Nichts tun macht satt. Also tun wir nichts

Alexander Wallasch31.12.2013Innenpolitik

Die einzig wahre Neujahrsansprache der Kanzlerin finden Sie nur hier. Was Angela Merkel eigentlich hätte sagen müssen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

zunächst möchte ich mich bei Ihnen allen herzlich bedanken. Sie machen mir diese Neujahrsansprache sehr leicht. Die große Koalition steht, alle von meiner Regierung vorgenommenen Sedierungsmaßnahmen der letzten Jahre wirken so, wie wir es uns in unseren Herzen gewünscht hatten: Ganz Deutschland schläft trotz dieser denkbar dünnen Decke, die wir aus noch mehr Krediten, Beschwichtigungen, Verharmlosungen und Handlungsunfähigkeit 2013 über sie ausgebreitet haben.

Sigmar Gabriel und ich sehen dabei mit Zuversicht ins neue Jahr, geben Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, uns doch genügend Anlass zur Hoffnung, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird. Wer heute zu Lidl oder Aldi geht, der kann immer noch für einhundert Euro ein paar stattliche Tüten Lebensmittel für sich und seine Familie nach Hause tragen. Selbst ohne geregelte Tätigkeit kann man das bei einem Regelsatz von 384 Euro Woche für Woche wiederholen.

Der Mensch ist nun mal von Natur aus neidisch

Ich verspreche Ihnen heute, dass das auch 2014 so bleiben wird. Wir sind sogar zuversichtlich, dass wir diesen materiellen Wohlstand noch mehren können. Die Wirtschaftsprognosen sprechen für das kommende Jahr eine eindeutige Sprache. Deutschland wird auch 2014 gut aufgestellt sein. Und der Erhalt dieses Wohlstandes hat noch eine Sonnenseite: Zufriedenheit macht unbeschwert! Nur bösartige Zeitgenossen würden das denkfaul nennen. Revolten entstehen nicht aus der Mitte einer satten Gesellschaft.

Sie können sich heute von Deutschland aus in alle Himmelsrichtungen in der Welt umschauen und Sie werden doch keine Gesellschaft finden, der es wesentlich besser geht als Ihrer. Der Mensch ist nun mal von Natur aus neidisch. Als ehemalige Bürgerin der DDR weiß ich um diesen revolutionären Effekt. Ein Land voller satter und zufriedener Menschen, die zudem noch Reisefreiheit genießen, schreit nicht lauthals: „Wir sind das Volk!“, es ist das Volk. Sie sind das deutsche Volk. Und ich bin Ihre Bundeskanzlerin.

Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie mir im vergangenen September für weitere vier Jahre das Vertrauen ausgesprochen haben. Und das, obwohl ich Ihnen ganz bewusst nichts von diesem verderblichen reinen Wein eingeschenkt habe. Oder gerade deshalb. Ich verstehe Ihr Votum dahingehend, dass Sie mir vertrauen und sich mit mir gemeinsam sagen: Solange es noch etwas beim Lidl gibt, oder wo immer Sie schön einkaufen gehen, wird es die alte Dame schon regeln.

Wir-sind-das-Volk-Erfahrung

Ich danke Ihnen, dass Sie das ebenso sehen, wenn es um Ihre Freiheitsrechte geht. Ja doch, dieser Edward Snowden hat im vergangenen Jahr für große Aufregung gesorgt. Als die ersten Zeitungen im Juni vom wohl größten Überwachungsplan aller Zeiten berichteten, war ich sehr erschrocken. Unsere Geheimdienste, das kann ich Ihnen versichern, haben mir erklärt, dass sie darüber ebenso erstaunt waren wie ich. Die Informationen, die nach und nach bekannt wurden, waren in einem Maße alarmierend, dass ich, ausgestattet mit meiner Wir-sind-das-Volk-Erfahrung, mit dem Schlimmsten rechnete, mit Ihnen. Mit Ihrer einhelligen Empörung, die mich zu unbedachtem Handeln gezwungen hätte.

Ich gebe offen zu, dass diese apokalyptische Einschätzung Ihres Protestpotenzials mein größter Fehler des letzten Jahres war. Dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Die schlaflosen Nächte hätte ich mir sparen und lieber mit Ihnen gemeinsam zum Lidl gehen können.

Ich darf und möchte also heute ganz offen zu Ihnen sein: Natürlich hatte ich ein paar Wochen lang Ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen. Und ich war unsicher. Unsicher, ob Sie mir mein Schweigen zu den bekannt gewordenen NSA-Aktivitäten fälschlicherweise als Impertinenz, als Verachtung Ihrer Interessen auslegen könnten. Aber was wäre die Alternative gewesen? Hätte ich Ihnen sagen sollen, dass aus meiner Sicht, aus der Sicht Ihrer Politiker, die nun enger zusammengerückt und sich zu einer Großen Koalition zusammengefunden haben, keine Hoffnung mehr besteht, diesem Spähskandal, dieser größten Gesellschaftskrise des 21. Jahrhunderts, etwas entgegenzusetzen?

Der Zug ist abgefahren

Was hätten Sie gewonnen, außer der beängstigenden Erkenntnis eines bösartigen Krebsgeschwürs, das heimlich angewachsen ist mitten in Ihren so hochgeschätzten Freiheits- und Menschenrechten, für die ich als ehemalige DDR-Bürgerin doch so intensiv gekämpft und die zu erhalten mein Landsmann Bundespräsident Gauck sich zur wichtigsten Aufgabe gemacht hat? Gar nichts.

Das Einzige, was passiert wäre, Ihnen hätte das gute Essen vom Lidl nicht mehr geschmeckt und womöglich wären Sie so kollektiv zornig geworden, ohne auch nur im Geringsten etwas mit Ihrem Zorn erreichen zu können. Ich kann Ihnen versichern, der Zug ist abgefahren. Denn wenn ich Ihre Sorgen teile, öffentlich teile und nach diesem, Ihrem Zorn handeln würde, dann kann es zwar möglicherweise sein, dass es uns gelingen könnte, einen Rest unserer Freiheitsrechte zu erhalten, was uns dann aber nicht mehr gelingen würde, wäre der Erhalt oder sogar die Vermehrung unseres wirtschaftlichen Erfolges, also der Erhalt dieses unschlagbaren Gefühls der Sattheit; diese Freude am Einkaufen und Konsumieren!

Aber Ihre Ruhe zahlt sich aus: Denn selbst dann noch, wenn Sie morgen schon ohne Arbeit sind, garantiere ich Ihnen einen wöchentlichen Einkauf beim Supermarkt Ihres Vertrauens für einhundert Euro. Nennen Sie mir eine einzige Regierung auf der Welt, die ihren Bürgern ein so großartiges Versprechen machen kann. Ich weiß, dass Sie auf mich vertrauen. Ich werde dieses Vertrauen nicht enttäuschen und ich verspreche Ihnen, dass Ihre Regierung nichts tun wird. Nichts, das unsere Handelspartner auf der Welt erzürnen oder verunsichern könnte.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
wir bleiben also dabei: Nichts tun macht satt. Also tun wir nichts. Das ist ein Versprechen.

Von Herzen wünsche ich Ihnen und Ihren Familien Gesundheit,
Zufriedenheit und Gottes Segen für das neue Jahr 2014. Vielleicht sehen wir uns ja mal beim Einkaufen im Supermarkt. Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen.

Ihre Bundeskanzlerin. Ihre Angela.

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