Endgültige Demontage

Alexander Wallasch29.12.2013Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Das große Vorbild USA wurde 2013 nicht bloß beschädigt. Es hat sich selbst beseitigt.

2013 war noch bis zum Juni das Jahr von Papst Benedikt XVI. Kaum jemand hätte wohl Wetten darauf abgeschlossen, dass ein noch kommendes Ereignis Ratzingers Rücktritt so gnadenlos vom Thron des Rankings der Top-Nachrichten 2013 stoßen könnte. Wir erinnern uns: Der deutsche Papst hatte im Februar nach einer intensiven Unterhaltung mit seinem Gott eine Abdankungsaufforderung erhalten („Gott hat es mir gesagt“). Das „Charisma“ seines Nachfolgers hätte ihm die Richtigkeit dieser Gottesbotschaft noch einmal deutlich gemacht.

Aber auch Ratzinger Superstar hatte sicher nicht mit Edward Snowden gerechnet. Denn auch der war für einen Allmächtigen tätig, trat allerdings ohne dessen ausdrücklichen Wunsch zurück und hat obendrein noch die Schatzkammer mitgenommen. Und die öffnete er nicht still und leise, sondern mit einem Paukenschlag, als er im Juni 2013 Godfather NSA und die Regierung der Vereinigten Staaten umwegsfrei an den Pranger stellte und zum _Ultimate Evil_ erklärte.

Gott schickt keine E-Mails

Dieser kleine Scheißer, noch nicht einmal dreißig Jahre alt und reich ausgestattet mit der unsympathischen Ausstrahlung typischer Computer-Nerds, wurde mit seiner Lossagung zum mutigsten Menschen der Welt. Der Rücktritt des Papstes war im Schatten dieser Großtat nur noch ein Klacks, eine Posse, eine innerkatholische Personalie.

Whistleblower Snowden – Ironie der Geschichte – gab sogar an, zweifelsfrei belegen zu können, dass die NSA Telefonate des neuen Papstes Franziskus abgehört hatte. Italienischen Medien zufolge sollen diese Gespräche in vier Kategorien eingeordnet worden seien: „Leadership intentions“ (Absichten politischer Führung), „Threats to the financial system“ (Bedrohung des Finanzsystems), „Foreign Policy Objectives“ (Außenpolitische Ziele) und „Human Rights“ (Menschenrechte).

Die Snowden-Enthüllungen hatten und werden in Zukunft noch dramatischen Einfluss auf das Sicherheitsdenken der Menschen weltweit haben. Denn sie gaben mit einem Schlage jeder einzelnen der im Netz kursierenden Verschwörungstheorien eine Wahrheitsoption.

Was heute noch zur Verschwörungstheorie im herkömmlichen Verständnis taugen könnte, wäre allenfalls die Behauptung, die NSA hätte auch das Gespräch Ratzingers mit seinem obersten Dienstherren 1:1 gescannt. Das allerdings klappte nur aus einem einzigen Grunde nicht: Die göttliche Aufforderung zum Papstrücktritt passierte analog. Gott schickt keine E-Mails, Gott telefoniert auch nicht und Gott betreibt auch keinen Facebook-Account oder kommuniziert via Vatikan-Twitter-Kanal. Ein Gebet, ein gottgefälliger Gedanke. Sonst nichts. Alles andere – so lehrt uns Snowden – ist ab 2013 vakant. _The Rebirth of Antifreiheit_.

Das weltweit aufregendste Ereignis 2013 im Fahrwasser von Assanges Wikileaks also der Geheimnisverrat eines einzelnen Mannes, des U.S.-amerikanischen ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Ebenfalls 2013 im Schatten dieser systemrelevanten Weltnachricht, aber noch weit vor Ratzingers mygodtalk steht das von Lügen, Halbwahrheiten, Intrigen und Vertuschungen geprägte U.S.-amerikanische Anti-Assad-Engagement.

2013 wird nun als Jahr der endgültigen Demontage eines Mythos in die Geschichte eingehen. 2013 wird in der Rückschau das Jahr im 21. Jahrhundert sein, das endgültig mit dem Mythos der guten, der freien, der bis zum Juni dieses Jahres immer noch an vielen Orten der Welt als potenziell vorbildlich zu erachtenden Vereinigten Staaten von Amerika aufgeräumt hat.

Die Supermacht der unbegrenzten Möglichkeiten wird von nun an von einer Mehrheit der Weltbevölkerung als Land der unbegrenzten Überwachung, als Land der unbegrenzten Lüge und Täuschung betrachtet. Und all diese Milliarden Menschen können ihre Haltung nun seit Snowden begründen. Das ist der eigentliche Sündenfall. Ein Werte-Super-GAU – so viel darf man getrost sagen – aus dem puren Eigeninteresse Weniger. Denn der gemeine U.S.-Amerikaner, der Gute, der Nachbar, der Mensch, ist bei alldem ebenso potenziell Opfer wie der Fabrikant in Mailand oder die politisch interessierte Friseurin in Singapur.

Der über Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte beeindruckende, vom Kollektiv getragene Überlebensinstinkt einer Supermacht ist erloschen. Ihre finale Supernova ist die Enttarnung der obszönen Arbeit der NSA. Die sich viel zu schnell entwickelten Möglichkeiten des World Wide Web, die explodierenden neuen Kommunikationskanäle, sind der amerikanischen Verfassung, dieser bis dahin – na ja – unbefleckten Blaupause für viele demokratischen Verfassungen weltweit, einfach davongaloppiert. Und mit ihr der Fixstern einer seligmachenden Allianz aus Kapitalismus, Demokratie und individueller Freiheit. Der Kapitalismus ist heute dort am erfolgreichsten, wo er Jahrzehnte am intensivsten bekämpft wurde, in China – angetrieben, angeheizt und ausgewrungen von einer überschaubaren Gruppe obskurer Oligarchenfamilien und zukunftsfest gedeckelt von einem pervertierten, antidemokratischen Label des Kommunismus.

Die Trennung ist vollzogen

Jakob Augstein hat es in seinem 2013 erschienenen (ansonsten enttäuschend zauderlichen) Buch „Sabotage“ in einem Zusatz zum Titel deutlich gesagt: „Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen.“ Denn um nichts anderes geht es. Scheidung. Die Trennung ist vollzogen. Das vom amerikanischen Traum beflügelte deutsche Wirtschaftswunder auf dem selbst noch im wiedervereinigten Deutschland alles fußte, diese unausrottbar bedingungslose Liebe der total Besiegten zu ihren Siegern und Besatzern, diese so schnell wieder so obszön erfolgreiche Klein-BRD-USA zwischen Bonn und Berchtesgaden, zwischen Elvis und Cornflakes, ist nun per Sie mit ihrem Schöpfer und hat The Star-Spangled Banner auf Halbmast gestellt.

Darüber können auch die vielen halbherzigen Liebesschwüre der amtierenden und in ihrer Ohnmacht und Handlungsverweigerung sich zusammenrottenden GroKo-Politikerkaste nicht mehr hinwegtäuschen. Auch hier ist der Bruch nur eine Frage der Zeit. Nur was kommt danach, wenn der Weißkopfseeadler vom Kopf her stinkt, wenn Obama – ausgerechnet Obama der Hoffnungsträger! – als Spy-Geier enttarnt ist? 2014 wird also spannend. Für viele vielleicht zu spannend?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu