Spiel mit dem Feuer

Alexander Wallasch22.03.2014Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Ob auf der Krim oder daheim: Unser kultiviertes Luxusdasein funktioniert nur mit einem gehörigen Anteil Schizophrenie.

Ja darf das denn alles noch wahr sein? Ein Kriegsszenario mitten im Herzen Europas mit Mitspielern von außerhalb Europas. Wo sind denn die Lerneffekte aus den Verwerfungen, Umwälzungen und Zäsuren des 20. Jahrhunderts, dass sich prominente Köpfe und Entscheider angesichts der Krim-Krise in einer Art Metamorphose des Düsteren unisono ins Jahr 1914 zurückflüchten?

Haben wir seit unserer Stunde null drei Generationen lang nur konsequent den Kopf in den Sand gesteckt? Immer besoffener werdend vom westlichen Wohlfühlkosmos der vollen Kühlschränke und der blitzenden, vollgetankten Automobile?

Es verändert sich nichts zum Besseren

Nein, das Menschenbild hat sich fundamental gewandelt. Jeder Schüler verfügt heute schon über sensible Antennen dafür, was gerecht ist, verfügt über Sensoren, die Ausgrenzung melden, ist sensibilisiert gegenüber Vorurteilen und kann die emotionalen Lehrsätze der Integrationspolitik und des Minderheitenschutzes auswendig aufsagen. So leben Kinder beispielsweise Inklusion mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit.

Ja, wir erleben heute an uns und noch mehr an unserem Nachwuchs ein Feintuning, das auch gesamtgesellschaftlich, das womöglich global, maximales Konfliktlösungspotenzial hat bzw. hätte. Das zerstörerische „gesunde Volksempfinden“ wurde von einer Fähigkeit zur Differenzierung abgelöst. Ein erfolgreicher Marsch vom willfährig steuerbaren Kollektiv zum selbstbestimmten Individuum.

Aber was muss man nun attestieren angesichts der aktuellen Krise? Diese Sozialisierungen, die wir so uneingeschränkt als Fortschritt empfinden, sind ein Luxusgut – ebenso wie das Wasserklosett und die Fernwärme. Ist am Ende all das Feintuning, die Toleranz und Akzeptanz, doch nur rezessives Merkmal einer hybriden Form westlicher Zivilgesellschaften?

Gut, wir könnten heute ganz leicht mit dem Finger auf globale Macht- und Wirtschaftsinteressen zeigen. Nur an denen ist nichts Abstraktes. Sie sind nichts anderes als von Menschen gemacht. Rudi Dutschke sagte vor fast 50 Jahren:

bq. „Revolution ist ein langer, lang andauernder Marsch und Prozess um die Schaffung von neuen Menschen, die fähig sind, nicht eine alte Clique durch eine neue zu ersetzen nach der Revolution, sondern massenhafte Demokratisierung von unten.“

Klang damals toll, aber selbst wenn nur ein Teil der Gesellschaft, eine Denk-Elite, aus diesen „neuen Menschen“ bestände, warum passiert dann noch, was passiert? Warum hat man immer dann, wenn Entscheider zusammenkommen (sei das in den Parlamenten, in politischen Talkshows oder im Zeitungsinterview) das Gefühl, es habe sich überhaupt nichts zum Besseren hin verändert?

Was meint denn beispielsweise Gerhard Schröder, wenn er 50 Jahre nach Dutschke dem Deutschlandfunk ins Mikrofon spricht: “„Ja, wir haben diese Gesellschaft verändert. Das war auch notwendig. Wir haben gesagt, wir fördern, aber wir fordern auch. Und ich halte das nach wie vor für richtig.“”:http://www.deutschlandfunk.de/wir-haben-diese-gesellschaft-veraendert.1295.de.html?dram:article_id=193347

Allianzen mit machthungrigen Eliten

Wenn morgen die Krim explodiert und diese Explosion unberechenbare Wellen schlägt, welchen Sinn hat es dann gehabt, Gesellschaft zu verändern mit dem Ziel, Machtstrukturen zu demokratisieren? Denn wenn es stimmt, dass Deutschland wieder ein Machtfaktor in der Welt geworden ist, wenn Angela Merkel eine entscheidende Vermittlerrolle zukommt, wenn sie sogar Einfluss auf diesen Konflikt nehmen kann oder sogar von Anfang an nahm, warum handelt sie dann nicht als Sprachrohr einer friedfertigeren, einer veränderten Gesellschaft?

