Deutschland durchgehend verstört

Alexander Wallasch4.10.2013Innenpolitik

In der aktuellen Zeit fordern Özlem Topçu und Bernd Ulrich mehr Einwanderung. Leider mit der völlig falschen Begründung.

Özlem Topçu ist Redakteurin im „Zeit“-Ressort „Politik“. Die Flensburgerin mit türkischen Wurzeln hatte zuletzt mit anderen das viel beachtete Buch „Wir neuen Deutschen“ geschrieben, “das für den „Spiegel“ „ein Stück Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ festgehalten hat”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wir-neuen-deutschen-journalistinnen-schreiben-buch-zu-integration-a-851311.html. Nun gut.

Ihr „Zeit“-Artikel “„Deine Vagina gehört allen“”:http://www.zeit.de/2013/08/Aegypten-Frauen-Sexuelle-Gewalt, der im Februar dieses Jahres den Kairoer Tahrir-Platz der Nachrevolution als „zur Bühne sexueller Gewalt“ verkommenen Platz, „auf dem Männer Frauen jagen“ beschreibt, ist ein beeindruckend offener Umgang mit einem Problem islamistisch geprägter Gesellschaften, mit einem Ägypten, in dem die Praxis der weiblichen Genitalverstümmlung bis heute fast flächendeckend verbreitet ist.

Eine Provokation

Mir hat damals das energische Auftreten der Journalistin imponiert. Seitdem gehören ihre Artikel zu denen, die ich lese, weil Interessantes zu erwarten ist. Sie kennen das, diese imaginäre Liste von Autoren, deren Artikel man liest, wenn man Zeitungen eher selektiv blättert und nicht chronologisch.

Aktuell findet sich etwas von der Autorin in der Ausgabe der „Zeit“ zum „Tag der deutschen Einheit“. Ein Seite-3-Artikel. In Gemeinschaftsproduktion mit Bernd Ulrich. Ihrem Ressortleiter. Ein Ex-Grüner. Und auch ein Buchautor. Sein Thema ebenfalls Deutschland: „Deutsch, aber glücklich“, und „Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss“.

Die beiden haben sich zum Feiertag der Deutschen zusammengefunden unter der in riesigen Lettern prangenden Überschrift: „Deutschland durchgehend geöffnet“. Verhandelt wird dort, so der Untertitel: „Warum jetzt die Chance da ist, die Bundesrepublik zu einem echten Einwanderungsland zu machen“.

Und was die beiden sich da zusammenschreiben, erlaubt zunächst zweierlei Lesarten: Für die einen ist es sicher ein nun endlich auf Seite 3 angekommener, gesellschaftsfähiger, linker Mainstream. Für die anderen bleibt, was man da liest, Provokation. Eine Provokation für jene Deutschen, die sich einer Haltung anschließen, wie sie beispielsweise einer wie CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt 2010 bei „Hart aber Fair“ formulierte: „Deutschland ist kein Einwanderungsland“. Wir hätten eine gewachsene Kultur über Jahrhunderte. „Wirtschaftliche Probleme und Facharbeitermangel müsse man lösen, „ohne dass wir uns die Probleme der letzten Zuwanderungswellen wiederum reinholen, die wir heute noch nicht mal behoben haben“.

Jürgen Trittin bescheinigte der CSU damals, dass deren Behauptung, Deutschland sei kein Einwanderungsland, „einen erschreckenden Realitätsverlust offenbare“.

Unser Autorenpärchen sieht nun in dieser Wer-koaliert-mit-wem-Phase eine Zeit gekommen, wo „Politik und Gesellschaft an einer Schwelle stehen“. „Grundlegendes“ könne genau jetzt verändert werden. Schreiben da unsere „Zeit“-Autoren der Politik schon mal pro Forma ein paar Zeilen für die Koalitionsvereinbarung vor? Wenn, dann liest es sich das zunächst so, als bevorzuge man Schwarz-Grün.

Jedenfalls fordern die beiden, nun endlich „Migration von einem Problemthema zu einem Lösungsthema“ zu machen. Und es ist erschreckend, wie lässig, um nicht zu sagen schlampig, die beiden Journalisten zu Werke gehen. Kein Klischee ist den beiden zu platt. Offensichtlich ist man über eine Erörterung eines „Für und Wider“ längst hinaus. Wozu noch diskutieren, was Gesellschaft der Politik nicht mehr zur Diskussion stellen sollte?

Deutschland müsse jetzt massiv Zuwanderung fördern. Alles andere sei doch „verrückt“, läge „alles hinter uns“, „sei alles vorbei“. „Integration funktioniert tausend Mal öfter, als sie fehlschlägt.“ Und die Politik hätte sowieso schon zu lange versucht, mit „allen Tricks und viel Geld junge Akademikerinnen und Akademiker zum Kinderkriegen zu überreden“.

Hä, „Akademiker“? Egal. So etwas macht jedenfalls zunächst Staunen. Denn diese an Faulheit grenzende Verweigerung einer intensiveren Beschäftigung, diese fallengelassene Genauigkeit, diese auf ein großes Blabla heruntergebrochene Dialektik, dieses ebenso laue wie freche Hinüberhuschen über die immer noch genügend Diskussionsstoff liefernden Fragen der Debatte, wird Spalte für Spalte nerviger. Eine Potemkin’sche, eine Pseudo-Diskussion, deren eigenes Fazit die Autoren bereits von der ersten Zeile an schwer mit durchschleppen.

Um schließlich hier zu landen: „Das Demografieproblem kann ohne Migration nicht gelöst werden, deshalb wird Migration zum strategischen Ziel. Die Ausgangslage ist günstig, die nächste Einwanderungswelle zu forcieren.“ Und spätestens da fragt man sich, um was es hier eigentlich geht. Welche Sorge haben die beiden Autoren? Angst vor weiteren Jahrzehnten deutscher Inzucht? Nee, das ist zu sehr polemische 68er. Und zu sehr 80er-Punk, zu sehr „Scheiß auf Deutschland“, scheiß aufs deutsche Volk.

Die Autoren haben Angst

Ja doch, es ist fast zu beschämend, um es auszusprechen: Den beiden Autoren geht’s anscheinend ums Geld. Denn echte Ideologen debattieren ja anders. Schärfer. Hier hat man allein Sorge ums gemachte Nest. Um den Status quo des eigenen Wohlstandes. Eines deutschen Wohlstandes, den man in Zukunft nicht mehr von Deutschen (ob nun mit schlesischem, türkischem oder sonst einem Migrationshintergrund) erwirtschaftet sieht. Da müssen nun andere Arbeitswillige her.

Sie schreiben: „Statistiker gehen davon aus, dass Deutschland jedes Jahr etwa 400.000 Zuwanderer braucht, um sein wirtschaftliches Niveau zu halten.“ Am Tag der deutschen Einheit ging daheim bei Topçu und Ulrich von der „Zeit“ also die Angst um. Angst um ihre vollen Kühlschranke, Angst, der neueste elektronische Schnickschnack könne sich bald nicht mehr an ihren ökostromgefüllten Steckdosen ihrer urbanen, energetisch tipptopp sanierten Altbauwohnungen klammern. Ach herrje.

Aber es wird noch blamabler für den Chef „Politik“ und seine
Migrationshintergrund-Redakteurin. Ein frohlockendes Stammtisch-Palaver, wie an irgendeinem Vor-der-Wahl-Samstag irgendeiner Partei mit Stand und Schirm vor Aldi oder Lidl: Die Deutschen hätten doch die Vertriebenen damals auch bestens integriert, die Ostdeutschen doch auch. Die wären doch „fremd, fremder, als man sagen dürfte“ gewesen. Und es hätte trotzdem am Ende gut funktioniert. Dann wären auch noch die Gastarbeiter gekommen. Und selbst die seien doch heute alle drin im deutschen „Club“.

