Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Bertolt Brecht

Schizophrener Wasserträger

Entweder Interims-Europäer-Häuptling oder Deutscher. Martin Schulz versuchte in der Knesset den Spagat und scheiterte leider kläglich.

Blauäugig in einem Trojanischen Pferd ganz aus Glas in die Knesset gestolpert – so ungefähr könnte man den tölpelhaften Eselsritt des deutschen Politikers Martin Schulz im Gewande des EU-Parlamentspräsidenten in Jerusalem umschreiben. Oder in der Kurzfassung: Dümmer geht nimmer.

Fast schon unerklärlich, wie man sich als Deutscher und gleichzeitig höchster Vertreter der EU in Sachen Auslandsfragen in Israel so unvorbereitet und so peinlich verheddern kann. Am Anfang hätte – wenn man schon mit zwei Identitäten durch die Welt marschiert – eine Art Selbsterkenntnis stehen müssen. Wer bin ich, wer möchte ich diesmal sein? Oder geht beides auf einmal? Will ich für die Wünsche, Bedenken und Geschicke der Europäischen Gemeinschaft vorstellig werden und gleichzeitig in meiner Rolle als einflussreicher deutscher Politiker dort auftreten?

Klar könnte man. So eine Schizophrenie wächst sich ja aus. Aber dann darf man kein diplomatisch-geistiger Zwerg sein und muss wissen, was zu tun ist und was eindeutig nicht. Zum ersten Stolperstein wurde Martin Schulz die fehlende einheitliche Verkehrssprache der EU.

Im Europa-Modus

So tritt Schulz, der sich ganz kühn vorgenommen hat, auf Deutsch aufzuschlagen, aus historischer Verantwortung zunächst nicht als EU-Parlamentspräsident vor die Knesset, sondern als Deutscher und dankt den Abgeordneten der Knesset dafür, dass er in seiner Muttersprache sprechen darf.

Aber die Sprache allein wird für Martin Schulz an diesem Tag nicht der einzige Hindernisparcours, den er umschiffen muss, bis er sagen kann, was er als EU-Parlamentspräsident vor dem Hohen Haus zu sagen beabsichtigt hatte. Also spricht zunächst der deutsche Staatsbürger Martin Schulz und plaudert aus dem Nähkästchen, dass die Verbrechen der Nazis für ihn persönlich erster Beweggrund waren, sich überhaupt politisch zu engagieren und weiter, dass im Namen der deutschen Nation nie wieder gut zu machendes Leid über das jüdische Volk gebracht wurde.

Nun versucht er den Brückenschlag vom deutschen Politiker hin zum EU-Parlamentspräsidenten, indem er erklärt: „Als ein Deutscher in einem politischen, zudem in einem internationalen Amt, empfinde ich es als meine oberste Pflicht, den Schwur einzulösen: Niemals wieder. Niemals vergessen.“ Den Europa-Modus behält er bei, indem er der Knesset von seiner Bestürzung berichtet über neue antisemitische, ultranationale und populistische Denkweisen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

Dann erfolgt Brückenschlag Nr. 2 mit der Erklärung, dass die Europäische Union nichts anderes sei als die direkte Antwort auf das Morden „in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Diese (europäischen) Strukturen hätten „die alten Dämonen gebannt und Europa ein Immunsystem gegen Kriege geschenkt“. Also in der Kurzfassung vor der Knesset: Die Geburtsstunde der „EU“ ist die Reaktion auf den Holocaust. Inklusive eines klaren Bekenntnisses „zum Existenzrecht Israels und zum Recht des jüdischen Volkes, in Sicherheit und Frieden zu leben. Die Europäische Union wird immer an der Seite Israels stehen.“

Der Stein des Anstoßes

Nach dem Eklat, zu dem wir gleich kommen, wird Martin Schulz, sich auf diese und weitere Passagen berufend, verblüfft erklären: „Ich war überrascht und betroffen von der harschen Reaktion, denn ich habe eine pro-israelische Rede gehalten.“ Und das klang dann geradezu so, als wäre eben diese Pro-Israel-Haltung selbstverständliche Verpflichtung eines Europäers, oder doch nur die des Deutschen?

Das passt dann noch weniger zusammen mit seiner zur Schau gestellten Gelassenheit während seiner Rede, als ihn ein Knesset-Abgeordneter lautstark als Lügner beschimpft. Schulz wird seine Ruhe später damit erklären, dass der Streit im EU-Parlament ja teils noch härter geführt werde.

Halten wir also fest: Martin Schulz ist zunächst fest davon überzeugt, dass er den Abgeordneten der Knesset eine besonders hohe Hürde aufstellt, wenn er in der Sprache der Henker als Angehöriger der Nation der Henker im israelischen Parlament spricht, in einem Land, in dem die kollektive Erinnerung an den Holocaust selbstverständlicher Eckpfeiler der israelischen Identität geworden ist.

Und, jetzt kommen wir also zum Stein des Anstoßes: Ausgerechnet vor der Knesset erzählt der Deutsche auf Deutsch den Abgeordneten von einer Begegnung mit jungen Palästinensern, die ihn gefragt hätten, warum ein Israeli täglich viermal mehr Wasser verbrauchen dürfe als ein Palästinenser.

