Bildersturm 2.0 

Alexander Wallasch5.11.2013Gesellschaft & Kultur

Der sensationelle Kunstfund in München ist die große Fundgrube für Abenteuerjäger und Geheimnisliebhaber – und für jeden Journalisten, der sehnsüchtig auf eine Story wartet.

Ohne Frage ist das nicht nur für den internationalen Kunstmarkt, sondern auch für Journalisten die Story der letzten 50 Jahre: Ein heute 80-Jähriger sitzt seit seinem 23. Lebensjahr, seit dem Tod des Vaters, allein auf einem aktuell auf über eine Milliarde Euro geschätzten Bilderfundus von über 1.500 Gemälden, teilweise Stücke von Weltrang.

Wer nun den alten Herrn als Erstes vor sein Mikrofon bekommt und ihm seine Lebensgeschichte entlocken kann, der wird – so er denn auch nur einigermaßen zusammenhängend transkribieren und schreiben kann – den Bestseller Sachbuch 2014 auf den Tisch legen. Die Jagd auf den ominösen Alten ist also eröffnet. Was sagen die Nachbarn? Wird einer der ermittelnden Beamten möglicherweise versehentlich den mutmaßlich aktuellen Aufenthaltsort verraten? Wo kaufte der in Österreich gemeldete, aber in München lebende Mann seine Lebensmittel ein? Was sagt der Kaufmann? Wer war sein Hausarzt? Wird es die Arzthelferin tatsächlich schaffen, den Mund zu halten, oder wird sie ab einer bestimmten Summe schwach werden?

Opa käme nun ins Altenheim

Klar, die obszöne Zahl von einer Milliarde Euro heizt zusätzlich an. Der einfache Bürger fragt sich, ob er als Nachbar hätte widerstehen können. Der eine denkt vielleicht darüber nach, ob ein Bild weniger überhaupt aufgefallen wäre. Kriminellere Charaktere spielen den Raub des gesamten Schatzes im Kopf durch: LKW vor der Tür. Ein paar Helfer. Abwarten, bis der Alte aus dem Haus ist. Türschloss knacken. Der Nachbarin – so sie auftaucht – freundlich erzählen, man sei der Enkel und der Opa käme nun ins Altenheim, um dann nach 30 Minuten mehr oder weniger mit Leinwänden für über eine Milliarde seiner Wege zu ziehen. So ungefähr hat es sich im Kleinen ja auch abgespielt. Nur völlig legal. Damals, als die Nationalsozialisten entartete Kunst einsammeln ließen – mal mit, mal ohne läppische Bezahlung – und im Ausland verhökerten oder gegen alte Meister eintauschten.

Ganz ohne Frage ist dieser Fund auch späte Gerechtigkeit für die Nachfahren der Bildersammler, von denen nicht wenige wohl später im KZ ermordet wurden. Wahr ist aber auch, dass der Vater des Alten eng befreundet war mit vielen berühmten Malern, dass er selber zunächst als Kunsthändler und „Halbjude“ bei den Nazis in Ungnade fiel, bevor er mit ihnen mindestens partiell zusammengearbeitet hat.

Kann also sein, dass neben bei ihm liegen gebliebenen Raubkunstwerken ein Teil der Bilder tatsächlich persönlicher Besitz war und irgendwie alles einfach nur zu einem großen, undurchschaubaren Kunstschatz zusammenwuchs, den zu entwirren ein günstiger Zeitpunkt abgewartet werden musste, den Vater und später der Sohn einfach immer weiter verpassten. Wer war der alte Gurlitt? Kunsträuber, Kunstschützer, Freund oder Verräter? Oder alles zusammen?

