Biss zum Titel

Alexander Wallasch25.06.2014Gesellschaft & Kultur

Uruguay kann nur noch Weltmeister werden. Luis Suárez zum Dank.

Uruguays Stürmerstar Luis Suárez biss im letzten Gruppenspiel gegen Italien seinen Gegenspieler Giorgio Chiellini in die Schulter. Die Fußballwelt gibt sich entsetzt. Zu Unrecht, denn mit diesem ultimativen Showdown hat sich Suárez unauslöschlich in die Fußballgeschichtsbücher eingeschrieben. Uruguay wird nun seit dieser sensationellen 79. Minute gar nicht mehr anders können, als Fußballweltmeister 2014 zu werden.

Warum? Zunächst einmal war Suárez’ finaler Biss absolut regelwidrig. Aber wollte er mit seiner Tat ein Beispiel für Fairness setzen? Nein, und es ist auch jedem davon abzuraten, auf diese Weise vorzugehen. Nicht auf dem Fußballplatz, nicht in der Disco und schon gar nicht zu Hause: Dafür würde jeder von uns mit Recht angezeigt, verurteilt und bestraft werden.

Die völlige Negation von Anstand

Dennoch hat dieser Biss in seiner ganzen bizarren Hingabe, in seiner Spontaneität, in seiner Wildheit und totalen Rücksichtslosigkeit eine seltsame Kraft und Größe. Denn er zeigt den Weg des Kriegers, die völlige Negation von Anstand, Moral und Sitte. Das Ende aller Abwägung. Die Tat.

In geradezu atemberaubender Schönheit verstärkte die Zeitlupe diese Wiederherstellung der Ordnung durch eine auf wunderschöne Weise minimalistische südamerikanische Variante des japanischen Seppuku. Suárez ist der “Zinédine Zidane der Weltmeisterschaft 2014”:https://www.youtube.com/watch?v=LQEO6akCoEI: Damals formulierte Thomas Hüetlin in “beneidenswerter Klarheit für den „Spiegel“”:http://www.spiegel.de/sport/fussball/fernschuss-dschungel-und-zivilisation-a-426051.html:

bq. „Er zeigte den Dschungel, der dem Spiel erst seinen Glanz verleiht, von seiner hässlichen Seite. Es war nicht schön, aber es war der Dschungel.“

Und wenn Zidane schon das kraftvollste Gnu war, sind wir am 24. Juni 2014 endlich dem König des Dschungels begegnet. Denn was ist ein hingerammter Kopfstoß gegen diesen vollendeten Biss eines Luis Alberto Suárez Diaz? Der Stürmer des FC Liverpool, der Torschützenkönig der englischen Premier League mit sagenhaften 31 Treffern, ist der Puma aus der Pampa.

Aufgewachsen in den endlosen Weiten zwischen Atlantischem Ozean und Argentinien. Uruguay ist das stolze Land der 3,3 Millionen Nachkommen von Spaniern, Italienern, afrikanischen Sklaven und Mestizen. Die Ureinwohner, die hier vorwiegend als Jäger lebten, sind längst ausgerottet worden, aber ihr scharlachrotes Blut ist tief in das karge Weideland eingesickert. Derselbe Grund und Boden, auf dem der kleine Luis mit kindlicher Wut seine ersten Bälle drosch, derselbe Ort, der ein Dutzend Legenden des Fußballs geboren hat.

Hier sind sie aufgewachsen, die Fußballhelden des Weltmeisters von 1950: Gaston Silva, Braian Rodriguez, Jose Perdomo, Eugenio Galvalisi, Gonzalo de los Santos und Rubin Bentancourt, um nur einige zu nennen.

Mit seiner Beißattacke hatte Luis das Schicksal der italienischen Mannschaft endgültig besiegelt. Nicht etwa, weil er Chiellini damit aus dem Gefecht gezogen hätte, nein, Suárez hatte mit seinem Infernal gegenüber dem seit einer roten Karte nur noch auf Verteidigung angelegten Abwehrkampf der Italiener jenen Siegeswillen demonstriert, der sich nur in äußerster Not in dieser archaischen Bedingungslosigkeit offenbart.

Das wenige Minuten später erzielte Siegestor für Uruguay war nur eine Frage von Minuten, wo man sich zuvor über eine Stunde lang immer und immer wieder in die beinahe statisch agierende ängstliche Abwehr Italiens gestürzt hatte. Selten noch ist ein Weltmeisterschaftsteilnehmer verdienter ins Achtelfinale eingezogen.

Suárez’ Opfergang

Und ganz gleich, ob die FIFA Suárez nun in einer lächerlichen Videobeweisführung für die Weltmeisterschaft sperren wird, eines wird bleiben, das Initial zum Sieg der Weltmeisterschaft für diese großartige südamerikanische Fußballnation. Suárez’ Opfergang wird seinen Mitspielern, wird seinem ganzen Land von diesem Moment an Verpflichtung sein.

Fußball ist wieder dort angekommen, wo er hingehört: Aus der Strategiebesprechung am Flipchart zurück auf den Rasen, der den vollkommenen Sieg verspricht oder eben die totale Niederlage, dazwischen gibt es nichts außer öder Langeweile.

bq. “When you walk through a storm(Sinatra)”:https://www.youtube.com/watch?v=8sUOqI8X29I
“Hold your head up high(Sinatra)”:https://www.youtube.com/watch?v=8sUOqI8X29I
“And don’t be afraid of the dark(Sinatra)”:https://www.youtube.com/watch?v=8sUOqI8X29I

Fußball ist die unnatürliche Konzentration des bewegten Körpers auf seine Beine. Für den Feldspieler wird jeder Ballkontakt mit den Armen oder Händen geahndet. Man muss sich diese fatale Situation deutlich machen: Die ganze Kraft, der vollkommene Einsatz aller abgespeicherten Energien, konzentriert sich auf den armlosen Bewegungsapparat. Bis auf eine Ausnahme: Der Einsatz des Kopfes ist seltsamerweise erlaubt!

Kein Kampfsport dieser Welt wird mit dem Kopf ausgetragen. Der Einsatz des Kopfes ist im Gegenteil sogar in den meisten Fällen unter Strafe gestellt. Nicht hingegen beim Fußball. Aber der Kopf ist nun mal bei jedem Raubtier der Sitz der tödlichsten Waffe, wenn es sich auf der Jagd befindet.

Zwanzig Mann jagen einen Ball. Und dann kommt es in der 79. Minute beim Starstürmer Uruguays, bei Luis Suárez, zur finalen Übersprungshandlung: der Biss in die Schulter des konkurrierenden Balljägers. Eine notwendige Tat. Für den Sieg. Entstanden aus dem Bodensatz kristallklaren Adrenalins. Es ist etwas Großes in Luis Alberto Suárez Díaz gefahren. Das Gen des Siegers. Des Weltmeisters. Viva Uruguay!

bq. “De este don sacrosanto la gloria
Merecimos tiranos temblad!”:http://de.wikipedia.org/wiki/Orientales,_la_Patria_o_la_tumba

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