James Salters Blaue Stunde

Alexander Wallasch28.10.2013Gesellschaft & Kultur

Lesen Sie James Salter! Und genießen Sie Ihre ganz persönliche nicht enden wollende Blaue Stunde.

Stellen Sie sich einen Moment lang eine Zugfahrt durch die Dämmerung in die Nacht hinein vor. Das ist ja eigentlich ein schiefes Bild, denn selbst dann, wenn der Zug irgendwo im Nirgendwo stehen bliebe, die Dämmerung würde der Nacht auf jedem x-beliebigem Kilometer Platz machen. Früher oder später.

Und jetzt nehmen wir mal weiter an, dieser Moment, wenn die Dämmerung erlischt, wenn das eigene Spiegelbild in der Fensterscheibe immer deutlicher wird und das da draußen immer düsterer, würde einfach nicht eintreten. Wann würde einem klar werden, dass die Nacht womöglich nie kommt? Dass es einfach immer nur weiter dämmert?

Ein Mitfahrer huscht an der Abteiltür vorbei. Ein anderer tritt für einen vorbestimmtem Streckenabschnitt, also für den Zeitraum, den es eben braucht, um irgendwo anzukommen, zu Ihnen hinein: Setzt sich und erzählt aus seinem Leben. Womöglich entstünde so eine flüchtige Ahnung von Vertrautheit.

In hundert Jahren alle tot

Das Leben als lange Zugfahrt. Melancholie für die einen, Trübsal für die anderen. Und für manche, vielleicht dann, wenn der Blick aus dem Fenster in die Dunkelheit ganz zufällig auf eine am Bahnübergang wartende Familie fällt, eine große Zufriedenheit. Hoffnung. Das verschwommene Bild einer stillen Zärtlichkeit, mit der sich die Frau an die Schulter des Mannes angelehnt hatte, bis der Zug vorüber war.

Ist das alles, was ist, was sein wird? Geschätzte sieben Milliarden Menschen. Sieben Milliarden Leben, sieben Milliarden Schicksale. In hundert Jahren alle tot. Und doch kein einziger weniger auf der Welt. Im Gegenteil. Wir werden immer mehr.

„Irgendwann wird einem klar,
dass alles ein Traum ist
und nur geschriebene Dinge
die Möglichkeit haben, wirklich zu sein.“

„Alles, was ist“ hätte diese Blaue Stunde für sich reserviert

So das kurze Vorwort im Roman „Alles, was ist“, erschienen im Berlin Verlag, von James Slater. Der US-amerikanische Autor erzählt darin aus dem Leben des New Yorkers Philip Bowman: einer von sieben Milliarden. Und er macht das auf eine so wunderbar schlichte und bewegende Weise, dass man sich, selbst wenn man routiniert lesen könnte – geht das überhaupt? –, einer Ergriffenheit nicht erwehren kann. So, wie einen eine Dämmerung, die so kurz und intensiv jeder langen Nacht vorangestellt ist, nie ganz unbeeindruckt zurücklässt. Poeten nennen diesen Moment die „Blaue Stunde“. Und um die Sache jetzt, bevor ich Ihnen mehr über diesen Roman erzähle, noch weiter hochzuschrauben, hochzukitschen, behaupte ich mal, wenn man jeden Gegenwartsroman einer bestimmten Tageszeit zuordnen müsste oder könnte – „Alles, was ist“ hätte diese Blaue Stunde für sich reserviert.

Dieser Philip Bowman ist Lektor in einem Verlag in New York. Das ist im Wesentlichen, mal abgesehen von einer kurzen Vorgeschichte, die von der Militärzeit Bowmans im II. Weltkrieg erzählt, der Plot des Romans. Eine frühe Ehe. Trennung, Frauengeschichten. Älterwerden. Familiengeschichten. Also Leben und Sterben in New York und Umgebung. Wie in einen fahrenden Zug steigen Reisende zu und wieder aus. Manche verpassen ihren Zug ganz. Unser Held sitzt auf seinem Platz, den ihm das Leben, sein Karma oder was auch immer zugewiesen hat und wird einfach nur älter. Dieses Älterwerden ist aber nur eine der Vorwärtsbewegungen über viel zu kurze 366 Seiten. Die Fahrtgeschwindigkeit wird von wechselnden Frauen bestimmt. Bowmans Frauen. Rasantes Tempo. Langsamere Fahrten. Sackbahnhof. Und wieder von vorne los.