Sind es am Ende wenige Menschen vom düsteren Schlage eines Machtpolitikers, wie George W. Bush einer war, eines düsteren Finanzstrategen, wie es George Soros einer ist, oder eines menschenverachtenden Globalstrategen vom Kaliber eines Zbigniew Brzeziński, die mit einem Handstreich die Welt an jedem beliebigen Ort entzünden können, wo noch etwas Öl, Gas oder sonst etwas aus dem Boden zu quetschen ist. Und dies auch nach Belieben tun, völlig unabhängig davon, welches Menschenbild diese Gesellschaften aktuell auf der Evolutionsstufe zum Friedfertigen hin absolviert haben?

Tatsächlich scheint unser kultiviertes Luxusdasein heute nicht mehr zu funktionieren ohne einen gehörigen Anteil an Schizophrenie. Denn während wir uns auf der einen Seite Gedanken machen über Mindestlöhne, über Chancengleichheit, über Gleichbehandlung, Gender- und über Integrationspolitik, während wir uns also empören über die kleinste Unwucht in diesem System der Ultra-Gerechten, gestatten wir es unseren politischen Führern, Allianzen einzugehen mit atombewaffneten Pyromanen, mit machthungrigen Eliten, mit düsteren Utopisten, mit Weltplanern, denen das Schicksal der Menschheit so gleichgültig ist, wie das jedes Einzelnen, solange dieser Einzelnen nicht sie selbst oder ihre Artverwandten sind.

Konflikteskalation wurde tausendfach wissenschaftlich untersucht. Man weiß, wie Konflikte entstehen und funktionieren. Aber das nutzt ja alles nichts, wenn die Ergebnisse dieser Untersuchungen, wenn die Prävention, ein Menschenbild verlangen, das man zwar an Schulen lernt, das aber nichts weiter zu sein scheint als ein westlich-dekadentes Luxusgut. Was nutzt die ganze komplizierte Dialektik, wenn einer der sich gegenüberstehenden Vertreter der These oder Antithese nicht bereit dazu ist, den Weg hin zur Synthese anzutreten?

Was nun?

Eine simple Erkenntnis lautet, dass Krisen nun mal nicht für alle Seiten dasselbe Risiko bedeuten. Das muss man begreifen, erfolgreiche Krisenbewältigung funktioniert nur dann, wenn eine Seite auf mehr verzichtet als die andere. Und dafür wäre es notwendig, eine Vision von Zukunft zu formulieren, die dieses Ungleichgewicht zeitverzögert auszugleichen in der Lage ist.

Und damit wären wir nun wieder am Anfang der Geschichte. Bei der Frage nach dem tatsächlichen Wert dieses luxuriösen Menschenbildes. Und bei der Erkenntnis angelangt, dass wir, wenn wir schon über ein solches verfügen, doch eigentlich nur noch darauf achten müssten, jene Menschen unsere inneren und äußeren Angelegenheiten vertreten zu lassen, an denen wir dieses neue Menschenbild auch in einer zu Hoffnung Anlass gebender Konzentration erkennen können. Eine Messiashoffnung?

Aber höchstwahrscheinlich ist diese ganze Problematik auch deshalb unlösbar, weil Macht grundsätzlich keinen demokratischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Denn Macht agiert per se undemokratisch. Deshalb verhandeln wir ja regelmäßig rigide Kontrollmechanismen. Und Kontrolle ist ihrem Wesen nach antidemokratisch. Was nun?

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