Mit Weihrauch im Rachen

Alexander Wallasch1.04.2014Gesellschaft & Kultur

Ein Besuch in Riga, Europas Kulturhauptstadt 2014, hat mit einigen Klischees aufgeräumt und viele neue Erkenntnisse befördert.

Riga? Sagt Ihnen was? Klar, Baltikum und Hauptstadt Lettlands bekommt man irgendwie noch zusammen. Vielleicht noch die eine oder andere Anekdote von einem, der schon mal da war. Das war’s dann. Nun ist Riga aber seit Januar Europäische Kulturhauptstadt 2014. Und die Stadt an der Düna verspricht sich was davon. Die Vorherrschaft der Sowjetunion ist lange her. Fast ein Vierteljahrhundert, zur EU gehört man seit zehn Jahren, ebenso lange zur NATO und seit Anfang des Jahres bezahlt man hier mit Euro.

Also höchste Zeit, sich selbst einmal ein Bild zu machen und hingeflogen.
Berlin-Riga unter zwei Stunden. Baltic Air fliegt mit kleinen aber feinen kanadischen Bombardier-Propellermaschinen. Der Weg vom Flughafen mitten hinein in diese UNESCO-Weltkulturerbe-Altstadt dauert keine zehn Minuten, wenn nicht gerade der schwedische König samt Gattin dieselbe Strecke fährt – gut, Pech gehabt, 30 Minuten Stau.

Dann ist man endlich angekommen und staunt über die Schablonen, die man so im Kopf hatte und Minute für Minute mehr entwerten kann. Wer hier meint, noch irgendetwas vom Leben hinter dem Eisernen Vorhang erhaschen zu können, der ist wahrscheinlich in Ost-Berlin noch besser aufgehoben. Nordeuropa pur. Skandinavisch unaufgeregte Leichtigkeit. Sympathische, weltoffene Menschen. Und in den sauberen Gassen, die alle auf verschiedenen lichtdurchfluteten Plätzen enden, fühlt man sich gleich wie irgendwo zwischen Kopenhagen und Lissabon perfekt zwischengelandet. Portugiesisch auch der Sound der Sprache. Weich. Flüssig. Aber nicht zu wattiert. Härte kommt erst rein, wenn man jemanden findet, der Deutsch spricht. Deutsch klingt aus lettischem Mund sehr nüchtern, fast protokollarisch.

Kommen wir zum Hotel. Es gibt eine schöne Auswahl bester Unterkünfte in der Altstadt, in diesen sensationell erhaltenen bzw. restaurierten Jugendstil-Häusern. Vier Sterne sind hier auch vier Sterne und nicht weniger. Top Service, schöne Details und ein niveauvolles Frühstücksbuffet mit dezenten regionalen Einschlägen. Festhalten bitte: “Das Ganze für 45 Euro inklusive. (Hotel-Tipp)”:http://www.hotelradiundraugi.lv/de/

Im Vorparadies der Nordamazonen

Ok, die Tourismus-Tour entlang gehangelt an den Sehenswürdigkeiten wie Dom usw. kann bis morgen warten. Jetzt am Abend wird erst einmal die Gastronomie-Dichte sondiert. Und klar, Zeit, auch mal heimlich das Klischee mit den Lettinnen zu überprüfen. Angeblich kommen zwei auf einen männlichen Letten und ein Absatz – oder sagt man Stöckel? – unter 10 Zentimetern gilt in Riga als Flip-Flop. Zunächst mal zu den Schuhen. Quark, das ist hier nicht anders als in den südlichen Großstädten. Das Gerücht könnte aus eine anderem Grunde entstanden sein. Gefühlt in keiner vergleichbaren europäischen Großstadt gibt es so viele Frauen, die über 1,80 Meter groß sind. Nordamazonen! Das wirkt dann natürlich, als würden sie auf Stöckelschuhen laufen. Aber wahrscheinlich sind die, die das behauptet haben, mit den Augen nie ganz unten angelangt. Aber gut, was nur groß ist, muss nicht automatisch klasse aussehen. Tut es aber! Nicht umsonst gibt es alleine in Riga ein halbes Dutzend hochkarätige Modelagenturen, die weltweit beste Geschäfte machen.

Der Besuch einer Szenekneipe – allein der Begriff führt in die Irre, Szene ist hier eigentlich alles – und ein Bier an der Bar wird zum Erlebnis. In 30 Minuten kommen 20 neue Gäste. Und davon – kein Witz, und warum sollte es ausgerechnet bei mir ein Zufall sein? – 17 Frauen und von denen wiederum ein Dutzend über 1,80 Meter. Männer, es macht Spaß, zu schauen, schaut nicht weg! Ja, ihr seid im Vorparadies, denn Schauen ist hier noch erlaubt. Sogar erwünscht. Zumal man ein weiteres Klischee getrost vergessen kann: Hier sieht niemand nuttig aus. Wer kommt eigentlich auf diese blöde Idee, alles östlich von Heringsdorf wäre irgendwie Bumsdorf? Mit der Einstellung ist man hier genauso schnell unten durch wie in Oslo oder Braunschweig. Übrigens, auch die Kerle sehen klasse aus. Dezent, selbstbewusst, charmant, auch untereinander. Tatsächlich scheint der Ur-Oligarchen-Goldketten-Style hier gänzlich unerwünscht. Verständlich angesichts der Lage in der Ukraine. Spricht man jemanden darauf an, dann hört man tatsächlich häufig die Sorge vor Krieg, aber noch wird sie überdeckt von dieser unbändigen Lebensfreude, die hier seit der Unabhängigkeit 1991 Teil der Alltagskultur geworden zu sein scheint.

