N’est-ce pas!

Alexander Wallasch13.06.2014Gesellschaft & Kultur

Frank Schirrmacher ist tot. Und wir haben eine wundervolle Quelle der Aha-Erlebnisse verloren.

Ein guter Freund schrieb mir gestern zum Tod von Frank Schirrmacher per E-Mail: „Er war 54, und eigentlich oft 14, ich kannte ihn gut …“ – das fand ich rĂŒhrend, weil ich glaubte, zu verstehen, wie es gemeint war.

Manchmal habe ich auch Sehnsucht nach etwas, das ich mit 14 oder 15 Jahren „Aha-Erlebnis“ nannte. Dieses unschlagbare GefĂŒhl, eine fĂŒr einen 15-JĂ€hrigen bedeutende Frage an das Leben in einer blitzgescheiten inneren Auseinandersetzung selbst beantwortet zu haben. Also so etwas wie die spontane Erfahrung wackeliger zwar, aber unaufhaltsam aufkeimender Intelligenz.

Keine Fragen, keine Antworten

Damals dachte ich noch vermessen: „Wow! – das hört jetzt nie mehr auf, das steigert sich sogar noch.“ Muss sich ja steigern, so wie es gerade Fahrt aufgenommen hat. Nachdenken wurde zur Sucht. Nicht grĂŒblerisch, mehr so auf der Suche nach dem nĂ€chsten großen Aha! Anderen ging es auch so. Unsere Köpfe rauchten gemeinsam. Eine große Konkurrenz der Ahas! Heute, in einer digitalen Zeit, wird so etwas wohl Schwarmintelligenz genannt.

Ganz klar, die Erfahrung, sich komplizierte Fragen selbst zu beantworten und so in fĂŒr einen 15-JĂ€hrigen luftige Höhen vorzudringen, und diese vielen wunderschönen Antworten zu finden, war ein großartiges GefĂŒhl. Entdeckerfreude. Noch großartiger, wenn man schon die Frage selbst formuliert hatte.

Aber „La vie n’est pas un long fleuve tranquille“ – wahrscheinlich ist das Leben so etwas wie eine Stufenrakete. Scheinbar nicht mehr Benötigtes wird wie Ballast abgeworfen, neue Stufen zĂŒnden fĂŒr vermeintlich höhere Geschwindigkeiten. Und dann findet man sich plötzlich irgendwo im Nirgendwo wieder, dort wo man eigentlich nie hinwollte, mit dieser großen Sehnsucht nach den Aha-Kicks eines 15-JĂ€hrigen und einem GefĂŒhl wachsender KomplexitĂ€t in allen Dingen um einen herum, dort, wo doch eigentlich keine Nebel mehr sein dĂŒrfte. Keine Fragen. Keine Antworten. Kein Aha.

Das Unendliche und RĂ€tselhafte

Wenn also nun der Freund zum Tode vom Schirrmacher schreibt: „Er war 54, und eigentlich oft 14“, dann meint das wohl, da lebte einer, dem das Leben dieses FĂŒllhorn der Aha-Erlebnisse auch mit 54 nicht hat versiegen lassen.

Die vielen gefĂŒhlvollen Nachrufe quer durch alle Medien und sogenannten Leitmedien ĂŒbertreffen sich in der AufzĂ€hlung von Frank-Schirrmacher-Aha-Erlebnissen aus mehreren Jahrzehnten. Und das „Handelsblatt“ erklĂ€rt uns dazu: „(Frank Schirrmacher) sog das Neue wie ein SĂŒchtiger in sich auf, die frisch destillierten Erkenntnisse berauschten ihn, das Unendliche und RĂ€tselhafte trieb ihn ĂŒber sich selbst hinaus.“

Und das ist dann sicher unter allen Traurigkeiten die grĂ¶ĂŸte: Zu wissen, dass diese wundervolle Quelle der Aha-Erlebnisse nun einfach fehlen wird. Und Nebel zieht auf.

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