droge, die nicht gerade in dem Ruf steht, eine Freizeitdroge wie Nikotin oder Alkohol zu sein. User, die noch im Berufsleben stehen, nehmen sie ein, um einen sonst unerträglich erscheinenden Arbeitsalltag noch einigermaßen bewältigen zu können.

Michael Hartmann stand also möglicherweise unter Einfluss einer Droge, die Experten für nachhaltiger in ihrer Wirkung und ihrem Suchtpotenzial einstufen als Kokain und Heroin, als er seine für ihn nunmehr unerträgliche Arbeit erledigte. Würde man das moralische Fähnchen vieler politischer Entscheider schwenken, Michael Hartmann hätte sich damit an Deutschland versündigt.

Ob Michael Hartmann einfach nur ein kläglich schwacher Mensch oder ein zutiefst unmoralischer Charakter ist, wird sich in den nächsten Monaten nach und nach offenbaren. Die Boulevardpresse ist da hartnäckig: Man wird feststellen, dass ihm sein Lebenslauf das nötige Rüstzeug für moralische Prinzipien mit auf den Weg hätte geben können. Der Mann ist katholisch erzogen. Allerdings nach wie vor ledig und kinderlos. Da kocht dann todsicher die Gerüchteküche hoch in Sachen Subkultur, Sex & Drugs & Rock’n’Roll.

Rufschädigung billigend in Kauf genommen

Was nicht so ganz passen will, ist sein öffentliches Auftreten. Hartmann sieht, was bei Politikern übrigens öfter der Fall zu sein scheint, einige Jährchen älter aus, als er in Wahrheit ist (Geburtsjahr 1963). Neben den Drogenkonsumenten Konstantin Wecker und Michel Friedman ist Hartmann also der Youngster unter den Drogenbaronen und Schnupfnasen. Und der Jüngste nimmt selbstverständlich das mieseste Zeug. Der Jüngste ist auch der Erpressbarste. Bei Wecker und Friedman ging es letztlich nur um den persönlichen Ruf. Vielleicht noch um den von ein paar Familienmitgliedern, die sich beschmutzt fühlten. Hartmann aber hat billigend die Rufschädigung des Bundestages, der Ausschüsse und seiner Partei in Kauf genommen.

Man munkelt von bis zu einhundert Gramm Chrystal Meth, die er eingekauft haben soll, was der Hartmann-Anwalt aktuell bestreitet und erklärt, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft würden sich auf eine „eigenverbrauchsübliche Menge“ beziehen. Es gilt also auch für Hartmann eine Durchschnittsmenge, die man eben so einnimmt, wenn man so etwas nimmt.

Bedenkt man nun, dass jeder Busfahrer noch im kleinsten Kaff irgendwo in Deutschland Zero Tolerance schon bei Alkohol bekommt, er also mit exakt 0,0 Promille antreten muss und auch keinerlei „berauschende Substanzen“ zu sich genommen haben darf, vor Fahrtantritt, dann weiß man, dass es sich hier um eine unmittelbare Gefahrenabwehr handelt. Und am Fall Hartmann stellt man sich dann die berechtigte Frage, ob nicht, was ein kleiner Busfahrer einhalten muss, für ein Mitglied des Deutschen Bundestages mindestens ebenso gelten müsste.

Über die Erpressbarkeit hinaus ist doch der mögliche Schaden, den so jemand anrichten kann, unter Umständen deutlich höher als nur die Verantwortung über eine Busladung Deutscher. Bei Hartmann und Co. geht es um über 80 Millionen Menschen.

„Wenn sich das schon so ein Spießer wie Hartmann traut …“

Und wo manche Medien eine Bigotterie erkennen wollen, weil sich MdB Hartmann gegen die Legalisierung von Cannabisprodukten ausgesprochen hat, könnte man ebenso eine Folgerichtigkeit erkennen. Als Crystal-Meth-User weiß der Mann eben ganz genau, dass mit Drogen nicht zu spaßen ist. Er reflektiert also sein eigenes dreckiges Tun.

Und die Kreise, in denen sich Einkäufer illegaler Drogen bewegen, die Menschen, mit denen sie in Kontakt kommen, die das Risiko auf sich nehmen, den Stoff zu verkaufen, muss man auch erst einmal als Gesprächs- oder Geschäftspartner akzeptieren lernen. Also eine innere Verrohung bei jemandem, der zu den knapp 600 Menschen von 80 Millionen gehört, die die Zukunft dieses Landes vorbereiten und Schaden von ihm abwenden sollen. Michael Hartmann hat also mindestens dieselben Folgen seines Handelns zu tragen wie jeder Busfahrer auch.

Und er hat vor allem mit sich auszumachen, wie er damit umgeht, dass er, als Vertreter des vermeintlich seriösen, des moralischen Teils der deutschen Gesellschaft, zum Negativ-Vorbild wird. Hunderte junge Menschen, die der Droge Crystal Meth nun deutlich offener entgegentreten: „Wenn sich das schon so ein Spießer wie Hartmann traut, kann es nicht so schlimm sein, dann knall ich mir das morgen auch gleich mal rein.“

Noch schlimmer ist, dass dieser amoralische, arme Mensch mit seinem Tun nun jungen Menschen und Jugendlichen suggeriert, die ganze Sache sei kontrollierbar. “„Spiegel Online“ berichtet”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/michael-hartmann-spd-abgeordneter-gesteht-konsum-vom-crystal-meth-a-980096.html dazu gerade: „Eine Abhängigkeit habe Hartmann nicht entwickelt. Eine von dem Politiker veranlasste medizinisch-psychiatrische Untersuchung bestätige diese Einschätzung.“

Selbstbetrug: leicht gemacht

Hartmanns Sündenfall, organisiert in einer schäbigen Gartenkolonie, wird nun zum zweifelhaften Alibi für Crystal-Meth-Neueinsteiger. Gewissermaßen Selbstbetrug leicht gemacht aus den Händen einer traurigen Gestalt voll Schäbigkeit, aus den Händen eines Mannes, der sich für tauglich hielt oder schlimmer noch hält, die Geschicke des Landes mit zu gestalten. Erbärmlich.

Ja, es muss erlaubt sein, bei einem MdB etwas genauer hinzuschauen. Andere Maßstäbe anzulegen. Hier darf keine Gleichheit oder Gleichbehandlung eingefordert werden. Es ist sogar dringend notwendig, genauer hinzuschauen. Denn wenn der Bus in voller Fahrt aus der Kurve fliegt, ist nicht nur der Methdiener in den schmutzigen Brunnen gefallen.

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