Gelb. Und gut.

Alexander Wallasch21.01.2014Wirtschaft

Jetzt mal halblang! Wenn es bei den Enthüllungen der letzten Tage bleibt, dann wird von dem ADAC-Skandal nicht viel übrig bleiben außer der Geltungssucht eines Einzelnen.

Große Aufregung rund um den Allgemeinen Deutschen Automobil-Club e.V., kurz ADAC. Eine große Schreierei quer durch alle Gazetten: „Betrug!“ Und klar, betrogen wurde tatsächlich. Die Täter sitzen auch schon auf der Anklagebank: Ein paar aufgeblasene Zahlen und ein hauptverantwortlicher Zahlenbläser, der bereits gegangen wurde.

Hurenlohn à la ADAC

Ein Frank S. kommentiert dazu auf der “ADAC-Facebook-Seite”:https://www.facebook.com/ADAC, die aktuell noch 415.000 Likes hat: „Klar bleibe ich Mitglied. Es ist aber wie in jedem Unternehmen. Der Wasserkopf ist zu voll und die Herren Anzugträger sind alle korrupt und gierig. Das war doch nur die Spinnerei von einem Einzelnen. Das hat doch nichts mit den Leistungen und super Service des ADAC zu tun!“

Und eine Jenny E. erklärt im selben Sound: „Mir ist die Wahl des Gelben Engels egal, wenn ich mit ner Panne auf der Autobahn stehe! Ich bleibe. Stets professionelle Hilfe.“ Und so geht das dann – natürlich immer befeuert von ein paar aufheizenden Anti-Stimmen – gefühlte Kilometer lang die ganze ADAC-Facebook-Seite rauf und runter. Und ein bisschen geht es einem in diesem Moment wie damals, als bekannt wurde, dass ein paar hohe Gewerkschafter ihre Arbeit so anstrengend fanden, dass sie es okay fanden, sich dafür mit Hurendiensten belohnen zu müssen.

Ja, der ADAC, das ist so etwas wie die Gewerkschaft der bundesdeutschen Autofahrer. Nur dass bei diesem ADAC-Skandal der Hurenlohn darin bestand, dass ein windiger Leiter der Öffentlichkeitsarbeit und Chefredakteur des ADAC-Magazins „Motorwelt“ sich in Wohlgefallen sonnte und diesen Platz an der Sonne meinte damit erreichen zu können, indem er seine Redaktion so weit korrumpierte, dass die die Teilnehmerzahlen einer Leserwahl „Lieblingsauto“ kurzerhand nullten. Also einfach eine Null hinten dran gehängt und so den Eindruck erweckt, es wären ein paar zehntausend Leser mehr, die ihre Stimme für das Auto des Jahres abgaben. Das ist nüchtern betrachtet natürlich albern. Aber die Hintergründe dieses albernen Hurendienstes werden sich früher oder später aufklären lassen. Die im Moment wahrscheinlichste Annahme bleibt die Geltungssucht eines Einzelnen.

Denn bei der Leserwahl ist das prozentuale Verhältnis der jeweiligen Automodelle zueinander wohl nahezu identisch geblieben. Es muss also wahrscheinlich kein Preis zurückgegeben werden. Alle Automobile fahren also weiterhin in derselben Reihenfolge. Wenn auch die Zahl der Jury-Mitglieder brutal geschrumpft wurde.

Hochzeit der Verschwörungstheoretiker

Natürlich öffnen solche Vorfälle Verschwörungstheorien Tür und Tor: Wenn so oft immer die gleichen Marken gewinnen und immer die gleichen Mitbewerberautos auf den unteren Rängen landen und man noch dazu ahnen darf, welchen Einfluss solche Rankings auf das Kaufverhalten der europäischen Kunden haben, dann ist es ganz einfach, diesen automobilen Verlierern zu unterstellen, sie hätten sich eine Schwachstelle gesucht, diesen Erfolg der Besten zu diskreditieren.

Michael Ramstetter war wohl so eine geltungssüchtige Schwachstelle. Aber solange nichts anderes bewiesen wird, gilt auch für ihn die Unschuldsvermutung Dritter Klasse, bzw. muss weiterhin nur seine dreiste Dummheit angenommen werden. Das sieht Dr. Karl Obermair, Vorsitzender der ADAC-Geschäftsführung, offensichtlich ebenso, wenn er öffentlich erklärt: „Ich bin fassungslos über die Dreistigkeit des Fehlverhaltens einer einzelnen Führungskraft, für den selbstverständlich bis zuletzt die Unschuldsvermutung gegolten hat. Dem ADAC ist dadurch schlimmer Schaden zugefügt worden.“

Ein großer Schaden. Sicherlich. Aber, wenn nichts Neues hinzukommt und sich alle Fakten nur bestätigen, Michael Ramstetter also nur der eitle Karrierist und Wichtigtuer bleibt, ist der Schaden überschaubar: So zumindest scheinen das auch die meisten Mitglieder in ihren Social-Media-Kommentaren zu beurteilen. Nein, hier wurde kein öffentliches Amt beschmutzt, hier fand keine kollektive, milliardenschwere Bereicherung Weniger statt.

