Du sollst nicht töten!

Alexander Wallasch18.11.2013Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Fluten aus Blut, Kotze und Tränen regnen aus Stahlgewittern. Krieg hat nichts Heldenhaftes. Jürgen Todenhöfers neues Buch, Du sollst nicht töten, ist eine große Anklage gegen dieses elende Morden und Töten.

Wer an einer persönlichen Haltung zu den weltpolitisch relevanten Konflikten der vergangenen Jahre interessiert ist, kommt an dem Mann nicht vorbei. Irak, Iran, Tunesien, Ägypten, Libyen, Afghanistan, Syrien: Jürgen Todenhöfer berichtet auf eigene Rechnung. Und die Medien nehmen das dankbar auf. Interviews, Reportagen, Talkshows – aus der öffentlichen Wahrnehmung ist der schlanke Grauhaarige seit über einem Jahrzehnt kaum wegzudenken.

Amerikas „Deus lo vult!“, die Renaissance des päpstlich-mörderischen „Gott will es!“, muss bei dem Ex-Bundestagsabgeordneten (1972-1990) und Ex-Burda-Vorstandsmitglied einen Schalter umgelegt haben. Damals, als dieser elende Baptist George W. Bush nach 9/11 in lupenreiner Vorsehungsrhetorik seinen „Kreuzzug“ verkündete. Diesen anhaltenden Albtraum für den Nahen Osten, für Nordafrika, für Vorderasien machte Todenhöfer zu seinem ganz persönlichen Albtraum. Seitdem hämmerte er seine apokalyptischen Bilder und Gedanken in Bestseller wie „Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror“ (2003), „Andy und Marwa. Zwei Kinder und der Krieg“ ( 2005), „Warum tötest du, Zaid?“(2008) und „Feindbild Islam. Zehn Thesen gegen den Hass“ (2011).

Wer ist dieser Jürgen Todenhöfer

Sein aktueller Titel „Du sollst nicht töten“ liest sich nun wie die Mutter all dieser Todenhöfer-Albträume. Untertitel: „Mein Traum vom Frieden“. Mit dieser Attacke gegen das alltägliche Morden und Schlachten ist der Ex-Hardliner aus der „Stahlhelmfraktion“ der CDU jetzt sogar zum Lehrmeister der Linken mutiert, denn die empfiehlt den Genossen im November 2013 in ihren „Mitteilungen der Kommunistischen Plattform“:

bq. „,Du sollst nicht töten‘ kann uns bei den sicher bevorstehenden erneuten Diskussionen zwischen den Gegnern und Befürwortern der sogenannten Einzelfallprüfung eine außerordentlich wichtige Argumentationshilfe werden.“

Wer ist dieser Jürgen Todenhöfer und woran liegt das eigentlich, dass, im Gegensatz zur inhaltlichen Übereinstimmung, die Sympathiewerte für den über 70-Jährigen niedrig bleiben? Anscheinend teilt er das Schicksal vieler Konvertiten: Brüche in Biografien verunsichern in Deutschland immer noch mehr, als sie bewundert werden. Das riecht nach Verrat, nach Illoyalität. Das irritiert. Die irgendwo zwischen defensiv und eindringlich angesiedelten TV-Auftritte dieses Vom-Saulus-zum-Paulus transportieren den Widerspruch immer weiter.

Da gibt es beispielsweise ein YouTube-Video aus einer Markus-Lanz-Talk-Show: da watscht Todenhöfer Sarrazin ab. Der Auftritt gerät exemplarisch zur Illustration seiner unangenehmen Seiten. So sehr er auch recht haben mag in dem Moment, so sehr fällt er einem dabei auch auf die Nerven. Was freilich Hunderttausende Leser nicht davon abhält, seine Bücher in schöner Regelmäßigkeit in die Bestsellerränge zu wuchten. Der Mann und seine Thesen haben eine wachsende Fan-Gemeinde.

