Volk und Schublade

Alexander Wallasch4.11.2013Gesellschaft & Kultur

Manchmal reicht ein Fernsehabend, um mit dem eigenen Schubladendenken konfrontiert zu werden. Von The Voice of Gemany zu blonden Finnen & braunäugigen Algeriern und positivem Rassismus.

Die Abende der Donnerstage und Freitage gehören seit ein paar Wochen wieder „Voice of Germany“. Als passionierter Fernsehgucker muss ich den Kindern zuliebe mein Programm zurückstellen. Aber ich gucke mit. Der Gewöhnungseffekt kommt dann sehr schnell. Ja doch, man fiebert irgendwann automatisch mit, man ist schon nach zwei Folgen im Format, das – so viel darf man zugeben – mit Abstand zu den Besseren seiner Art gehört.

Jedenfalls trat da diese Frau auf. Schlank, apart, überaus attraktiv. Sie kennen das vielleicht, in dieser auch medial-ästhetisch maximal gleichgeschalteten Welt fällt so jemand noch einmal mehr auf, der nicht sofort ins übliche Raster passt. Was mich besonders für sie einnahm, war ihre grenzenlos souveräne Ausstrahlung. Und eine – wie sagt man so etwas korrekt? – mitreißende Andersartigkeit.

Konfrontiert mit den eigenen Glaubenssätzen

„Eine tolle Frau. Ich bin sicher, sie ist Perserin!“, sage ich unvermittelt in die Runde. Die Kinder schauen. Und protestieren. Ich hätte doch gerade erst bei einem vergleichbaren Fall erklärt, das sei Rassismus, wenn man einzelnen Menschen Eigenschaften eines Volkes andichtet. Ich hatte ihnen an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang erklärt, dass sie als Deutsche nicht automatisch irgendwelche Eigenschaften hätten, die andere nicht haben. Das würde übrigens im Positiven wie im Negativen Geltung haben. Im Gestern und im Heute. Jeder Mensch sei für sich und für seine Taten zunächst selbst verantwortlich. Dann könne man obendrauf noch Verantwortung für die Familie übernehmen, wenn einem etwas an Familie liegt. Oder für Freunde oder die Schulklasse, also für Gruppen. Auch da müsste man sich immer wieder neu überprüfen. Kurz gesagt, habe ich so von mir gegeben, was ich für pädagogisch richtig und zielführend hielt und andere Eltern ebenso oder eben nicht.

Nun also werde ich vor der Glotze bei „Voice of Germany“ mit meinen eigenen „Glaubenssätzen“ konfrontiert, dass ich lachen muss. Die Kinder haben natürlich recht. Davon ab, dass sich die Sängerin schlussendlich als türkischstämmig entpuppte, hatte ich eine Schublade gezogen. Und dann denkt man einen Moment über Schubladen nach. Als ich so um zwanzig war, war mir eine solche Schubladendenke bei Älteren tatsächlich auch ein Gräuel. Da konnte ich sogar fuchsteufelswild werden.

Heute, über ein Vierteljahrhundert später allerdings, finde ich solche Raster – diese Schubladen sind ja nichts anderes als Sortierhilfen – etwas weniger verkehrt. Zumindest dann, wenn sie mit einer angemessenen Erfahrungstiefe verbunden sind. Das ist wohl die Schwierigkeit mit diesem Schubladendenken. Irgendwann macht man eine auf, weil man glaubt, genug Erfahrungen angesammelt zu haben. Meist passiert das in negativen Zusammenhängen. Und das berechtigte auch meinen Warnhinweis an die Kinder. Denn negative Erfahrungen mit einem bestimmten Menschentypus kennt jeder. Der eine mag die Extrovertierten nicht so gerne, eine andere bevorzugt den geselligen Typen.

Erfahrung mit Menschen führt automatisch zu Schubladen

Die Schublade kommt dann automatisch hinzu, wenn man diese Charakterisierungen konkret verortet. Das Grundmuster geht so: Umso nördlicher der Mensch lebt, umso zurückhaltender, umso südlicher, umso aufgeregter, mitteilsamer. Also der Norweger ein angenehm ruhiger Zeitgenosse, oder will man es negativ formulieren, eine Trantüte, die nicht aus sich herauskommt. Und der Südländer ein aufbrausender Hitzkopf, oder will man es positiver formulieren, ein hilfsbereiter am anderen Menschen höchst interessierter gruppenkompatibler Geselle.