Die Erfahrungen der Menschen aus den Skandalen der Gegenwart bewirken in diesem speziellen Falle sogar das Gegenteil: Eine trotzige Treue, die einfach rührend ist. Was erwarten Menschen denn heute noch von ihren Banken? Was von ihren Politikern? Gar nichts. Was sind die zählbaren Leistungen, auf die sie hoffen dürfen? Gar keine. Aber noch fast jedes der Millionen ADAC-Mitglieder weiß um die unumstößlichen Leistungen seines Vereins. Aus eigener Erfahrung! Wer stand nicht schon mal nachts mit seinem kaputten Fahrzeug unter einer flackernden Laterne und wartete mal kürzer, selten länger, aber immer erfolgreich auf die Männer in den gelben Autos?

Es gibt wohl kaum eine private deutsche KFZ-Werkstatt- oder Pannenhilfe-Leistung, die mit so viel Kontinuität, Fachkompetenz und einem so hohen Maß an Kameradschaft und Hilfsbereitschaft aufwarten kann wie die Besatzungen der 1.700 Pannendienstfahrzeuge mit weit über 4 Millionen Einsätzen jährlich.

Zuverlässig in ganz Europa

Mehr noch, der deutsche KFZ-Fahrer kann sich in fast ganz Europa darauf verlassen, dass ihm auch dort geholfen wird, wenn die Karre nicht mehr so will, wie sie eigentlich laut Hersteller sollte. Maßstab allen Handelns des ADAC bleiben die Wünsche und Bedürfnisse seiner Mitglieder. Das ist nicht irgendeine Werbeflyer-Floskel, sondern auf der Straße, dort wo es brenzlig wird, nachprüfbar und obendrein im Leitbild des ADAC festgeschrieben, also für alle bindend. Der aalglatte Michael Ramstetter hatte das vergessen. Deshalb musste er seinen Parkplatz in München in der Hansastraße jetzt auch frei machen.

Aber der ADAC wird diese Krise noch aus einem ganz anderen Grund heil überstehen. In diesem Verein zahlen Mitglieder unabhängig von der Fahrzeugklasse oder dem Fahrzeug prinzipiell alle den gleichen Beitrag. Ebenso die Tatsache, dass Autofahr-Neulinge nicht etwa als potenzielle Risikogruppe durchgehen, also mehr bezahlen müssen, sondern das exakte Gegenteil: Der Junior zahlt deutlich weniger. Das ist keine Werbung, sondern schon deshalb hier erwähnenswert, weil dieses zutiefst solidarische Prinzip akut vom Aussterben bedroht ist. Viele Krankenkassen und Versicherungen nennen heute ihre asozialen Baukasten-Leistungssysteme „gerechter“ – dabei ist der Mensch in diesen Systemen längst zum Risikofaktor verkommen. Eigentlich eine echte Schande.

Also höchste Zeit, in diese ganze Hysterie hinein, die Sache beim Namen zu nennen: Der ADAC, das ist ein erstaunlich fitter und gesunder Überlebender des guten Deutschlands. Ein Veteran zwar, aber eine Institution mit diesem beruhigenden Atem der alten Bonner Republik. Wenn der gelbe Hubschrauber kreist, dann recken die Kinder ihre Hälse, als käme der Eiswagen klingelnd ums Eck gefahren. ADAC, das sind die ADAC-Reisekarten, das ist der Brennerpass, das sind Rimini und die Urlaubsreise an die Costa Brava. Das sind Luftmatratzen, die Vati noch mit dem Mund aufblies und der gelbe Wasserball, der Muttis Puste-Aufgabe war. Ehrlichkeit, Fleiß und Stolz. Das Auto von Volkswagen, das Benzin von Aral und die Sicherheit vom ADAC. Ganze Generationen mobilitätsverliebter Menschen in Deutschland sind so aufgewachsen. Manche natürlich auch mit BMW, Mercedes und Shell oder Texaco. Aber das soll hier keine Rolle spielen, denn es bedeutet das Gleiche.

18 Millionen zufriedene Mitglieder

Dass nun die raue Mentalität des neokapitalistisch-entfesselten 21. Jahrhunderts auch mal beim ADAC in den Verwaltungsetagen angeklopft hat, war erwartbar. Die Aasgeier der persönlichen Bereicherung mussten zwangsläufig von über einer Milliarde Euro an Mitgliedsbeiträgen jährlich angezogen werden. Aber solange die Jagdflinten der Solidarität der Mitglieder noch geputzt, geladen und schussbereit sind, muss niemandem bange sein. Höchste Zeit allerdings, mal ein paar Warnschüsse Richtung Geschäftsführung abzugeben. Dann bleibt auch alles gut bei unserem ADAC. Dann fliegen die Gelben Engel einfach munter immer weiter. Einfach, weil über 18 Millionen zufriedene Mitglieder das so wollen.

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