The Spirit of Eintracht

Alexander Wallasch2.12.2013Gesellschaft & Kultur

Fans der Eintracht Braunschweig feiern selbst eine Niederlage als Sieg. Nicht ohne Grund.

Die 77-jährige Mutter setzt sich jetzt jeden Samstag in ihren gelben Smart und kommt für eineinhalb Stunden zum Fernsehgucken. Neulich sagte sie mir nach so einer 90-Minuten-Session im Vertrauen: „Du, ich habe deine Frau noch nie so glücklich gesehen.“ Nun gut, sie kann nicht überall dabei sein. Aber egal, neulich jedenfalls meint den 2.11.2013. Neulich legte in der 81. Minute Mirko Boland von der rechten Seite auf für Norman Theuerkauf. Dessen Schussversuch missglückte zwar, aber am zweiten Pfosten schaltete Kumbela am schnellsten und schoss den Ball mit dem linken Fuß an sein rechtes Knie und drin war er. Neulich schlug Eintracht Braunschweig zu Hause Bayer Leverkusen mit 1:0. Neulich hätte unsere Wohnzimmerdecke noch einmal drei Meter höher sein können, Frau wäre trotzdem fast mit dem Kopf angestoßen. Ebenso die Kinder, die Freunde der Kinder, die befreundeten Nachbarn und die Kinder der Nachbarn.

Wir gucken sky und hoffen ansonsten bei Heimspielen auf irgendeinen Freund, der irgendwie noch Karten beschaffen kann. Die Dauerkarten waren alle zu schnell ausverkauft. Es kann also sein, dass wir die Eintracht Braunschweig im Eintracht Stadion auf sky schauen, obwohl wir quasi direkt am Stadion wohnen, wenn man etwas großzügiger rechnet.

Braunschweig – die heimliche Hauptstadt Irlands

Mitte der 1970er-Jahre stand bei uns im Keller die wohl größte Eintrachtfahne aller Zeiten. Mutter nähte sie für den älteren Bruder an der kleinen grünen Nähmaschine und befestigte das gigantische Blaugelbe an einer geschätzt vier Meter langen Bambusstange, die Bruder alle zwei Wochen irgendwie in die Straßenbahn und dann noch ins Stadion bekommen musste. Damit nicht genug. Vor jedem Anpfiff stürmte der Fahnenträger das Spielfeld, breitete seine Blaugelbe mitten auf dem Grün aus, ging auf die Knie und betete gestenreich für den Sieg. Ja, so etwas ging damals noch, auch wenn seine Vorbeter-Rolle ihm irgendwann Stadionverbot bescherte, kann ihm das heute keiner mehr nehmen.

Ebenso wenig wie die Wallasch-Familienanekdote, dass er als Fünfjähriger nur Fußballkarten kaufen durfte, wenn er die Namen der Spieler auf den Karten vorlesen konnte. Vater war der Überzeugung, diese schwachsinnige Geldausgabe mit dieser unlösbaren Aufgabe unterbinden zu können. Allerdings Pustekuchen, denn der Alte hatte nicht mit dem Erfindungsreichtum eines fünfjährigen Eintracht-Braunschweig-Fans gerechnet: Bruder ließ sich die Karten heimlich von älteren Fans vorlesen und lernte sie kurzerhand gleich für alle Bundesligavereine mit auswendig. Vater, der Schlesienflüchtling – logisch –, kapitulierte also vor so viel Braunschweig-Begeisterung.
Vaters „22 Idioten, die hinter einem Ball herlaufen“ prallten am Bruder ab, wie der Ball an Johannes Jäckers Lederhandschuhen. Das war die Glanzzeit der Elf aus Niedersachsen, die 1967 ihre Meisterschaftsschale schon in der Tasche hatten, als die Bayern in München noch vor leeren Pokal-Regalen saßen.

Diese Bayern sind heute Spiel für Spiel zum Siegen verdammt. Eintracht Braunschweig begeistert – ja doch – mit jeder Niederlage mehr. Zen, die Kunst des Verlierens? Nein, eigentlich ist es bei jedem Eintracht-Spiel so wie bei der legendären Begegnung Spanien-Irland, als die Spanier 4:0 gewannen, aber die irischen Fans in den letzten Minuten der Partie stolz, trotzig und traurig ihr wunderbares „Fields of Athenry“ anstimmten und der Fußballwelt zeigten, was Spaniens Trainer Vincente del Bosque nach dem Sieg so formulierte: „Damit haben uns die Iren gezeigt, worum es im Sport wirklich geht.“ Will man dieses Pathos weiter transportieren, kann man sagen, Braunschweig ist seit dem 10.08.2013 und mit der knappen 0:1 Niederlage gegen Werder Bremen zur heimlichen Hauptstadt Irlands geworden.

