Die Suche nach der Loyalität

Alexander Wallasch24.05.2014Gesellschaft & Kultur

Beim Versuch über Tugenden zu sprechen, landet man schnell auf dem Schlachtfeld der Emotionen.

Tugenden werden gerne leidenschaftlich verhandelt, dabei mehr verflucht als verteidigt. Ehre, Treue, Tapferkeit und Tüchtigkeit beispielsweise sind die deutschen Stiefkinder, die Bastarde, die Verstoßenen. Dankbarkeit, Mäßigung, Demut und Geduld gelten als die guten, die belächelten, die Tugenden der Harmlosen, der Hilflosen, der Untertanen. Defensivtugenden.

Eine Ausnahme ist die Loyalität. Sie ist so etwas wie die Königin unter den Tugenden. Kaum ein Freund, den man darum bittet, etwas über Loyalität zu sagen, hat dazu keine Meinung. Mein ältester Freund Herman Vieljans entwickelte sogar eine Intensität, wie ich sie bei ihm zum letzten Mal erinnere, als wir jung und schön waren. Herman formulierte aus dem Nichts heraus wunderschöne Sätze wie diesen: „Ich habe gelernt, loyal meinem Leitfaden des Lebens gegenüber zu sein.“

Und am liebsten würde ich mitschreiben, weil ja immer so viel verloren geht, als er abschweift an das Totenbett seines lächelnden Onkels oder hin zur Heimfahrt von der Beerdigung von Heidi Brühl, als er am Steuer einschlief und über allem schwebend aufwachte und auf einmal die Seelenwanderung begriff. In einem charmanten Nebensatz waren dann Steinböcke seine loyalsten Menschen, auch das bewegt sich wie selbstverständlich im ¬selben klangvollen Gesprächsraum.

Die Schönheit des Banalen

Wenn man über Loyalität spricht, wird auch Banales wunderschön. So führt Hermans Exkurs am Ende hinüber zur Freundin Katy Karrenbauer, ein Steinbock, die wohl ihre überdimensionale Loyalität zum Sender, zu RTL nach neun Jahren mit einem Uhrengeschenk abgegolten bekam, wo die großen alten deutschen Sender ARD und ZDF immerhin noch ein Gnadenbrot vergeben würden, wenn auch vielleicht am Ende als Leiche im Tatort.

Ein paar Stunden früher telefonierte ich mit einem befreundeten Agenturchef, ein junger gescheiter Mensch mit dieser so selten feinjustierten Mischung aus Empfindsamkeit und Härte, der zunächst abwinkt, „das Business!“, dann aber erst zart und zögerlich mit dem Begriff Loyalität spielt und ihn irgendwann in lichte Höhen wirft, für die ich eine dickglasige Weisheitsbrille gebraucht hätte, um sie noch zu überblicken. Wir sprechen über die Keimzelle der Loyalität, die Familie. Über Loyalität einer Marke gegenüber.

Loyalität kann man nicht vortäuschen

Über den unbezahlbaren Wert der Loyalität, einfach, weil sie sich jedem Handel und Kuhhandel entzieht. Wir sprechen über das, was Loyalität über alle Tugenden auszeichnet, die Unfähigkeit, sie vorzutäuschen, schon allein deshalb, weil sie viel längere Wachstums- und Halbwertzeiten hat, wir sprechen über das universelle Wissen der Menschheit um diesen Wert.

Und dann drängt wieder die Zeit, wie sie immer drängt, und die Frage, wie solche Plaudereien nun die Frage nach der Loyalität beantworten können. Vielleicht bleibt am Ende wenigstens die Gewissheit, dass wir uns damit am Rande, an der Peripherie gegenseitiger Loyalität bewegt haben, also muss sie doch da sein. Und Loyalität ist dann eben doch nicht so unwahrscheinlich, wie ein Einhorn wie eine Sage von König Artus’ Hof. Klar, sie entzieht sich jeder Berechenbarkeit und all den Vorteilen, die die deutschen Sekundärtugenden (Pünktlichkeit, Gehorsam, Fleiß, Anstand) sonst so bieten – Loyalität ist Anhänglichkeit wider aller Vernunft, ist Verbindlichkeit über den Tod hinaus, und das hat sie mit der Religion gemeinsam. Aber, und das ist wahrscheinlich die wertvollste Erkenntnis: Sie passiert.

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