Nr. 100

Alexander Wallasch30.10.2013Medien

Die Einhundertste ist natürlich etwas Besonderes. Nach so vielen Kolumnen ist es an der Zeit, kurz innezuhalten und zu rekapitulieren.

Der 29.04.2012 ist gar nicht so lange her. Schiebt man allerdings 99 European-Kolumnen dazwischen, eine lange Zeit. 99 Kolumnen, das sind 99 mal durchschnittlich 6.500 Zeichen inkl. Leerzeichen (die Zähleinheit für Schreiber). Und dann kommt man, einschließlich dieser hier, auf 650.000 Zeichen inkl. Leerzeichen. Das sind zwei ordentliche Bücher. Ich habe hier an diesem Platz also zwei ordentliche Bücher abgegeben. Eines in weniger als einem Jahr.

Worum ging’s? Ging’s mir? Uns? Um ganz gute und ganz schlechte Bücher, um die Broder-Augstein-Debatte, Syrien, Reisen und Emotionen, viel Deutschland, um Werte, Männer und andere Helden, Katholizismus und Katholiken, um Freunde und beeindruckende Filme.

Einhundert Kolumnen sind viel. Auch viel Arbeit. Gratis-Arbeit. Denn entgegen der Annahme des einen oder anderen Kommentators wird hier bei The European – zumindest in der Online Version – “im Charity-Modus geschrieben”:http://blog.theeuropean.de/2013/10/wie-wir-unsere-autorinnen-bezahlt/. Das ist in sofern bemerkenswert, da aktuelle Pläne für eine deutschen Version eines Huffington-Post-Online-Auftritts für mediale Aufregung sorgten. So überschriftet die „FAZ“ Anfang Oktober: “„Ein Angebot, das man ablehnen kann“”:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/deutsche-ausgabe-der-huffington-post-ein-angebot-das-man-ablehnen-kann-12605199.html. Die „FAZ“ berichtet darin u.a., dass der Blogger Kai Petermann von den Huffingtonern angefragt wurde mit den Worten: „Was wir Ihnen bieten können: … sicher eine schöne Reichweite Ihrer Texte – und dadurch auch eine Erhöhung der Visits Ihres Blogs. Was wir leider nicht bieten können: Geld für die Beiträge.“

Ein Stück weit antikapitalistisch

Petermanns Antwort war lustig und erscheint auf den ersten und zweiten Blick angemessen: „Ich gebe Ihren Vorschlag gern an meinen Vermieter, den Lebensmittelhändler, den Tankwart und die Telekom weiter. Vielleicht kann ich in Zukunft dort ja ebenfalls ohne Bezahlung alle möglichen Dinge bekommen.“ Ist ja auch logisch, die Sache widerspricht zunächst einfach jeder vernünftigen Denke. Ist sogar ein Stück weit antikapitalistisch. Wenn ich einen Laden aufmache und Personal brauche, dann benötige ich schnellstmöglich auch den entsprechenden Umsatz, sonst ist mein Geschäftsmodell falsch, nicht lukrativ, zum Scheitern verurteilt. So muss ich auch beim „The European“ – zumindest so lange, bis genügend Anzeigenbanner-Kunden oder Sponsoren gewonnen wurden – Texte eben selbst schreiben, bzw. Verwandte und Freunde bitten, welche zu verfassen.

Es schadet dann möglicherweise sogar der Glaubwürdigkeit, wenn ich mein Projekt „Internet-Debatten-Magazin“ über vier Jahre lang als Start-up-Unternehmen durchlaufen lasse. So ein junges modernes Branding klingt ein paar Monate überzeugend. Vielleicht auch ein Jahr lang. Danach könnte es schon Mal den Eindruck einer Ausrede für Misswirtschaft machen. Eine wichtige ökonomische Erkenntnis lautet: „Qualität hat ihren Preis.“ Und die vielen Kolumnen und Debattenbeiträge im European sind zweifellos von hoher Qualität. So jedenfalls eine berechtigte Sichtweise.

Eine andere Sichtweise geht so: Die Autoren im „The European“ bekommen nicht nichts, denn sie können sich auf ein engagiertes mehr oder weniger entlohntes Team verlassen, das den Internetauftritt sorgsam pflegt, Texte professionell lektoriert, bebildert, Kontakt zu den Autoren hält und nebenbei noch dafür Sorge trägt, dass „The European“ zumindest soviel Werbegelder und Sponsoren bekommt, dass immerhin diese pflegenden Tätigkeiten irgendwie entlohnt werden können.

