Kleine Fliege – dicker Fisch

Alexander Wallasch16.03.2014Gesellschaft & Kultur

Der dänische Schriftsteller Kristian Bang Foss kann schreiben. Das beweist er eindrucksvoll in seinem neuen Buch.

Kurz vorweg: Es gibt ein nettes Video im Netz, Kristian fliegenfischt mit Kumpel Ronan in Fjordland, Neuseeland. Sie treffen weitere Angler und schließen sich zusammen. Fünf Männer. Ein Fluss. Landschaft wie Norwegen. Das Motto des Packs: „Fjordland is good for the soul.“ Und es macht einfach Spaß den Jungs beim Fischen zuzusehen. Am Ende des Tages meint Ronan über Kristians Angelkünste: „It was Kristians day. 2 over 10? That does not happen every day. Well done man!“

Kristian Bang Foss ist dänischer Sschriftsteller. Das neuste, übrigens prima von Nina Hoyer übersetze, Werk des smarten Wahlberliners heißt „Der Tod fährt Audi“. Ein Roadmovie von großer Leichtigkeit. Eine funktionierende Geschichte, die ganz ohne konstruiertes Pathos oder irgendwelche im Hirn nachquetschenden Botschaften auskommt. Ein Deadpan-Ding, wie perfekt aus der linken Hand hingeschleudert.

Marijuana ist eine Medikament von vielen

Die Handlung ist schnell erzählt. Zunächst plaudert der Ich-Erzähler wie alles war, wie alles kam: Ein Werbetexter, der eine Kampagne versaut hat, deshalb seinen Job verliert, seine Freundin obendrauf, also in der staatlich finanzierten Taugenichtse-Welt vor dem TV landet. Biersaufend. Billigfood schmatzend. Weil aber doch noch mehr als das in unserem Helden steckt, der übrigens Ansgar heißt, was soviel bedeutet, wie „Gottheit mit Speer“, rafft er sich noch mal auf und wird zum von der Kommune bezahlten Pflegehelfer des um ein Vielfaches schwerer vom Leben gebeutelten chronisch Kranken Waldemar.

Ok, das ganze wird am Ende etwas verkifft, da hat der Autor seiner wunderbaren Leichtigkeit wohl selbst nicht mehr ganz über den Weg getraut oder die Pferde sind einfach mit ihm durchgegangen, aber das macht alles nichts, Marijuana ist hier sowieso nur ein Medikament von vielen, wenn sich Ansgar und der kranke Waldemar auf ihrer Reise im Volkswagen T4 quer durch Europa bis nach Marokko vorwagen.

Gehandicapt vom dauerhaft Geschwächten geht das alles nicht ganz so schnell, obendrein ist dieser Waldemar ein mitunter recht asoziales, flüchtiges Wesen, wurde aber von seinem Erfinder mit einem unschlagbarem Galgenhumor ausgestattet. Bang Foss erzählt die merkwürdige Geschichte einer Pilgerfahrt, als käme er gerade vom Angeln und säße dann abends am Lagefeuer, wenn sich diese fetten „2 over 10“-Forellen über der Glut noch ein wenig drehen und wenden möchten.

bq. Bei Sehenswürdigkeiten besaß Waldemar ein Gespür für extrem Bizarres. (…) Eine Kaninchenfarm, auf der wir beim Schlachten und Häuten zusahen, und eine Oblatenbäckerei in einem gottverlassenen Dorf. (…) Solche Sehenswürdigkeiten passten hervorragend zu einer Reise, die unmöglich woanders als in einem heillosen, desillusionierenden und lebensvernichtenden Fiasko enden würde: Bei einem Heiler in Marokko, unserem heiligen Gral.

Die Reise ist also auch eine Suche nach etwas Überweltlichem. Denn Waldemars Leben steht 24/7 auf der Kippe und er hat es sich in den Kopf gesetzt, einen ominösen Heiler in Marokko aufzusuchen. Während der gesamten Expedition gilt für ihn: einmal falsch ein- oder ausgeatmet und Ende der Fahnenstange. Der Autor jongliert meisterhaft mit dieser Spannung. Sie kennen das, ist der Sog erst einmal aufgebaut, geht man mit, bettelt beim Lesen fast, der Flow würde nicht abreißen. Man will mit der Story Gutfreund bleiben. Ein literarischer Trick, der aufgeht.

Klar, die Sache hat sicher auch eine Meta-Ebene. Das Leben an sich, die Qualen des Seins, die Vergänglichkeit,der Mut, das Risiko, die Enttäuschung, die Freundschaft. Das ganze Gebinde ist gut geschnürt. Die Story erinnert gerade da an Thomas Jahns erfolgreichem Drehbuch zu „Knocking on Heavens Door“, an „Easy Rider“, seltener auch an John O’Briens „Leaving Las Vegas“.

Ja, Kristian Bang Foss kann schreiben. Da wo man durchaus auch einen gewundeneren Satz hätte setzen können, bevorzugt er mutig die simple, viel bessere Variante. Eine Bescheidenheit die zum Mehrwert wird.

bq. Im Gebäude nebenan befand sich ein Bordell. (…) In der Wand, die an das Bordell grenzte, war ein Loch, durch das der Kellner immer wieder mit einer Person auf der anderen Seite sprach. (…) „Neue Mädchen“, bemerkte der Kellner mit abermaligem Zwinkern, bevor er den Kopf wieder in das Loch steckte. (…) Nach dem Essen bestellten wir Bier, traten an den Rand des Daches und betrachteten die Aussicht. (…) Er spülte eine Tablette hinunter und lächelte mir aus trüben Augen zu.

Mehr braucht es gar nicht, wenn der Plot stimmt.

Well done man!

Eine Männerfreundschaft. Zwei Typen, die oberflächlich betrachtet unterschiedlicher kaum sein könnten, die sich auf einer Reise kennenlernen, die ein Schicksal teilen und ein anderes nicht. Und die Kilometer für Kilometer mehr lernen, sich mit den Bedingungen zu arrangieren. Bang Foss lässt uns auf eine Weise an den Gedanken und Beobachtungen seines Hauptdarstellers teilhaben, das man mitfühlt, leidet, schmunzelt, lacht.

Zurecht gab’s dafür den Literaturpreis der Europäischen Union, der sich zum Ziel gesetzt hat, noch unbekannte europäische Schriftsteller auf dem Kontinent bekannt zu machen. Und wenn man Kristian Bang Foss dann über seinen Roman glaubt kennengelernt zu haben, dann könnte man sich sogar vorstellen, mit ihm mal eine Runde angeln zu gehen. „Well done man!“.

_Kristian Bang Foss, „Der Tod fährt Audi“ “erschien im März 2014 bei carl’s books”:http://www.randomhouse.de/Presse/Paperback/Der-Tod-faehrt-Audi-Roman/Kristian-Bang-Foss/pr435403.rhd?pub=65000&men._

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