Justice is a bitch

Alexander Wallasch13.03.2014Gesellschaft & Kultur

Dreieinhalb Jahre für Hoeneß, das fühlt sich gerecht an. Doch wahr bleibt: Die wirklichen Verbrecher bleiben weiter anonym und völlig unbehelligt.

Der Spieler mit der Nummer acht legt sich den Ball auf den Elfmeterpunkt, nimmt einen ordentlichen Anlauf, schießt den Ball spektakulär weit über das Tor in den Belgrader Abendhimmel und ist untröstlich. Uli Hoeneß spielte zwar für Deutschland, schoss aber die Tschechoslowakei zum Europameister 1976.

Ob er damals schon ahnte, dass ihm die Deutschen das niemals würden verzeihen können? Irgendwann später muss er es verstanden haben und entfreundete sich von diesem undankbaren Volk. Im April 1987 sprach Christoph Daum dann aus, was seitdem alle dachten: „Um dein Maß an Selbstüberschätzung zu kriegen, muss ich 100 Jahre alt werden.“ Das Studio-Publikum skandierte daraufhin: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus!“

Jetzt haut mal alle drauf

Noch einmal 13 Jahre später gibt Hoeneß der „Abendzeitung“ ein Interview, das den Stein ins Rollen brachte rund um Daums Kokain-Abhängigkeit. Das Gerichtsverfahren gegen Daum wurde gegen Zahlung einer Geldbuße von 10.000 Euro eingestellt. Es blieb also bei der Hoeneß’schen Initial-Denunziation.

Man kann nur spekulieren, wie untröstlich sich Uli Hoeneß heute am 13. März 2014 kurz nach 14 Uhr gefühlt haben muss, als das Strafmaß verkündet wurde. Nachlesen kann man darüber zunächst wenig, denn die Nachrichtenportale im Netz sind völlig überlastet.

Noch am 11. März 2014 erklärt übrigens ausgerechnet Christoph Daum im Vorfeld der Hoeneß-Urteilsverkündung: „Ich habe den Verdacht, dass an Herrn Hoeneß jetzt ein Exempel statuiert werden soll. So nach dem Motto: Jetzt haut mal alle drauf. Von einem Promi-Bonus, das weiß ich aus eigener Erfahrung, kann man nicht sprechen.“

Ist Daum jetzt Jesus? Egal, denn der Prozessverlauf spricht dann auch eine andere Wahrheit. Hoeneß hatte statt zunächst zugegebene 3,5 Millionen Euro sogar mindestens 27,2 Millionen Euro an Steuern hinterzogen. Der FC-Bayern-Manager jedenfalls – so viel dürfen wir annehmen – wird sich nach Urteilsverkündig wie auf der Via Dolorosa gefühlt haben. Niemand da, der ihm nun noch seine Last abnehmen mag.

Als Mensch, als Mettwurstfabrikant, als Straftäter

Die Anwälte haben zwar bereits Revision angekündigt, aber was könnte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe für Hoeneß tun? Das vorzeitige Ende aller Privilegien ist nahe. Die Kaution von fünf Millionen, die ihn vorerst auf freien Fuß setzte, wird wohl für lange Zeit die letzte große Exzellenz-Distanzierung des bayrischen Aldi-Würstchenkönigs von seinen Deutschen sein.

Und Hoeneß weiß es sicher selbst schon längst: Mitleid kann er von keiner Seite erwarten. Im Unbeliebtheitsranking lässt er locker Peter Graf, Steffis Tennis-Übervater, hinter sich, der 1997 wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 12,3 Millionen Mark sogar zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde. Graf hatte damals immerhin die Hälfte seiner Haftstrafe absitzen müssen (inklusive Anrechnung der Untersuchungshaft).

Vielen Deutschen allerdings, das übersieht man an diesem sonnigen Tag gerne, ist Uli Hoeneß völlig wurscht. Als Mensch, als Mettwurstfabrikant, als Straftäter, als Fußballmanager, als Krimineller – als was auch immer.

Ganz konkret gefreut haben wird dieses deutliche Strafmaß gegen Uli Hoeneß allenfalls Menschen wie diesen unglückseligen Münchner Studenten, der 2011 zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, als er ein Sparbuch in spe seines Großvaters nicht beim BAföG-Amt angab. Nur eine Bewährungsstrafe für den prominenten Angeklagten wäre für den jungen Münchner sicher als grobe Verhöhnung empfunden worden.

Die wirklichen Verbrecher

Justice has been done. Hoeneß’ Tränensturzbäche werden wohl in Zukunft unter Ausschluss der Öffentlichkeit vergossen werden, wenn die Wärter von „Bild“ und „Gala“ dichthalten. Heulsusen allerdings haben im Knast keine guten Karten. Da werden seine Kinder wohl ein paar schmackige Wurstpakete extra schicken müssen, um die Gemüter der Mitinsassen zu beruhigen, die sich notgedrungen ebenfalls die Nacht um die Ohren schlagen müssen.

Ok, was jetzt noch fehlt, ist dieser Tropfen Gerechtigkeit für Uli in diesem Artikel. Und der könnte so aussehen: Dieser Hoeneß ist bei Tageslicht betrachtet und trotz der obszönen Millionenbeträge – das weiß dann doch instinktiv jeder – letztlich eine kleine bayrische Provinzgröße. Die wirklichen Verbrecher rund um die internationalen und deutschen Börsenmärkte und Bankhäuser bleiben anonym und völlig unbehelligt. Das sind jene, bei denen alles mit rechten Dingen zugeht, weil sie sich ihre Milliarden- und Billarden-Schiebereien offiziell von „ihren“ Regierungen schon im Vorfeld legalisieren lassen. Und da sind dann die Deutschen wieder mit ihrem Spieler Nr. acht versöhnt, der für den Moment sicher auch das starke Gefühl hat: Justice is a bitch.

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