Liebesgrüße aus Sotschi

Alexander Wallasch9.02.2014Außenpolitik

2014 ist nicht 1936. Warum der Boykott von Sotschi lächerlich ist und es jetzt einfach um Sport geht.

Nun ist es so weit, Sotschi ist endlich auch offiziell winterolympisch geworden, die russische Eröffnung gelaufen. Und was das doch für eine seltsame Mischung aus pjöngjangscher Disziplin und Bolschoi-Theater-Bühnenbild war! Was zunächst fast in nostalgischer Ost-West-Konflikt-Atmosphäre startete, verwandelte sich spätestens nach dem Fackelzug der Altersathleten, übrigens eine deutsche Erfindung von Olympia 1936, zu einem disneybunten Dubai-Spektakel.

Macht nichts. Schön war es. Dieser hartnäckige Splitter russische Seele, diese konsaliksche Kriegsgefangenen-Traurigkeit hatten sich schon in den ersten Minuten in die dafür anfälligen deutschen Fernsehzuschauer gebohrt. War das wunderschön, dieses aufflammende fernsehgemütliche Ivan-Rebroff-Feeling.

Ein Boykott beruhigt das eigene Gewissen

Der Wechsel hinüber zur quietschbunten Al-Maktum-Inszenierung passt dann auch viel besser zum Regenbogen-Jacken-Einmarsch der deutschen Athleten. Schade, dass sich Willy Bogner, der für diesen matschigen Fruchtsalat in Stepp verantwortlich zeichnet, ausdrücklich von der Idee einer Solidaritätsbekundung für die Schwulen- und Lesbenbewegung distanzierte und ohne Not darauf verwies, sein Design wäre doch nur eine Hommage an die Sommerspiele von München 1972 gewesen. Hä? Das war natürlich lupenreine Entspannungspolitik. Aber warum eigentlich?

Egal. Denn die Teilnahme an Olympischen Spielen hat noch zu keiner Zeit Politik verändert, ebenso wenig übrigens wie Nichtteilnahmen, wie Montreal und Moskau bewiesen haben. Nein, der Boykott von sportlichen Großveranstaltungen ist nicht das Mittel der Wahl, um politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Allerdings lässt sich auch das Gegenteil schwer widerlegen, denn dafür müsste man unmöglich beide Versionen ein und derselben Veranstaltung vergleichen. Was unwidersprochen gesagt werden kann: Ein Boykott beruhigt das eigene Gewissen.

Weshalb boykottieren? Klar, es ist nicht nur diese verstörende russische Schwulenpolitik, die einlädt, fernzubleiben. Denn der Eindruck entsteht ja, als wäre eben diese hinterwäldlerische Menschenverachtung zentrales Problem Putinrusslands. Aber: Menschenrechtsverletzungen, Korruption, fehlende Pressefreiheit – die Liste ist lang.

Hitlers 1936er-Olympiade?

Das sah auch der deutsche Bundespräsident so. Gut, der Mann ist erfolgreichster deutscher Antikommunist, da passt so eine zur Schau gestellte Scheu gegenüber dem Ex-KGB-Agenten an Russlands Spitze gut in die persönliche Vita. Und wer bastelt in Deutschland pathetischer an seinem furchtbar langen Wikipedia-Eintrag, also an seiner Unsterblichkeit, als unser Rostocker Shar-Pei?

Ironischerweise klang dann auch die Argumentation Putins weitaus überzeugender. Der nämlich erklärte solche Boykotte zu „Überbleibseln eines vergangenen und alten Denkens“. Es sei „dumm, diese Möglichkeit nicht zu nutzen. Und es ist noch viel dümmer, die Brücken zu verbrennen“.

Und ohne Zweifel darf man Putins Lippenbekenntnis ernst nehmen: „Wir werden alles tun, um sicherzustellen, dass sich Athleten, Fans und Gäste bei den Olympischen Spielen wohlfühlen, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, der Rasse oder der sexuellen Ausrichtung.“ Man darf ihn nicht in einen Kontext setzen mit Hitlers 1936er-Olympiade, wie es der Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow medienwirksam getan hat, jener Kasparow mit zweiten Wohnsitz in Manhattan, der seine Popularität schon seit Jahrzehnten erfolglos nutzt, dieser widerlichen Form des jelzinschen Selbstbedienungskapitalismus in Russland eine zweite Chance zu geben.

Lächerlich belangloser Boykott

Nein, es ist wohl mittlerweile tatsächlich so, lupenreine Demokratien lassen sich in der heißen Phase eines globalen Eroberungsfeldzuges des internationalen Finanzkapitalismus nur durch antidemokratische Maßnahmen verteidigen. Ein Paradoxon? Sicherlich. Aber so wie niemand mehr recht glauben mag, dass es Klitschko in der Ukraine ausschließlich um eine Stabilisierung der Demokratie geht, oder dass in Syrien ein Volksaufstand stattfindet, so beweist auch der erstaunliche Überlebenswille alter und neuer revolutionärer Bewegungen in Lateinamerika – allen voran natürlich Kuba – den Wahrheitsgehalt des Widerspruches: Demokratie hat als absoluter Wert ebenso verloren, wie die Pioniere der Demokratie – allen voran die USA – mit ihren Kriegen, ihren kriegsstiftenden Maßnahmen und ihrer in rasender Geschwindigkeit im Stechschritt voranschreitenden NSA-Welt-Gestapo heute jeden Boykott rechtfertigen würden.

Zumal so einen lächerlich belanglosen Boykott wie die Abwesenheit politischer Würdenträger auf den Gästetribünen in Sotschi. Oder wie es Ex-Bundeskanzler Schröder braungebrannt fröhlich und sicher auch Richtung Gauck für die ARD formulierte: „Da toben sich doch Leute in Deutschland aus, es ist eine Katastrophe.“ Die Party in diesem winterlich geschmückten Putin-Venice-Beach kann also flott losgehen. Ebenso wie sie losgehen könnte in irgendeiner x-beliebigen vergleichbar defekten Demokratie.

Aufregende Putin-Spiele

Die alte und neue freie Welt hat heute mehrheitlich solche Kriegszustands-Defekte. Und es besteht keine Hoffnung, dass das in naher Zukunft anders sein wird. Aber solange diese Demokratiedefizite dem Schutz derselben dienen, soll es doch bitte weiter im flotten Tempo die Buckelpiste runtergehen – notfalls eben mit überkreuzten Skiern mitten hinein in den steilen Backflip Cross. Lasst diese aufregenden Putin-Spiele sportlich aufregend werden.

Oder, um es nach dem russischen Literaturgiganten Tolstoi zu sagen: Alle glücklichen Demokratien sind einander ähnlich; unglücklich ist jede Demokratie auf ihre eigene Art.

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