Die Luckenbolde

Alexander Wallasch25.02.2014Innenpolitik, Medien

AfD-Chef Bernd Lucke hat die Sendung von Michel Friedman nach nur elf Minuten verlassen. Wenn das mal keine Win-Win-Situation für beide war!

_Manchmal möchte ich schon mit Dir,_
_diesen unerlaubten Weg zu Ende gehen_
_manchmal möcht ich so gern mit Dir_
_Hand in Hand ganz nah an einem Abgrund stehen_

_Trotzdem fühle ich mich hin und her gerissen,_
_und die Sehnsucht macht sich breit auf meinem Kissen_
_Du versprichst mir die Erfüllung meiner Träume_
_da „Nein“ zu sagen fällt unendlich schwer._

_Roland Kaiser_

Wussten Sie eigentlich, dass Bernd Lucke zwischen 1995 und 1996 im Erziehungsurlaub war? Bernd wer? Na dieser schmallippige, nette Herr mit den ostpreußischen Augen von Roland Kaiser. Na Sie wissen schon, Bernd Lucke, Vorstand und Gesicht der „Alternative für Deutschland“. Der hat also mal pausiert, um seiner Frau die Arbeit mit fünf Kindern abzunehmen. Das machen wenige. Das hat mir imponiert. Ist der eigentlich verbeamtet? Dann könnte so etwas vielleicht einfacher sein. Egal. Jedenfalls probiere ich jetzt mal was, was den einen oder anderen deutschen Bedenkenträger möglicherweise arg provozieren könnte: Ich gestehe, ich mag den fünffachen Familienvater. Zunächst mal als Typ, als Mensch, was natürlich ganz subjektiv ist, aber ich kann das trennen.

Noch mehr mag ich den Lucke aber für seine Opferbereitschaft. Der nimmt die Schläge wirklich, wie sie kommen. Seinen Adrenalin-Spiegel hat er perfekt im Griff. Ist da womöglich irgendwas, das christlich verortet ist? Liegt’s an seiner Freikirchlichkeit? Okay, das wäre schade, aber ich will das gerne für den Moment verdrängen. Denn das darf doch nicht wahr sein, was sich 2014 ein führender Politiker einer Partei, die längst einflussreicher und bedeutender ist als diese elende FDP, was sich so einer quer durch alle Medien für einen schweinischen Stil gefallen lassen muss. So etwas ärgert maßlos. Das nimmt sofort für den Menschen ein.

Schweinerei als Abendgruß für die Zuschauer

Nehmen wir zunächst noch mal seinen letzten Auftritt bei „Hart aber Fair“. Ich weiß nicht, was man daran noch heruminterpretieren kann. Keine Ahnung, ob da die Redaktion dahintersteckte, oder ob dieser unmögliche Herr Plasberg sich das womöglich alleine ausgedacht haben kann. Die Sache war maximal zum Fremdschämen.

Thema war das Abstimmungsergebnis der Schweizer zur Reglung von Zuwanderung. Bei „Hart aber Fair“ werden Argumente ausgetauscht und das bekannte Spiel gespielt, wer seine nun am publikumswirksamsten und überzeugendsten vortragen kann. Gut. Der Winner des Abends war dann aber – ja doch – Bernd Lucke im Verbund mit dem Schweizer Roger Köppel, Chefredakteur des Schweizer Wochenmagazins „Weltwoche“.

Sicher, wer den Lucke und seine Politik schon vorher nicht mochte, hatte Ressentiments. Aber ich behaupte mal, selbst unter denen muss eine unterbewusste Empörung über das Verhalten dieses menschlich so abstoßenden Herrn Plasberg entstanden sein. Denn als alle Argumente ausgetauscht waren und klar war, wer zumindest inhaltlich den Blumenpott nach Hause trägt, zog Plasberg ein Kruppstahl-Einspieler-Knüppelchen und zog seinem Gast Lucke frontal einen über, mit einem an Lächerlichkeit grenzendem Pathologisierungsversuch.

Ehrlich, so etwas – dachte ich zumindest zuvor – kann man nur beim Studium alter sowjetischer Schauprozesse lernen. Lucke erkannte es auch sofort, als er noch vor Einspielerstart kommentierte: „Jetzt kommt wieder das Lucke-Bashing!“ Und es kam in Form eines Schizophrenie-Vorwurfs nicht im schreienden zwar, aber im Plasberg-debil-sedierten, durchweg süffisant grinsenden Andrei-Wyschinski-Style. Wenig später war die Sendung vorbei. Und die Schweinerei als Abendgruß für den Zuschauer passiert.

Der AfD fehlt die erkennbare Vision

Bevor ich nun zur aktuellen Sauerei um den Demokraten Lucke und den Moderator Michel Friedman komme, ein persönliches Wort zur AfD. Wenn das ihre Partei der Wahl ist, also die Partei, der Sie Ihre Stimme geben wollen: Warum nicht? Das ist doch Ihr gutes demokratisches Recht und es spricht überhaupt nichts dagegen. Lassen Sie sich dabei von niemandem bussig machen. Wählen Sie einfach. Und stehen Sie öffentlich dazu, wenn Sie mögen.

Für mich habe ich allerdings, völlig unbeeindruckt von meinem Solidaritätsgefühl für Bernd Lucke, entschieden, der AfD nicht meine Stimme zu geben. Einfach, weil ich den Optimismus dieser Partei nicht teilen kann. Ich bin sogar fest davon überzeugt, und die Behandlung des Herrn Lucke in allen Medien ist ein wichtiges Indiz dafür, dass eine anti-europäische Haltung und die Forderung einer schrittweisen Abschaffung des Euro in Deutschland heute auf demselben Level bekämpft werden, als würde man beispielsweise die Wiedereingliederung Schlesiens an Deutschland fordern.

Es ist heute bereits völlig illusorisch, anzunehmen, dass die mächtigen Profiteure der EU und des Euros auch nur einen Fußbreit Platz machen für eine Euro-freie „Alternative für Deutschland“. Die Gewinne dieser Klientel sind einfach immer noch zu astronomisch hoch. Lieber würde man dem Land über ihre gefügigen Helferlein im Parlament ein paar der demokratischen Gepflogenheiten streichen lassen, bevor man zulassen würde, dass da einer der dümmsten und fettesten Spieler den europäischen Pokertisch verlässt, nur weil Mutti Lucke von hinten mit dem Abendbrot-Gong käme.

Ein weiteres Veto lege ich allerdings ebenfalls dort ein, wo der heute typische AfD-Kritiker ansetzt. Ich sehe die soziale, die freiheitliche, die visionär-fortschrittliche Komponente nicht. Da fehlt mir einfach die erkennbare Vision. Der Veränderungswillen zum Besseren hin. Der intelligente Neuvorschlag. Kann ja sein, dass da einer ist, mir erschließt er sich leider nicht. Und da geht es mir wie vielen anderen auch. Ich kann Ihnen da keine buchreife Analyse liefern, ich entscheide das, wie Sie vielleicht auch, aus einer Mischung aus Informationsanalyse und Bauchgefühl. Und ich bin sogar bereit, das öffentlich zuzugeben.

Außerdem kommt mir dann doch noch der religiös-freikirchliche Hintergrund des Bernd Lucke in die Quere. So mutig und sympathisch er auch den Medien-Müll über sich ergehen lässt, so sehr – und das ist jetzt wieder eine rein subjektive Wahrnehmung – steht zu befürchten, dass er ebenso unnachgiebig ist, wenn seine Partei machtpolitischen Einfluss hätte. Da möchte man keine Minderheit mit anderer Haltung sein.

Ich sehe die Arbeit der Linken übrigens als genau so sinnlos an, was die Reaktion der Profiteure angeht – aber mir ist die Sozialkomponente, die Zielgruppe, für die man vorgibt, sich einzusetzen, sympathischer, die Menschen außerhalb des Futtertrogs. Was diese überzeugendere traditionelle Vision angeht, bin ich wahrscheinlich Nostalgiker.

Michel Friedman, genial defekte Dialektikmaschine

Nun aber zu Michel Friedman. Den mag ich prinzipiell auch. Sein Auftritt mit dem leider viel zu früh verstorbenen Christoph Schlingensief bei „Durch die Nacht mit…“ ist Legende. Friedman als wahrscheinlich sympathischstes Arschloch ever. Wie er da den italienischen Kellner anraunzt, Schlingensief aber gefälligst noch mehr Trüffel über die Nudel zu reiben, und ihm dann noch die Nudeln fürsorglich umrührt, das kann man kaum toppen.

Nun gibt es aber auch den anderen Friedman, den Kopfmenschen, diese auf geniale Weise defekte Dialektikmaschine, der, wenn er eine These hat, sich darin derart verbeißen kann, als wäre er so etwas wie ein Verbal-Pitbull. Jeder kennt’s, jeder weiß, wovon ich spreche. Wenn Friedman seine eingeladenen Gesprächspartner mit ihrer Antithese im Rucksack in seiner speziellen Weise missbraucht, nur um die Synthese im Sinne seiner These zu entscheiden, dann wird’s eng mit Sympathien. Dann kann man sich allenfalls noch an der Wucht des Anliegens erfreuen, aber das gelingt besser, wenn es das einzige Anliegen in seiner Runde wäre. Ist es aber ausnahmslos nicht. Denn wer geht schon in eine Talkshow ohne Anliegen?

Bei „Studio Friedman“ wäre das aber maximal empfehlenswert. Das hatte Lucke nicht bedacht. Dabei müsste gerade er die Erfahrung aus einer bereits ausgestrahlten Friedman-Sendung mit Lucke haben. Die Medien berichten nun, dass Lucke nach elf Minuten das Friedman’sche Thesen-Unterbecher-Theater (Ausstrahlung diesen Donnerstag) nicht mehr willens war zu ertragen und das Studio also während der laufenden Sendung verließ, nachdem er wohl mehrfach umsonst darauf hingewiesen hatte, wenigstens einen Satz zu Ende sprechen zu dürfen.

Dass Friedman auch noch schlecht vorbereitet war, ist eine Randnotiz zwar, aber eine ebenfalls gewichtige. Friedman penetrierte Lucke während seiner Sendung mit einem Zitat einer AfDlerin, die dieses Zitat aber nie geäußert hatte! Die Sache hat also zusätzlich einen Beigeschmack.

Und Lucke hat auch hier alles richtig gemacht, wenn man sein Medienberater wäre. Denn eines bleibt dann auch an Lucke hängen: Warum zu Friedman gehen, wenn man wissen müsste, was einen erwartet? Kann es sein, dass Friedman Lucke extra so angegangen ist, weil er um den schlechten Ruf des AfDlers weiß, also die Chance, seinen lädierten Ruf zu verbessern, nicht so schlecht stand? Und ist Lucke seinerseits hingegangen, weil er um den Ruf Friedmans weiß? War das alles am Ende also eine für beide perfekte Win-Win-Situation? Na dann ist es ja gut.

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