Die Sache bleibt in alle Richtungen hochspannend

Journalisten werden auf alle diese Fragen sicher auch dann Antworten finden, wenn Cornelius Gurlitt weiter schweigt, trainiert im Schweigen ist er ja. Nicht nur Journalisten, auch Kunstinteressierte mit lebhafterer Fantasie – und die ist den meisten Kunstinteressierten nun mal eigen – stellen sich in diesen Tagen gerne vor, wie das sein mag, alleine inmitten dieser unbekannten oder für immer verloren geglaubten Meilensteine der Kunstgeschichte zu leben. Mit ihnen Kaffee zu trinken, neben ihnen zu essen, zu schlafen, Fernsehen zu schauen. Und das 60 Jahre lang.

Geht das überhaupt? Lernt man das? Wird man schrullig? Die Sache bleibt in alle Richtungen hochspannend. Es braucht nur wenig Recherche, um beispielsweise festzustellen, dass schon Albert Speer nach seiner Entlassung denselben Kunsthändler aufsuchte, um ihm seine Bildersammlung zu verkaufen, den auch Cornelius Gurlitt 2011 aufsuchte, um ein Bild zu verhökern, das laut Zollbehörde eigentlich gar nicht existieren dürfte. Man hatte ja alle Bilder konfisziert.

Es muss also noch wenigstens ein Außenlager geben oder doch noch Freunde, mit denen Gurlitt Kontakt hatte, die vielleicht vereinzelte Kunstwerke in ihren Privatwohnungen aufbewahrten für den spleenigen Alten. Spannend wird aber auch die Frage sein, wie viele Bilder oder Kunstwerke in den vergangenen 60 Jahren von Gurlitt verkauft wurden und an wen. Und vor allem, wie in diesem Lichte das Entgegenkommen der Auktionshäuser ausgesehen haben mag.

Fundgrube für Abenteuerjäger

Wie war das zum Beispiel 1998, als es bei Sotheby’s Probleme gab mit Werken von Otto Umbehr, Edward Weston, El Lissitzky? Hatte Gurlitt auch Fotografien in seinem Fundus, die er kurzfristig zu Geld machte? Damals hieß es, die Schalck-Golodkowski-Connection steckte wohl dahinter. Man darf auch ohne viel Wagemut mutmaßen, dass zurzeit in dem einen oder anderen Auktionshaus ein paar Reißwölfe ziemlich ausdauernd knurren.

Das alles also eine große Fundgrube für Abenteuerjäger, für Geheimnisliebhaber, für jeden Journalisten, der sehnsüchtig auf so eine Story wartet, während er mit dem Auftrag unterwegs ist, ein paar Zeilen über den Taubenzüchterverein von nebenan zu Papier zu bringen.

Und der Showdown ist eröffnet: Seit heute, Dienstag den 5. November 2013, zehn Uhr belagern 100 Journalisten den Saal 179 im dritten Stock des Strafjustizzentrums in Augsburg. „Focus“ berichtet im Liveticker. Nationale und internationale Nachrichtenredaktionen haben ihre Kamerateams aufgestellt. Auf dem Podium die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann (FU Berlin), der Leiter der Augsburger Staatsanwalt, Reinhard Nemetz, Oberstaatsanwalt Johannes Ballis (Augsburg), Regierungsdirektor Siegfried Klöble (Zollfahndungsamt München) und Zollamtsrat Helmut Haller (Zollfahndungsamt München). Was Sie zu erzählen haben, wird in Minuten um den Erdball gejagt und in Stunden in Tausenden Redaktionen zu Text verarbeitet werden.

10.19 Uhr: Im Sitzungssaal wird das Licht gedimmt. Jetzt stellt Meike Hoffmann einige der Kunstwerke vor.

Dann huscht die erste von weiteren Sensationen über den Beamer. Nichts weniger als ein bisher völlig unbekanntes Selbstporträt von Otto Dix.

Der Aufenthaltsort des 80-jährigen Gurlitt, auch das erfährt man noch während der Pressekonferenz, ist unbekannt. Der Alte ist also im selben Nebel verschwunden, aus dem er samt Kunstwerken im Werte von einer Milliarde Euro unfreiwillig aufgetaucht ist.

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