Ein Ringen wider das Wegschauen

Todenhöfers Schreibstil ist wohl am ehesten zu umschreiben als seichte Mischung aus dieser orientalisch-prosaischen Ich-Betroffenheit eines Roger Willemsen und dem endkolonialen Welterklärer-Gestus eines Peter Scholl-Latours. Ein interessanter Cocktail. „Du sollst nicht töten“ ist zunächst eine Sammlung von Kriegsreportagen. Distanzlos, denn dieser Selfmade-Kriegsreporter nimmt die gesichteten Gräuel persönlich. Das wird dann zum vorherrschenden Leseeindruck.

Immer mit dabei, ein Nachhall seiner TV-Auftritte: Merkwürdige Intensität. Und eine wispernde Eindringlichkeit, die zum Zuhören zwingt. Getragen. Durchgängig leidend. Inklusive dieser zu sehr ums eigene Ich kreisenden fehlenden Feinjustierung eines Pastors Fliege. Ein nicht enden wollender Balztanz mit den Teufeln der Gleichgültigkeit der anderen. Ein Ringen wider das Wegschauen und Weghören. Da schwimmt einer gegen den Strom, aus Angst, unterzugehen.

Alexander Osang, „Spiegel“, schreibt dazu im Dezember 2012 in seiner erstklassigen Reportage „Der Sonderbotschafter“ über Todenhöfer und dessen Recherchen zu „Du sollst nicht töten“:

bq. „Er spricht mit Gewürzhändlern, mit Lederverkäufern und Juwelieren. (…) Es sind immer die kleinen Leute, die unter der großen Politik leiden, sagt er. Wie im Krieg. Der ist Thema seines nächsten Buchs. Die meisten Kriege werden aus der Sicht der Feldherren beschrieben, er möchte den Krieg aus der Sicht der Zivilbevölkerung beschreiben. Er hat zehn verschiedene Arbeitstitel. Am besten gefällt ihm zurzeit: ,Der Tanz mit dem Teufel‘.“

Der erste Teil von „Du sollst nicht töten“ startet mit Todenhöfer als Vierjährigem. Er erlebt die Zerstörung seiner Heimatstadt Hanau durch Bombenteppiche der Alliierten. Die Erde bebt und schwankt, als das Kind dem Inferno draußen im Freien gegenübersteht. Jürgen war ausgebüxt, während alle anderen bereits im Luftschutzkeller Zuflucht suchten:

bq. „Glutrot brennt der Himmel. Es regnet Feuer. Höllische Mächte beherrschen den Himmel. Ich sehe brennende Menschen, die sich (…) wälzen, um das Feuer zu ersticken. Doch der grünlich-klebrige Phosphor, den die Flugzeuge abwerfen, frisst sich unerbittlich in sie hinein. Brennenden Phosphor kann man nicht ersticken.“

Damals schon, so schreibt er, ahnte er wohl zum ersten Mal, „dass es keine anständigen Kriege gibt“.

Nach Algerien folgt Afghanistan

Also so etwas wie ein unlöschbar eingebrannter Kinderglaube. Weiter nach Paris. Todenhöfer studiert dort 1959/60. Der Algerien-Konflikt ist das bestimmende Thema. Und er ist neugierig genug, nach Algerien zu reisen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Als Deutschem werden ihm Türen geöffnet, die den Franzosen zu der Zeit längst verschlossen sind. Eine Pro-Deutschland-Erfahrung, die Todenhöfer in den kommenden Jahrzehnten an wechselnden Konfliktorten immer wieder machen wird.

Nach Algerien folgt Afghanistan. Todenhöfer ist bereits CDU-Abgeordneter im Deutschen Bundestag, als er zu den Mudschaheddin fliegt, die sich, unterstützt von den USA, einen erbitterten Partisanen-Kampf mit den russischen Besatzern liefern. Er sitzt mit Mudschaheddin-Kämpfern unter einem Baum. Ein russischer Hubschrauber kreist wenige Meter über ihnen, den Tod im Gepäck. Und obwohl er sich als Einziger mit der Filmkamera aus der vermeintlich sicheren Baum-Deckung wagt, verschont ihn der Pilot. Für Todenhöfer heute mehr als ein Glücksfall.