Und dann kann man weiter denken und behaupten, die Autoren würden hier eine Gratis-Plattform bekommen und ein größeres Publikum, als vielleicht mit einer eigenen Seite bei einem der großen Blog-Anbieter, wo sich Hobby- und Gelegenheitsschreiber zu Hunderttausenden tummeln. Auch das ist zweifellos richtig und ganz sicher auch der Grund dafür, warum immer wieder Autoren bereit sind für solche Portale umsonst zu arbeiten. Schön ist das allerdings nicht.

Ausnahmslos mit Respekt und Höflichkeit

Ein guter Freund von mir ist Journalist, Künstler und Autor. Und er hält es wie Petermann. Mir sagte er einmal zum selben Thema: „No money, no honey.“ Und er meinte damit, die Sache hätte einen weiteren negativen Beigeschmack: Wer gratis gibt, der muss damit rechnen, das der Nehmer entsprechend leger mit der hingeschenkten Ware umgeht. Eben so, wie man etwas gering wertschätzte, weil man es nicht bezahlen müsste. Menschen sind so.

Der Preis für einen Text bestimmt also mit über seinen Wert? Auch darin liegt sicher eine Wahrheit, die man nicht weglügen kann.

Zur Ehrenrettung der Damen und Herren beim „The European“ muss ich allerdings sagen, dass man bisher ausnahmslos mit Respekt und Höflichkeit mit allen meinen Texten umgegangen ist. Auch inhaltlich ist es in den vergangenen 99 Kolumnen nie vorgekommen, das man mir reingeredet hätte. Auch das ist sicher Teil eines respektvollen Umgangs mit Charity-Autoren. Gut, eigentlich hätte ich heute zwei Kolumnen mehr, das waren die, die ich diskussionslos zurückzog, nachdem kleine – womöglich sogar berechtigte – Anmerkungen aus der Redaktion kamen. Aber das hat man verstanden. Und das ist natürlich auch eine Folge der Charity-Tätigkeit für „The European“: Was nicht bezahlt wird, muss ich nicht diskutieren müssen. Keinen einzigen Satz lang. Ein gegenseitiges Agreement. Und es funktioniert.

Was aber unterscheidet nun „The European“ von der Huffington Post? Zunächst einmal war „The European“ in Deutschland mit diesem Modell schneller. Und „The European“ erklärt immer wieder, dass man bereit sei, zu bezahlen, wenn nur mehr Geld reinkommen würde. Und ich bin bereit, daran zu glauben. Zu solchen Versprechen ist die Huffington Post grundsätzlich nicht bereit, selbst dann nicht, wenn sie Millionenüberschüsse einfahren würden. Oder hat dazu jemand eine anderslautende Behauptung gelesen?

Bedanken bei den Leserinnen und Lesern

Dies hier ist also meine 100. Kolumne. Dafür möchte ich mich bedanken bei den Leserinnen und Lesern. Zur facebook-aktivsten Kolumne wurde eine “Nachlese zu einer Günther Jauch Gesprächsrunde”:http://www.theeuropean.de/alexander-wallasch/7423-die-politische-poebelrunde-bei-guenther-jauch, die tausende Male geteilt und weitergeleitet wurde. Ich mag Facebook nicht, aber man kann dennoch kühn davon ausgehen, dass sie dort sogar fünfstellig gelesen wurde. Das ist viel. Viel Resonanz gab es oft. Kommentatoren sind immer wieder bereit mit dem Schreiber in Kontakt zu treten. Zu erwähnen sind da sicher die treusten Leser wie Beck, Thomas Ex Gotha, P. Feldmann, Heinrich Schmitz – der mittlerweile eine “eigene sehr erfolgreiche „The-European“-Charity-Kolumne schreibt”:http://www.theeuropean.de/kolumnen/64-recht-klar – und andere mehr.

Besonders beeindruckt haben mich ebenfalls Kommentatoren wie Wolfgang Brosche, der sein immenses Wissen in langen und spannenden Kommentaren beispielsweise zum Christentum bereite war ebenfalls im Charity-Modus bereitzustellen. Denn natürlich werden Kommentare ebenfalls nicht entlohnt. Sie entstehen, gleich meinen Kolumnen, aus purer Freude an der Debatte. Wolfgang Brosche hatte ich damals übrigens – ebenso wie Schmitz – als Kolumnen-Kollegen der Redaktion des „The European“ vorgeschlagen.

Leider ist Wolfgang Brosche in den Kommentaren nicht mehr aufgetaucht. Wahrscheinlich kommentiert er heute irgendwo anders in den Weiten des Netzes. Wo immer er das macht, wird es ein Gewinn für den Betreiber der Seite sein. So wie – das sage ich ganz selbstbewusst – einhundert Kolumnen ein großer Gewinn für „The European“ sind. Bitte schön.

_Anmerkung d. Redaktion: Wir freuen uns, dass Alexander Wallasch seit so vielen Monaten bei uns an Bord ist. Danke, Alex!_

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