Und nun stellen Sie sich vor, Ihnen käme gleichzeitig ein blonder Finne entgegen und ein braunäugiger Algerier. Also so die typischen Vertreter ihres Landes. Und Sie müssten einen der beiden nach der Uhrzeit fragen. Wenn würden Sie fragen? Den Algerier? Weil Sie schubladenmäßig davon ausgehen, dass der mitteilsamer sein könnte, freundlicher? Oder lieber den Finnen, weil Sie es eilig haben und wirklich nur die Uhrzeit wissen möchten und nicht an der gesamten Lebensgeschichte des unbekannten Gegenübers interessiert sind?

Oder andersherum gefragt, von wem von den beiden möchten Sie, wenn Sie es entscheiden müssten, eher um Hilfe gebeten werden, beispielsweise beim Abschleppen seines liegengebliebenen Autos? Würden Sie lieber diesem Schubladen-Finnen helfen oder dem typischen Algerier?

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass Erfahrungen mit Menschen automatisch Schubladen einrichten, die sich automatisch öffnen. Etwas, wogegen wir uns nicht wehren können. Es liegt in der menschlichen Natur. Das ist wahrscheinlich dasselbe Spiel wie mit der Herdplatte, die man erst dann scheut, wenn man schon einmal darauf gefasst hat. Oder positiv formuliert: Diese Perserin, die in Wahrheit eine Türkin ist, kann einen an Perser erinnern, die einem so ungemein sympathisch waren, dass man Positives assoziiert, wenn man etwas entdeckt, das einem bestimmten Menschenschlag einer bestimmten Region ähnelt, in der man schöne Erlebnisse hatte.

Aber gibt es so einen positiven Rassismus?

So sagt zum Beispiel Jürgen Todenhöfer in seinem neuesten und hochinteressanten Buch, das ich gerne nächste Woche an dieser Stelle besprechen möchte, er liebe dieses afghanische Volk. Todsicher meint er das nicht rassistisch. Aber auch nicht rein kulturell. Und nicht ausschließlich auf die Sozialisation der Afghanen bezogen. Es muss also irgendetwas Rassistisches sein, das nicht negativ zu verstehen ist. Aber gibt es so einen positiven Rassismus?

Und wenn einer wie Todenhöfer bestimmte Menschen, Völker, ganz besonders mag, muss er dann zwangsläufig andere Menschen aus anderen Völkern weniger mögen? Stellt er also ein Volk über ein anderes, auch wenn er das – da bin ich sicher – auf keinen Fall rassistisch im bekannt negativen Sinne meint? Mensch, die Sache ist verdammt kompliziert. Mich persönlich beruhigt in dem Moment, das mir die Kinder sagten, als ich mitten im Norwegenurlaub euphorisch verlauten ließ: „Mensch, sind die Norweger tolle Menschen!“, „Mensch Papa, das hast du doch über die Griechen im Griechenlandurlaub auch schon gesagt!“

Um also noch mal auf „Voice of Germany“ zurück zu kommen. Das Format heißt ja aus gutem Grund nicht „Voice of the Germans“. Und das wäre auch albern, denn die meisten Kandidaten sind alles andere als seit Generationen Deutsche. Ein Großteil sind Migranten aus nördlichen (Iren, Engländer, Finnen) und welche aus südlichen Ländern. So wie diese so wunderbare Perserin, die eigentlich eine Türkin ist und die seit Längerem in Deutschland zu Hause ist. Wunderbar sicher auch, das muss man ebenfalls zugeben, weil ich zunächst mal Mann bin und sie Frau. Und das hat dann überhaupt nichts mehr mit Schubladen zu tun, sondern mit hormonell bedingten Begehrlichkeiten, die sich ebenfalls erst im Alter entwickeln. Also frühestens irgendwann mit der Pubertät.

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