Am Samstag nun trafen die Neu-Iren aus Niedersachsen mit 4.000 und elf Mann in der Münchner Allianz Arena ein. Die Sportjournalisten wühlten zuvor in den Archiven und fanden diesen unsäglichen 10:0 Sieg der Borussia gegen Eintracht Braunschweig von 1984 und fragten sich, ob die Bayern das 2013 noch einmal toppen könnten. Schützenfeststimmung? Nein, denn 90 Minuten später war klar, der umjubelte Eintracht-Sieg gegen Leverkusen und Wolfsburg, ja selbst das 0:0-Derby gegen Hannover, alles nichts.

Nichts gegen dieses magere Arjen-Robben-Solo-2:0-Programm, das daheim in Braunschweig vor den Fernsehern frenetisch als Sieg gefeiert wurde. Mit Recht, wie auch der sky-Moderator nach ungefähr 75 gespielten Minuten erklärte: „Eigentlich hätte es längst den Anschlusstreffer der Eintracht geben müssen, wenn nicht sogar mehr!“

Und ich kann erzählen, warum: Zunächst spielten die Braunschweiger ein 10+1 System. Heißt, der Trainer des Tabellenletzten, Torsten Lieberknecht, besaß die Unverfrorenheit, mit zehn Mann und einem Kumbela aufzulaufen, den er nur für eine Aufgabe auf den Platz gestellt hatte: diese Partie zu vergeistigen. Spirit-Geber zu sein. Domi Kumbela, als Zeremonien- und Zen-Meister. Jenen Kumbela, der Braunschweig überhaupt erst von der zweiten in die erste Liga gebombt hatte.

Klar, für die Transfersumme eines einzigen Bayern bekommt man heute 128 Braunschweiger. Aber man bekommt todsicher keine 128 Kumbelas. Ne, man bekommt auch keine 128 Mirko Bolands. Denn wie schon gegen Freiburg wurde dieser Boland zum Spieler des Tages, die Bayern gleich mit eingerechnet. Dieser Boland ackert und rackert und fällt im rechten Moment, dass man davon ausgehen kann, dass Jogi Löw, wenn er mal einen visionären Moment hätte, tatsächlich auf die irrwitzige aber geniale Idee kommen könnte, mit diesem Boland einen Funken dieses Braunschweiger Irland-Spirits mit nach Brasilien zu nehmen. Klar, dass auch im Wohnzimmer in Braunschweig die Boland-Trikots überwiegen. Mirko Boland ist Fußballgott.

Aber noch mal zurück zum Samstags-Spiel gegen Bayern. Die erste Halbzeit kann man abhaken. Erste Kennenlern- und Lockerungsphase für die Eintracht. Allianz-Arena schauen, genießen, ein bisschen verteidigen. Folgerichtig gehen die Bayern führend in die Pause. Der Ausnahmekicker Robben hatte zweimal getroffen. Einmal mit viel Glück, einmal ziemlich gekonnt. Und die ersten 45 Minuten lang hörte man durchgehend nur den Braunschweig Fanblock. Dieses aufmunternde Brummen der 4.000. Bei allen Auswärtsspielen war das bisher so.

Und dann begann die zweite, die torlose Halbzeit. Torlos, weil der Braunschweiger Spirit unvermittelt gezündet hatte. Die Jungs von der Oker brannten so sehr, dass Manuel Neuer am Ende nichts anderes überblieb, als Spirit-Kumbela dunkelrotwürdig zu grätschen. Der hilflose Bayern-Keeper umging den Platzverweis nur deshalb, weil auch der Schiedsrichter sah, was nicht nur ’ne Braunschweiger Fehrnsehgast-Mutter ab der 46. Minute erkennen musste: Vorteil für Eintracht! Im Klartext: Auch als Kumbela vom hilflosen Nationaltorwart niedergestreckt wurde, war noch Theuerkauf vorne dabei, der durchaus Chancen hatte, das Ding einzulochen.

Jubel über das sensationelle 0:2

Als ohne Nachspielzeit und unverdientermaßen ohne Rote Karten für Neuer abgepfiffen wurde, brach im Wohnzimmer großer Jubel aus über dieses sensationelle 0:2 der Eintracht. Für den BTSV. Für Torsten Fußballgott Lieberknecht. Unvergessen dessen Tränen bei der Aufstiegsfeier vor dem Braunschweiger Schloss. Autokorso. Flasche Braunschweiger Wolters Bier in der linken Hand und die rechte am Tränenwischen.

Augenwischerei, wer nun ernsthaft behauptet, diese Eintracht würden absteigen aus der 1. Bundesliga. Wie sollte das jetzt überhaupt noch möglich sein? Wer immer noch anderer Meinung ist, der sende bitte eine E-Mail an die The-European-Redaktion. Ich nehme die ersten zehn Wetten an. Einsatz je eine Flasche Champagner. Und derweil freuen sich die Kinder auf nächste Woche. Dann kommt ihre Oma wieder für 90 Minuten mit ihrem Smart vorgefahren, Eintracht gucken. Und glücklich sein für 90 Minuten.

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