Kläglich gescheitert

Ein Wunder eigentlich, dass sich nicht noch mehr Abgeordnete direkt empört haben und nicht erst unter Einhaltung der Gastfreundschaft im Nachgang, wie Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, der erklärte, Schulz verharmlose die Bedrohungen, denen Israel ausgesetzt sei, und erliege „wie so viele Europäer einer selektiven Wahrnehmung“.

Wir erinnern uns hier an die einleitenden Worte Martin Schulz’, die ja nichts weniger besagten, als dass der Grund dafür, warum ein Israeli in Israel überhaupt Wasser trinken kann, der ist, dass seine Vorfahren zu jenen Juden zählen müssen, die den Holocaust überlebt haben bzw. sich zu dem Zeitpunkt nicht im Zugriffsbereich der deutschen Judenjäger befanden.

Schulz verteidigte sich später gegen die Vorwürfe damit, dass er ja in der Knesset verpflichtet gewesen sei, die Position des Europäischen Parlaments darzulegen. Und dass er natürlich nicht nur die Dinge hätte sagen können, die allen gefallen. Er müsse eben auch die konfliktträchtigen Dinge vortragen.

Das ist ebenso blauäugig wie die amateurhafte Inszenierung seines Gesamtauftritts und seiner Rede im Detail. Denn das würde ja voraussetzen, dass es möglich ist, seine Rolle als EU-Parlamentspräsident von der des Deutschen zu trennen. Aber genau damit ist Martin Schulz kläglich gescheitert.

Deutsch-europäisches Zwitterwesen

Die Behauptung übrigens, es würde sich bei den Protestlern um radikale Einzelne handeln, ist eine Beschwichtigung, vorgetragen von beiden Seiten. Eine nachgeschobene Diplomatie. Denn wenn selbst der israelische Regierungschef einem der wichtigsten Vertreter europäischer Politik eine Lehrstunde in Wahrnehmung erteilen muss, dann handelt es sich hier nicht mehr um irgendwelche Randerscheinungen.

Ja, Martin Schulz hat sich ungeschickt und blauäugig verhalten. Wer sich als deutsch-europäisches Zwitterwesen in der Knesset aufstellt, hat sich für keine klare Linie entschieden. Denn entweder spricht er Englisch, die inoffizielle europäische Verkehrssprache und macht den Abgeordneten von Anfang an klar, dass hier eine Art Interims-Europäer-Häuptling steht, der nur zufällig deutsche Wurzeln hat, oder er kommt als Deutscher nach Israel und hängt sein blaues Sternenbanner am Garderobenhaken ab.

Wer aber zunächst minutenlang und einleitend an die ungeheure deutsche Schuld erinnert, der muss sich nicht wundern, wenn die Abgeordneten darin wenig später eine Art Schizophrenie diagnostizieren, eine Lüge erkennen, wenn sie von demselben Menschen indirekt beschuldigt werden, einem Palästinenserjungen vom durstlöschenden Brunnen gestoßen zu haben.

Wohl gemerkt, es scheint tatsächlich so, als gäbe es diese Wasserungerechtigkeit, wie der israelische Botschafter in Deutschland andeutete. Aber es muss den Israelis in ihrem Parlament nicht ausgerechnet von einem Deutschen erklärt werden, der augenscheinlich noch ein Problem mit seiner Rollenfindung hat.

Nur zwei Alternativen möglich

Nein, es kann und darf eigentlich überhaupt nicht die Rolle eines Deutschen sein, dem israelischen Parlament auch nur irgendetwas vorzuhalten. Denn das passt nicht zusammen mit der Schulz’schen Feststellung, dass die Europäische Union nichts anderes sei, als die direkte Antwort auf das Morden „in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“.

Dann gäbe es nämlich nur zwei Alternativen: Entweder erklären wir es uns als Deutsche zur Aufgabe, der von Schulz so bezeichneten „historischen Verantwortung“ gegenüber den Juden und gegenüber Israel gerecht zu werden, indem wir diese Verantwortung in einem vereinten Europa ebenso fest verankern, wie wir sie in unserer deutschen DNA verankert haben, oder wir stellen eben ein für alle Mal fest, dass wir als Deutsche, und bezogen auf unser Verhältnis zu Israel, eben niemals eine vollständige europäische Einheit vollziehen können, weil wir diese historische Verantwortung mit dem Übergang Deutschlands in ein vereintes Europa dann an der Pforte abgeben oder den anderen Mitgliedern mit aufbürden müssten.

Mit dem Verlust der deutschen Identität in einem europäischen Haus würde zwangsläufig auch die „historische deutsche Verantwortung“ verloren gehen. Und das kann ja nicht Teil der Idee Europas gewesen sein. Oder doch?

Also Martin Schulz, was sind Sie, was wollen Sie sein, Deutscher oder Europäer? Erklären Sie das den Abgeordneten bitte beim nächsten Mal, wenn Sie sich unbedingt vor der Knesset zum Anwalt palästinensischer Wasserknappheit machen müssen und wenn Sie das nicht einfach den englischen oder französischen Kollegen überlassen wollen, die da sicher deutlich anders herangehen können als der Deutscheuropäer Martin Schulz.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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