Round about 55

Alexander Wallasch17.06.2014Gesellschaft & Kultur

50 zu werden, ist nicht leicht. Perspektive verschafft ein Spaziergang mit Hund.

Matthias Matussek hat in der „Welt“ “mit einem selbstzerfleischenden Artikel vorgelegt zu seinem 60. Geburtstag”:http://www.welt.de/politik/deutschland/article127133482/Willkommen-in-der-Republik-der-Greise.html. Der Mann ist mir allein schon an Jahren immer zehn Jahre voraus. Denn ich werde dieses Jahr 50 Jahre alt. Und als wäre das nicht denkwürdig genug, sagte mir ein Nachbar dazu nur: „Oh cool, ich dachte du wärst schon round about 55.“

Sagen wir es frei heraus: 50 Jahre ist ein Super-GAU. Ein erwartbarer zwar, aber ein Super-GAU. Wer etwas anderes behauptet, der lügt. Der ist ein Schönredner und Realitätsflüchtling. 50 Jahre alt zu sein, ist in einer Vielzahl von Belangen entsetzlich. Mit 50 hat man bei der AOK Anrecht auf eine Gratis-Darmspiegelung ohne konkreten Anlass. Mit 50 trägt man mehrheitlich Brücken im Mund statt echter Zähne, also so eine Art fixiertes Vorgebiss und muss sich Gedanken machen, wie man eine Zahnlücke zwischen zwei Brücken auffüllt, man sollte deshalb bis zu diesem Zeitpunkt mindestens 1500 Euro zur Seite gelegt haben für einen adäquaten Stiftzahn oder man läuft eben eine Weile mit Zahnlücke herum.

Sogar Sex ist wie ein Gnadenbrot

50 Jahre alt zu werden ist also noch wesentlich teurer als ein Fass Bier für gute Freunde. Welche Freunde? Mit 50 Jahren darf man froh sein, wenn man diesen einen engen Freund hat, der übrig geblieben ist von den vielen, mit denen man eines teilt: das Wissen, was man voneinander zu halten hat. Der Mensch wird ja komisch im Alter. Der eine wird Stand-up-Comedian, der andere Misanthrop, manche Persönlichkeiten verschwinden sogar freiwillig völlig hinter einer Frau oder Familie. Das sind die, die gerade noch dazu taugen, den Gartenzaun neu zu streichen. Die das sogar gerne machen, weil sie dann ins Gespräch mit dem Nachbarmaler kommen, der auf der anderen Seite des Zauns gerade das Gleiche tut.

Mit 50 muss man, um über die Schulter schauen zu können, den Körper mitdrehen. Den 50-Jährigen erkennt man am Wirbelsäulen-Schongang. Und mit 50 steht man häufiger einmal die Nacht auf, als dass man zuverlässig durchschlafen könnte. Mit 50 fühlt sich sogar Sex an wie ein Gnadenbrot. Wie das erschöpfte Auslaufen eines Marathonläufers nach dem Zieleinlauf. Mit 50 rückt man dem Bauch nicht mehr mit Sport auf die Pelle, sondern mit Diäten. Man verzichtet also sogar noch auf das, was noch Ältere als den Sex des Alters bezeichnen.

Mit 50 sind die eigenen Eltern schon in einem Alter, das man als „Jenseits von Gut und Böse“ bezeichnen kann, die eigenen Kinder aber in einem Alter, das 50-Jährigen gegenüber ziemlich böse sein kann. Wer als Mann mit 50 Jahren eine jüngere Frau – und jünger sind sie mehrheitlich – hat, wer sie also immerhin noch an seiner Seite hat, der muss sich neu bewerben. Der fängt an in Gedanken seine eigenen Vorzüge zusammenzuzählen, weil sich kaum noch jemand anders daran erinnert. Der schläft grundsätzlich nach seiner Frau ein, weil er so hoffen kann, dass diese dann nicht wegen der Schnarchgeräusche nicht einschlafen kann. Wer 50 Jahre alt ist, der schleicht sich heimlich hinten in die äußerste Ecke des Gartens und zieht eine durch. Eine einsame Zigarette, die furchtbar schwindelig macht, nicht wegen des Nikotins, sondern weil man jederzeit befürchten muss, entdeckt zu werden.

Mit 50 schraubt man den Fahrradlenker heimlich etwas höher, damit man weniger gebückt fahren muss. Mit 50 weiß man, dass man nun langsam das Werkzeug im Keller sortieren muss, weil man Arbeiten einfach liegen lässt, wenn man nicht sofort das Passende findet. Mit 50 rechnet man nach, wann der eigene Vater 50 war und dass man damals schon das Abitur in der Tasche hatte und dann fällt einem wieder diese 19-Jährige Schönheit ein, die man damals unter den Olivenbäumen in Griechenland umarmte und mit 50 schreibt man „umarmte“, wenn man eigentlich was viel Konkreteres meinte.

Und dann passiert es bisweilen, dass man am Abendbrotstisch sitzt, die Familie wundert sich ein bisschen, dass der Alte mal nichts zu tun hat, sonst verflüchtigt er sich bei größeren Zusammenkünften gerne mal mit einer Klappstulle und einer guten Ausrede hin zu irgendwelchen Arbeiten im Haus, so er das Werkzeug findet, oder er sucht das Werkzeug sehr lange in seinem Keller. Und dann sitzt man da also mit 50, die Frau unterhält sich mit den Kindern über modernere Themen, Musik aus den aktuellen Charts, was jene Nachbarin mit jenem Nachbarn (von beiden hat man nie gehört) getrieben hat, welcher Lehrer unheimlich süß ist und warum Ronaldo gar nicht schwul sein kann und dann sitzt man da so und irgendwie möchte man gerne mal flennen, damit mal jemand aufmerksam wird, aber man weiß natürlich, so etwas macht man allenfalls mit fünf Jahren und nicht mit 50.

Man muss sich eben einfach mal aufraffen

Also lässt man die Flennerei und fängt an zu sticheln. Man stichelt über die blöden Themen am Tisch, wie unmanierlich die Kinder schlingen, warum da wieder jemand um diese Zeit an der Tür klingelt, dass der Hund nichts vom Tisch bekommen soll. Und dann dreht Frau plötzlich ihren Kopf zu einem um, übrigens ohne dass sie dafür den Hals verdrehen müsste, lächelt entwaffnend, tätschelt einem kurz das Knie und befiehlt: „Geh doch gleich noch mal mit dem Hund Gassi.“ Als ich dann erwidere: „Kannst nicht einfach mal nett sein, ohne dass du was willst?“ lacht der ganze Tisch, alle sind noch fröhlicher und ich suche die Hundeleine, die ich einfach nicht finden kann, obwohl sie direkt vor mir am Haken hängt, da, wo sie immer hängt und in 20 Jahren noch hängen wird, wenn ich 70 werden. Ach herrje.

Aber als der Hund dann so fröhlich und ohne jedes Falsch angewedelt kommt, fällt es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: für den sind schon sieben Jahre wie 50. Und dann nehme ich mir doppelt so viel Zeit für ihn, kraule doppelt so viel und werfe doppelt so viele Stöcke. Ist doch klar: Man muss sich eben einfach mal aufraffen, wenn man doppelt so viel erleben will. Denn mit 50 hat man eines vor allem nicht: noch doppelt so viel Zeit.

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