Ja Herrgott, welcher Strategie folgt das? Oder ist das nur Dummheit, oder schon Wirtschaftslobbyismus? Und die „Welt“ kann das auch noch viel besser, wenn sie 2010 ihren Autor Stefan von Borstel lauthals unken lässt: “„Jahrzehntelang hat sich Deutschland gegen Fremde abgeschottet.“”:http://www.welt.de/politik/deutschland/article10339695/Willkommen-im-Land-der-Auswanderer.html Ganz Deutschland also eine ummauerte, ausländerfreie eingezäunte DDR? So ein Quatsch. Dieser „Welt“-Autor ist übrigens jener von Borstel, der im selben Jahr seinen Lesern schon erklären wollte, “„(w)ofür Niedriglöhne, Hartz IV und Zeitarbeit gut sind“”:http://www.welt.de/politik/deutschland/article5837470/Wofuer-Niedrigloehne-Hartz-IV-und-Zeitarbeit-gut-sind.html. Und dass schon ein Euro Lohn „glücklicher“ machen würde, als gar nicht zu arbeiten. Ein Wohlstandszyniker. Auch ein Grüner?

Aber die Sache liegt ja offen da: Die Souffleure dieses „Ist Deutschland ein Einwanderungsland?“ hin zu: „Wenn’s doch noch keins ist, dann muss es aber dringend eines werden!“ sind längst bekannt. Von Borstel ließ sie sogar direkt in seinem Artikel zu Wort kommen: „Wir brauchen dringend mehr qualifizierte Zuwanderung aus aller Welt – und zwar als Teil einer Gesamtstrategie gegen Fachkräftemangel“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann.

Gut, immerhin erkennen unsere beiden „Zeit”-Autoren noch, dass sie an der Realität der deutschen Gemütslage seit dem erstaunlichen Zuspruch für die Thesen Thilo Sarrazins nicht in Gänze vorbeipaddeln können. So warnen Özlem und Bernd mit hocherhobenem Zeigefinger, dass vieles dafürspreche, dass „die neuen Migranten lieber dort leben, wo etwas entspannter mit Vielfalt umgegangen wird. Die Frage ist also nicht: Wollen wir sie? Die Frage ist: Wie kriegen wir sie zu uns?“

Ja, das mag sicher die Frage der Industrie, deren Kapitalgeber und ihrer politischen und medialen Paladine sein. Aber es ist sicher nicht die Masterfrage der Menschen hier und noch nicht einmal die Masterfrage für jene armen Menschen, die unter Globalisierungsknute genötigt sind, ihre Heimat zu verlassen, um überhaupt irgendetwas in ihren leeren Kühlschrank packen zu können. Denn wer würde ernsthaft in Abrede stellen, dass Migranten am allerliebsten in ihrer angestammten Heimat arbeiten würden? Wenn es dort nur eine vernünftige Arbeit und ein Auskommen gäbe!

Lieber zu Hause sein

Also liebes Autorenduo, was glauben Sie, hätten es die Menschen, die wir hier für den Fortbestand unseres Wohlstandes, unserer vollen Kühlschränke angeblich so dringend benötigen, nicht viel mehr verdient, ihre bei uns angeblich so begehrte Kompetenz, ihr großes Potenzial, dort einzusetzen, wo sie zu Hause sind? Wo sie vor allem: viel lieber zu Hause sein wollen!

Folgerichtig und brav dann auch der Schlusssatz dieses blamablen Aufsatzes dieser in Sachen „Deutschland-Debatte“ völlig untalentierten „Zeit“-Doppelspitze, gerichtet an die beiden möglichen Merkel-Koalitionspartner: „Und, liebe Grüne und Sozialdemokraten, auch wenn ihr sonst nicht viel schafft in dieser neuen Regierung: Das wäre schon Geschichte genug.“

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