Betonköpfe

von Alexander Wallasch21.10.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Ein polnischer Künstler irritiert, ein deutscher Publizist skandalisiert. Zwei Meldungen und ein Vorschlag.

Zwei Berichte sind mir in der vorigen Woche in den Medien besonders aufgefallen. Der eine hat etwas mit Erbärmlichkeit, Unbelehrbarkeit und einer großen Unanständigkeit zu tun, der andere etwas mit Kühnheit, Abstoßung und Revisionismus. Anregend verstörend sind beide Meldungen.

“Erstere verantwortet Henryk M. Broder und wurde von ihm frühmorgens um 3.50 Uhr auf seiner „Achse-des-Guten“ veröffentlicht()”:http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_aftermieter_des_diktators. Sie wissen schon, jenes so schummrig grau hinterlegte Internet-Portal, das Broder immer dann besonders gerne bespielt, wenn er nach unruhiger Nacht morgens nicht einschlafen kann, ohne noch irgendwas Unanständiges ins Worldwideweb zu blasen.

Broder speit auf diesen Todenhöfer

Besonders schmuddelig wird’s immer dann, wenn er in seinem deutschphobischen Privat-Laboratorium wieder mal vergeblich nach diesem ominösen Antisemitismus-Gen der Deutschen gesucht hat, wie ein Pilzsammler im Frühling. In „Der Aftermieter des Diktators“ fällt das muffige Herbstlaub des zornigen Alten – nein, dieses Mal nicht auf Jakob Augstein – auf Jürgen Todenhöfer, der, so Broder, ein Antisemit sei, weil er angibt, jüdische Freunde zu haben und irgendwie die Frechheit besitzt, das auch noch öffentlich zu erwähnen.

Todenhöfer ist für Broder einer aus diesem „Nahostexperten“-Verein der „Scholl-Latour-Lüders-Steinbach-Perthes-Kienzle-Knaul-Günther-Leukefeld-Armbruster-Engelbrecht-Blüm-Neudeck-Gruppe“. „Gruppe“ übrigens hier so gemeint, wie „Bande“, also im Sinne einer Verbrecherorganisation light. Egal.

Dieser Broder speit also auf diesen Todenhöfer – beide sind aktuell mit Büchern in der Spiegelbestsellerliste vertreten – und verübelt ihm, dass er die Einnahmen seines Buches komplett für Prothesen für kriegsversehrte syrische Kinder spendet. Eine Aktion, die wohl zunächst Respekt verdient hat. Respekt von Broder? Von wegen. Für unseren Antisemitismus-Genetiker Broder ist Todenhöfer eine „größenwahnsinnige Kanaille!“, ein „Leichenluder“, ein „Aasgeier de luxe“, der immer „Ich“ meint, wenn er „Wir“ sagt.

Rainer Hermann schreibt in der „FAZ“ über Todenhöfers Bestseller „Du sollst nicht töten: Mein Traum vom Frieden“, es sei „ein Plädoyer gegen den Irrsinn des Kriegs und eine Kritik an der westlichen Kriegspolitik im Nahen Osten“. Für die „FAZ“ ist Todenhöfer zwar ein „idealistischer Weltverbesserer“, aber einer, den die „Öffentlichkeit braucht“ und wer zu jenen Menschen gehöre, die Gewalt ablehnen, „liest mit Gewinn“.

Mehr ist dazu eigentlich auch nicht zu sagen. Zu Broders Buch findet sich in den Weiten des Netzes nur eine Rezension in der „Welt“, die sich Broder selbst geschrieben hat. Ach ne, auch noch eine in der „Leipziger Volksstimme“, wo man gerne bereit war, etwas Positives über Broders dünnen Bestseller zu äußern. Herrje.

Ein abstoßendes Beton-Monstrum

Kommen wir zum zweiten Bericht, der mir in der vorigen Woche besonders aufgefallen ist. Und das verdanken wir einem 26-jährigen Kunststudenten aus Warschau. Dieser bemerkenswert kühne Jerzy Bohdan Szumczyk sorgte in einer Nacht- und Nebelaktion in Danzig für Schlagzeilen.

Die „Sächsische Zeitung“ berichtete unter der Überschrift: „Drastisches Kunsthappening oder Aufstachelung zum Hass?“:

bq. Seine Betonskulptur „Komm, Frau“ zeigt einen Soldaten der Roten Armee, der eine schwangere Frau zu vergewaltigen versucht. Zusammen mit Freunden hatte Szumczyk das mehrere hundert Kilogramm schwere Mahnmal am vergangenen Wochenende neben einem sowjetischen Panzer in der Danziger Aleja Zwyciewcow (Siegesallee) aufgestellt.