Salter ist ruhig, gelassen, maximal feinjustiert

Das ist alles nichts Neues, nichts Spektakuläres. Zunächst einmal einfach nur das Leben, wie es eben ist. Oder sein könnte oder sein wird. Das Magische an diesem Roman ist diese mitreißende Leichtigkeit. Diese Unkompliziertheit, wie sie wohl nur vollkommen geschliffene, auf ihren Wesenskern heruntergebrochene Literatur in der Lage ist zu transportieren. Ausgewogenheit in Perfektion. Strahlend helle Simplifizierung.

Wenn der belesene Ulrich Greiner 2010 in der „Zeit“ über Philip Roth schreibt: „Er wird ja in gewisser Hinsicht immer besser, er besitzt nun einen Altersstil (Roth wird in Kürze 77), der kein Ausschmücken, kein Verweilen mehr kennt, sondern mit umstandsloser Härte auf das Erzählziel zusteuert“, dann trifft das doppelt auf den mittlerweile 88-jährigen Salter zu. Nur dass Salter seine Geschichte nicht mit umstandsloser Härte vorantreiben muss, er geht den finalen Schritt weiter: Er erzählt mitten aus dem Auge des Hurrikans namens Leben heraus. Ruhig. Gelassen. Maximal feinjustiert. Und mit dem unumstößlichen Wissen, hier seine letzte große Arbeit abzuliefern. Was sollte, was kann danach auch noch kommen? Nach dieser erzählerischen Lässigkeit, wie man sie beispielsweise erstmals in den 1950er-Jahren in – ja doch! – „Die Gnadenlosen“ des immer noch unterschätzten US-amerikanischen Mega-Bestsellerautors Harold Robbins finden konnte?

„Alles, was ist“ ist die Geschichte einer großen Suche nach Verortung, nach Heimat. Nach dem Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen. Nicht nur die Suche nach der richtigen Frau, sondern auch nach dem richtigen Ort, an dem man mit der richtigen Frau zusammenleben will. Aber nicht nur Philip Bowman, ständig lässt sich wieder irgendjemand in seinem Bekanntenkreis scheiden und wieder macht sich einer auf die Suche nach dem passenden Haus und nimmt erneut Lebensfahrt auf. Macht sich auf die Suche. Eine endlos scheinende Reise mit vorprogrammiertem Ende.

Sie werden begeistert sein

Die Sache ist durchaus auch witzig. Aber alles swingt dann so angenehm miteinander, die Melancholie mit Weisheit, die Tragik mit Komik, wie man es wohl bisher noch bei keinem deutschen – ach was – bei überhaupt keinem Gegenwartsautor so überzeugend lesen durfte. Jeder Satz ein präziser Scharfschützen-Pistolenschuss: aber einer mit doppeltem Schalldämpfer. Die Einschlagskraft wird immer erst deutlich, wenn die Wunde bereits gerissen ist. Kein unnötiges Getöse. Kein Rumgehampel. Einfach nur ein stilles, sattes Rumms im Nachhall. Volltreffer an Volltreffer.

Und nebenbei bemerkt schreibt Salter auch seine erotischen Szenen in einer Vollendung, in einer mitreißenden Selbstverständlichkeit, wie man sie einem über 80-jährigen Autor mit seiner – das darf man getrost annehmen – zeitlich persönlichen Distanz zu solch durchschwitzten Bettkampfszenen so niemals zugetraut hätte. Einfach hellwach und maximal überzeugend auch das.

Ein tolles Buch. Ein großer Gewinn. Und vergessen Sie gerne – wenn Sie das beunruhigen sollte – die sich in allen Feuilletons überschlagenden Lobpreisungen – auch meine hier – und lesen Sie Salter einfach so unbefangen, als wären Sie mit dem Zug unterwegs. Als hätten Sie während Ihrer Fahrt nach irgendwo einfach Lust auf unterhaltende Literatur. Auf einen neuen Harold Robbins. Und dann lesen Sie James Salter! Und genießen Sie Ihre ganz persönliche nicht enden wollende Blaue Stunde. Sie werden begeistert sein.

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