Solche Vorsehungsszenen gibt es einige in „Du sollst nicht töten“. Vom Vierjährigen, der wie durch ein Wunder den Phosphorbombenteppich überlebt, dem russischen Piloten, der ihn leben lässt, bis hin zu einem Raketenangriff der Gaddafi-Truppen auf seinen Autokonvoi, den er wie durch ein Wunder überlebt, bei dem allerdings sein Freund, Fahrer und Begleiter Abdul Latif umkommt, den er zuvor zu der Tour überredet hatte. Einfach nur an Zufall zu glauben, ist zu banal für Todenhöfer. Man spürt Zeile für Zeile, dass in diesen Überlebensszenarien seine Mission angelegt wurde.

Abdul Latif ist auch das Buch gewidmet. Die Umstände seines Todes sind die große Klammer um diesen ganzen Kriegshorror mit wechselnden Spielorten. Abdul zu Beginn. Und Abdul am Ende dieser aufwühlenden 426 Seiten. Eine finale Golgatha-Szene: Der Autor steht alleine mit dem Bruder des Toten mitten in der Wüste in der Nähe der ausgebrannten Fahrzeuge und bittet um irgendetwas wie Absolution.

„Ahmad, was habe ich falsch gemacht? Bitte sag es mir. Hier sind wir ganz alleine.“ Und dieser Ahmad antwortet ihm: „Ihr im Westen könnt das wahrscheinlich nicht verstehen: Aber die Tage vor seinem Tod waren die glücklichsten Tage in Abdul Latifs Leben. Er war stolz, die Revolution mit Ihnen gemeinsam zu erleben. Ihr Freund zu sein. Ideen zu entwickeln, wie man diesen Krieg friedlich beenden könnte. Er hatte keine Waffe, er hat niemanden getötet. Er ist für sein Land und seine Träume gestorben.“ – „Aber ohne die Fahrt nach Brega würde er noch leben.“ – „Nein“, antwortet Ahmad, „seine Stunde war gekommen.“

Dann wird aus dem Wüstenwind ein Sturm und Todenhöfers Begleiter knien mitten in dieser großen Saint-Exupéry-Einsamkeit nieder zum Gebet nach Mekka. Schwere Kost.

Eine eindringliche Gratwanderung

Noch schwerere Kost, als man wieder zu Hause bei Ahmad ankommt. Zwei seiner Schwestern haben Jungen zur Welt gebracht, die beide den Namen Abdul bekommen. Solche Dinge sind natürlich hart am Wind. Fast zu viel. Aber für unseren Lawrence von Arabien aus Hanau ist es wohl gerade diese emotionale Verdichtung, die ihn weiter antreibt: Für Todenhöfer darf und ist es nie zu spät, miteinander zu reden. Zu verhandeln! Und das fünfte Gebot zu beachten: „Du sollst nicht töten“.

So betrachtet, ist dieses Buch tatsächlich zu einer eindringlichen Gratwanderung geworden. Hier nimmt es jemand persönlich, hier übernimmt jemand Verantwortung, auch auf die Gefahr hin, ausgelacht zu werden. Hier spielt einer mit vollem Einsatz und mit offenem Visier. Todenhöfer verdient übrigens nichts an diesem Bestseller. Aus seinen Einnahmen werden Prothesen für amputierte syrische Kinder bezahlt, so wie Todenhöfer etliche weitere überlebenswichtige Hilfsprojekte finanziert.

Bei aller Theatralik und unter der Schwere seines manchmal hollywoodartigen Pathos, diesen Todenhöfer sollte man unterstützen, ihn ernst nehmen. Diesem Mann darf man ein Quantum Bewunderung nicht verwehren. Dann vertraut man ihm Seite für Seite mehr. Und das tut gut. Sicher, so ein Scholl-Latour-Erzählstil ist universeller, journalistischer, distanzierter. Literarisch sicher auch besser. Aber Todenhöfer geht das größere Risiko ein. Weil er vom Chronisten zum Handelnden wird. Weil er Lösungen sucht und anbietet.

Ja, diesem seltsamen Jürgen Todenhöfer zu folgen, kostet ein paar Seiten lang Überwindung. Aber dann gewinnt man etwas Besonderes, man darf einen Traum mit ihm teilen: „Mein Traum vom Frieden“.

_Jürgen Todenhöfer: Du sollst nicht töten – Mein Traum vom Frieden. Verlag C. Bertelsmann. 448 Seiten. € 19,90._

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