Fernsehen ist gut für Kinder

Die russischstämmige Bevölkerung Rigas lässt sich hier in der Altstadt entweder nicht sehen oder man hat auch da ein Klischee, wie so ein typischer Russe auszusehen hätte. Allenfalls am Morgen, wenn die Sonne über den Gassen aufgeht, und fleißige Menschen die Kippen der Nacht aus den Ritzen pulen, meint man sofort zu wissen: Ah, ein armer Russe.
Das ist das Bild der Sowjetunion aus den 1960er-Jahren, der rußverschmierte, befreite Proletarier in den dreckigen Klamotten, der in Gulag ähnlichen Verhältnissen schuften muss. Was für ein Schmarrn.

Schnell noch ein Blick in einen Supermarkt. Ehemals Karstadt Schlemmerland müsste sich was schämen. Denn was man da an Fülle sieht, wurde ja nicht als Deko hingestellt. Die Menschen kaufen ein und genießen. Das Brot wird in offenen Bäckereien hergestellt und kostet keinen Euro. Eine Tüte noch warme Teilchen 1,50 €. Sushi im 10-Meter-Kühltresen in 10er-Sortierung 2,50 €. Salatbar mit Krabben satt 100 gr. 0,99 €. Es ist ein fucking Wunder. Und dann sitzt man in einem der vielen innerstädtischen Parks nahe des gut besuchten weißen Opernhauses, in einem kleinen Kanal gleitet ein Boot mit Pärchen vorbei, denen nicht zu kalt ist, und man lässt es sich gutgehen inkl. Getränk für 4,50 €. Und reicht man die Tüte mal weiter zur Nachbarbank, kommt man gleich ins Gespräch mit jemandem – wie schön – über 1,80 Meter. Auf Deutsch!

Warum auf Deutsch, ist schnell geklärt. Seit der Unabhängigkeit gibt es hier deutsche TV-Sender (RTL usw.). Also auch Kindersendungen aus Amerika in deutscher Sprache. Und wer so lange nur zwei staatliche Sender hatte, der findet auch nicht, dass Fernsehen schlecht für die Kinder ist. Englisch ist auch kein Problem, das erklärt die Banknachbarin mit den nicht synchronisierten Hollywood-Filmen, das würde sich für Lettland gar nicht lohnen. Und woher sie auch etwas Russisch spricht, braucht sie nicht weiter zu erklären. Ich hätte sie am liebsten festgehalten, um noch so viel mehr zu erfahren, als sie sich ins Büro verabschiedet, aber das tut man auch in Lettland nur in äußersten Notfällen.

Purple Haze in der russisch-orthodoxen Kirche

Jetzt bräuchte man sicher noch ein paar Seiten mehr, um über dieses breite Kulturangebot der Riga-2014-Organisatoren zu berichten, das Angebot ist toll. Nichts wirkt gewollt oder hingefrickelt, alles perfekt durchdacht und irgendwie dänisch präsentiert, wenn man mal in Dänemark war und sich über diese so selbstbewusst bescheidene Verpackungs- und Plakatkultur gefreut hat. Der Eindruck, irgendwo mitten in Skandinavien zu sein, verstärkt sich immer mehr. Die Mentalität der Menschen, die Stilsicherheit, alles passt zusammen.

Und dann schlendert man so verliebt und denkt sich, hier könnte man leben, nur wie erklär ich’s der Frau und den Kindern, dass es Zeit ist, mal umzuziehen? Und während man so rumfantasiert, landet man vor diesem ein bisschen furchteinflößend schönen Bauwerk. Die russisch-orthodoxe Kathedrale von Riga. Man traut sich rein und logisch, landet man mitten im Abendgebet. Ein wunderschöner Wechselgesang zwischen dem Metropolen und ein paar Jungfrauen-Stimmen. Und nichts da, von wegen nur alte Weiber. Man steht mitten unter kopftuchverschleierten jungen Russinnen, die sich andauernd verneigen, auf die Knie gehen usw. Zum Durchdrehen schön. Der Sound, das Ambiente, der Geruch, alles – ähm – irgendwie aus der Zeit gefallen göttlich.

Und während man da also so erstarrt steht und diese nach außen gekehrte Innigkeit verstohlen bestaunt, kommt der Pope aus seinem Kabuff, die weiblichen Stimmen singen monoton ihre Litaneien weiter, und dreht eine Ehrenrunde durch die Kirche. Weihrauchschwenkend vor jedem Heiligen. Aber nicht nur das, er schwenkt auch vor jeder dieser wundersamen verlorenen Seelen, die Unheiligen fallen auf die Knie oder verbeugen sich bis auf den Boden, und dann steht der auch vor einem selbst. Und was soll man da tun? Hier kennt einen ja zum Glück keiner, dann imitiert man halt, was man bei den kopftuchverhüllten Damen so alles gesehen hat und atmet den Rauch ganz dicht. Kann ja nicht schaden. Womöglich hilft’s sogar, als Vorrat, wenn man’s mal nötig braucht. Zugegeben, ein bisschen Flennen ginge jetzt auch ganz leicht, aber mit letzter Kraft …

Man muss sich das mal vorstellen, Gläubige inmitten dieser Aufbruchsstimmung, ein versprengter Haufen in dieser riesenhaften Kathedrale. Da steht diese Pussy-Riots-Aktion doch in einem ganz anderen Lichte da.

Nun aber schnell zurück in der Altstadt, eines dieser wunderbaren lettischen Biere trinken, der orthodoxe Weihrauch brennt doch recht seltsam hinten im Rachen. Was für eine Stadt. Riga 2014. Der Hin- und Rückflug kosten kaum 200 €. Mit etwas Recherche sicher noch preiswerter. Fliegen Sie hin! Und feiern Sie Ihre ganz persönliche Europa-Erweiterung.

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