In Beton gegossen – oder aus Beton geschnitten? Egal – sieht man in abstraktionsfreiem sozialistischen Realismus eine Vergewaltigungsszene mit Knarre im Mund des Opfers und blankem Arsch des bereits in den schwangeren Leib eingedrungenen Vergewaltigers in Sowjetuniform.

Das Beton-Monstrum sieht tatsächlich abstoßend aus. Neu ist die Thematisierung indes nicht. Es existiert sogar ein älteres, verstörendes Buch mit gleichem Titel eines FDP-Politikers, das die millionenfachen Massenvergewaltigungen und Morde an Frauen durch die russische Soldateska thematisiert. Auch die Kirchentür von 1957 des Bildhauers Gerhard Marcks der Marktkirche zu Hannover zeigt im Relief einen russischen Soldaten, der sich an einer Frau vergeht. Ebenfalls mit dem Titel: „Invasion – Komm Frau“.

Dieser Gerhard Marcks hatte während der NS-Zeit Ausstellungsverbot und fünf seiner Werke wurden in der Hetzausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert. Die Diskussion damals drehten sich eher um die grundsätzliche Frage, ob die Abbildung solcher Brutalitäten etwas an einer Kirchentür verloren hätten. Am Ende entschied man sich dafür. Jerzy Bohdan Szumczyks monumentale Skulptur wurde schon Stunden nach ihrer Aufstellung – es gibt dazu einen lustigen YouTubefilm – per LKW abtransportiert.

Dem Künstler droht nun eine Anklage. Aber nicht, wie man denken könnte, weil der junge polnische Wilde das Ding ohne Genehmigung aufgestellt hätte: Nein, jetzt drohen ihm, wie der „Spiegel“ zu berichten weiß, „bis zu zwei Jahren Haft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Aufstachelung zum Völkerhass.“ Der russische Botschafter in Warschau, Alexander Aleksejew erklärte sogar, er sei „zutiefst schockiert“. Und stellt natürlich sofort die Kunstfrage, freilich ohne das Wort „entartet“ zu verwenden: „Das sei keine Kunst, sondern ein Sakrileg, das die Ehre der 600.000 sowjetischen Soldaten verletze, die für die Freiheit Polens gefallen seien.“

Gut, da scheint eine gewisse Amnesie vorzuherrschen bei dem guten Mann, bedenkt man, dass die Sowjetarmee 1939 Ostpolen mit knapp 500.000 Sowjet-Soldaten, über 3.500 Sowjet-Panzern und mit 2.000 Sowjet-Kampfflugzeugen überfallen hatte, während sich von der Westseite her Hitlers Armee auf den Weg zur deutsch-sowjetischen Freundschaft Part I aufgemacht hatte: Jene Sowjetunion übrigens, die im Anschluss an die „Befreiung“ vom Faschismus im befreiten Polen eine stalinistische Diktatur errichtete, die fast 40 Jahre Bestand haben sollte.

Die „Bild“-Zeitung titelte zum Vorfall perverserweise: „Russen empört über perverses Kunstwerk“.

Kontroverse Diskussion garantiert

Eine Randnotiz ist interessanter, so berichtete der Künstler dem Infoportal trojmiasto.pl, er „habe eine solche Reaktion erwartet“. Keine Galerie habe seine Arbeit ausstellen wollen. Sein ursprünglicher Plan sei es gewesen, die Figur des vergewaltigenden Sowjetsoldaten in Berlin am Brandenburger Tor zu postieren, aber er habe keine Mittel für den Transport gehabt. Das ist natürlich schade. Denn die Reaktion der Bundesregierung und der Stadt Berlin auf diese unerlaubte Skulptur-Aufstellung wäre hochinteressant geworden. Ein Verfahren wäre dem Künstler in diesem „Heil-Hitler-Jonathan-Meese“-Deutschland sicher erspart geblieben. Und eine kontroverse Diskussion garantiert.

Im Übrigen ist die Angelegenheit ja doppelt spaßig: Ein Pole erteilt dem deutschen Volk in Berlin Geschichtsunterricht mit einem FSK-18-Betonklotz. Kann es ein wertvolleres Bekenntnis für ein gemeinsames Europa geben? Meine Empfehlung daher: Das Kunstwerk unbedingt aufkaufen und am Brandenburger Tor aufstellen. 2013 feiert die Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin 40-Jähriges. Ein angemessener Anlass und Initiator.

Und auch für die Finanzierung hätte ich eine schöne Idee: Lieber Henryk M. Broder, wenn Ihnen die Todenhöfer-Spendenempfänger, diese syrischen amputierten Kinder, so am Arsch vorbeigehen, dann investieren Sie Ihre Europa-Buch-Einnahmen doch einfach gewinnbringend in diesen Beton. Gewinnbringend für Deutschland, das Ihnen doch so am Herzen liegt. Sie oller Betonkopf.

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