Aus die Maus

Alexander Wallasch13.01.2014Gesellschaft & Kultur

In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ beschreibt Sascha Lobo seine Abkehr vom Internet. Leider scheint er nicht bemerkt zu haben, dass er selbst nicht mehr dazugehört.

Es ist wohl so, nur wer einmal richtig geliebt hat, kann auch ordentlich hassen. Und was uns Sascha Lobo, dieser Till EulenSpon des Internets, “da an diesem Sonntag in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ um die Ohren haut”:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/sascha-lobo-das-internet-ist-nicht-das-wofuer-ich-es-gehalten-habe-12747989.html, ist der letzte Akt seines persönlichen Dramas. Die Bekenntnisse eines virtuellen Hochstaplers, dieses egoistischen Träumers mit Hafenstraßenflair und viel Gefühl für Menschen. Und noch mehr für ihre Avatare, denen er jetzt adieu sagt. Und das macht er dann gleich so, als wäre er der olle Luther höchstselbst und die Zeitung das Thesentor der Schlosskirche zu Wittenberg.
Confessio est regina probationum.

Erste These dieses Lobo’schen Offenbarungseides: „Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe.“ Zweite These: „Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie, der Emanzipation, der Selbstbefreiung.“ Dritte These: „Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert.“ Letzte These und Abgesang: „Das Internet ist kaputt.“

Die Heimkehr des Sünders ins Analoge

Und eigentlich hatte es uns dieser Narr mit seiner ulkigen quietschroten Punker-Narrenkappe ja “bereits im Dezember 2011 in seiner „SPON“-Kolumne mitgeteilt”:http://www.spiegel.de/netzwelt/web/s-p-o-n-die-mensch-maschine-quatsch-ist-systemrelevant-a-804786.html: „Um das digitale Deutschland voranzubringen, fehlt eine gewisse Quatschbereitschaft des Volkes.“

Wie sehr sich nun einer, der sich selbst bis heute als Führungspersönlichkeit einer Netz-Elite sieht, dabei verquatschen konnte, selbstkasteit er dann ziemlich selbstverliebt in diesem zum Schafottgang hochgeschriebenen Buchstabenritt seines essayistischen Requiems auf Internet und Co.: „Die digitale Kränkung des Menschen“. Angelehnt an nichts weniger als Sigmund Freuds Begriff für geschichtliche Ereignisse, die nach psychoanalytischer Meinung Stolz und Selbstwertgefühl der Menschheit tief verletzt haben. Der Mann ist also tief verletzt.

Wenn man an dem Punkt noch nicht genügend vereinnahmt ist von der Heimkehr des Sünders ins Analoge, man fände vielleicht gerade noch Kraft, die Frage zu stellen, wie relevant die Bekenntnisse dieses Internetschwärmers wirklich sind, der in seiner ehemals favorisierten digitalen Burg 2014 höchstens noch als Graue Eminenz, als ziemlich geschäftstüchtiger Waldorf & Statler durchgehen mag.

Gemeinschaftlicher Asylantrag in der Sonntagszeitung

Die Internetgemeinde verjüngt sich täglich: Lobo und Co. sind heute die Dinosaurier der Szene. Ach Quatsch, sie sind überhaupt nicht mehr Teil der Szene, weil längst viel lieber im analogen Printgeschäft unterwegs als im virtuellen Raum. Das beste Indiz dafür ist die zeitgleiche Anwesenheit seiner Co-Autorin Kathrin Passig („Internet: Segen oder Fluch“ u.a.) in der Sonntagszeitung, diese sympathisch-natürliche Frau, die immer ein bisschen an eine junge duldsamere Version einer dieser Langhans’schen Haremsdamen erinnert und hier nun ausgerechnet nur eine Seite weiter zitiert wird als Gesprächspartnerin eines Forums über Sinn und Zweck des „Essays“. Großartig. Keiner geht alleine – will, soll, kann man glauben wollen. Gemeinschaftlicher Asylantrag in der Sonntagszeitung. Eine große Enttäuschungsabwanderung. Ein Aufschrei der Etablierung.

2010 erzählte Lobo noch stolz dem „Focus“, er sei „täglich sechs bis acht Stunden aktiv im Netz, online sogar rund um die Uhr mit drei Geräten“. Für viele Jugendliche ist das heute allerdings längst normaler Alltag. Denn wenn in den bundesdeutschen Kinderzimmern um 23:30 Uhr noch Licht brennt, dann ist es das iPhone unter der Decke, bis der Akku streikt oder der kleine User erschöpft über dem kleinen Mistding eingeschlafen ist.

Die totale Interneterschöpfung ist nun bei Sascha Lobo eingeschlagen. Hat er sie gar erfunden, zum ersten Mal gespürt, diagnostiziert und den passigen Impfstoff gefunden? Mitnichten. Als Grund für seine plötzliche Erkenntnis, die ihn mit den Snowden-Enthüllungen wie ein Blitzschlag traf, gibt er schlicht Naivität an. Die „Naivität“ des Verliebten. Trotz Fachwissens habe er es nicht für möglich gehalten, was er jetzt als Realität erkennen muss: die Totalüberwachung des Internets. Und Lobo entschuldigt sich bei den wahren Propheten des Internetzeitalters, bei den Verschwörungstheoretikern, auf deren ihm „irrational erscheinende(n) Warnungen vor Überwachung“ er bisher „herabgeblickt“ hatte, die sich aber „inzwischen als Untertreibung erwiesen“ hätten.

Man darf nur ahnen, was da in dem gefallenen deutschen Internet-Guru vorgegangen sein muss. Beim Lesen weht einem Zeile für Zeile (je Zeile 1,50 Euro und sicher plus Geständnis-Bonus) dieser „Wind of Change“ entgegen, aber in dieser tragischen Ratzinger-Papstrücktrittsversion. Sicher, ein bisschen Schuld daran trifft auch das Medium. Eine ganze fette Seite Frankfurter, noch dazu die Titelseite des Feuilletons, das ist ein eng bedrucktes Blatt Papier in Postergröße. Genug Raum für Lobos Rolle seines Lebens.

Steigern kann das nun nur noch die Verfilmung dieser tragischen Gegenwartsfigur, die bis Snowden glaubte, dass das Internet das ideale Medium der Demokratie, der Freiheit und der Emanzipation sei und das er mehr als einmal in dieser impertinenten Arroganz des totalen Wissens zum Besten gab.

Bewundernswerte Umkehr, alte Punker-Rothaut

Und die am Ende nach der Spähaffäre um die NSA und den neuen Erkenntnissen über Wirtschaftsspionage und den Kontrollwahn der Konzerne erklären muss: Das Internet ist kaputt, weil es als Medium der totalen Kontrolle die Grundlagen der freiheitlichen Gesellschaft untergräbt und als Vehikel der Wirtschaftsspionage auch ökonomisch zerstörerisch wirkt.

Und tatsächlich weiß man am Ende dieses so wunderbar großmäuligen Papiers: Es bleiben in Deutschland die Hochstapler, die Narren, die Großkotze, denen man zuhören sollte, die man sogar bewundern darf. Bewundernswerte Umkehr, alte Punker-Rothaut. Respekt. Oder vornehmer nach Charles Dickens: „Es ist die beste und die schlechteste aller Zeiten, das Zeitalter der Weisheit und der Narrheit.“

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