Angelas Bauch

Alexander Wallasch13.09.2013Innenpolitik

Warum wird der Kanzlerin vorgeworfen, keine Argumente für ihre Ablehnung einer völligen Gleichstellung Homosexueller zu haben?

Ich verstehe ehrlich gesagt den Protest nicht, der sich nun ausgerechnet gegen eine der ehrlicheren, wenn man so will, sogar eine der sympathischeren Aussagen Angela Merkels richtet, einer Kanzlerin, der man fälschlicherweise eine emotionale Kälte nachsagt. Die Rede ist von Merkels Auftritt in der ARD-Arena, als sie, spontan zur Homoehe und zum Adoptionsrecht befragt, offensichtlich unsicher erklärte: „Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwer tue mit der völligen Gleichstellung. Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt.“

Für mich ist das ein erstaunlicher Moment großer Authentizität. Sicher, nicht nur das Magazin „Focus“ hat eine völlig andere Wahrnehmung, wenn es da ein „Straucheln“ der Kanzlerin entdeckt haben will. Aber was wäre denn die Alternative gewesen? Eine schwammige inhaltsleere Politikerantwort, eine Willenserklärung für den Moment und ohne weitere Bedeutung? Nein. Diese Angela Merkel hat sich die Souveränität und Freiheit herausgenommen, ihre Unsicherheit zu einem bestimmten Thema klar zu benennen. Gut so.

Kein dringender Handlungsbedarf

Und wenn der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD), Axel Hochrein, dann postwendend erklärt: „Die Kanzlerin konnte in der ARD-Wahlarena für ihre Ablehnung des Adoptionsrechtes für gleichgeschlechtliche Paare kein einziges Argument nennen, außer dass sie sich bei dem Thema persönlich schwertue“, dann verstehe ich den Mann leider nicht mehr. Denn welches noch so stichhaltige Argument könnte gewichtiger sein, als ein Unwohlsein in einer Sache, welches doch deutlich anzeigt, dass man sich mit einem bestimmten Themenkreis anscheinend noch nicht ausreichend auseinandergesetzt hat? Was soll dagegen sprechen? Und grundsätzlich steht da doch erst einmal Bauchgefühl gegen Bauchgefühl. Es grummelt. Und das tut keiner politischen Entscheidung gut. Da wird es Zeit für eine Darmsanierung. Für eine Entschleunigung.

Noch polemischer ausgedrückt: Welche seltsame Dringlichkeit könnte oder sollte erzwingen, dass wir nun aber ad hoc eine Entscheidung pro Adoption für Homo-Paare fällen müssen, wenn wir zum Beispiel schon Jahre brauchen, um KEINE Entscheidung zur deutschen Haltung in Sachen Syrien zu fällen, während dort Hunderttausende elend verrecken? Im Gegenteil: In diesem Fall wird der Kanzlerin ihr Zaudern und Hadern widersinniger Weise noch hoch angerechnet.

Ja doch, es wird manchem wehtun und viele ärgern, aber in Sachen Adoptionsrecht für Homo-Ehepaare besteht kein dringender Handlungsbedarf. Noch weniger, weil es sich hier um einen gesellschaftlichen Wandel handelt, den man nicht nur nicht am Bauchgefühl vorbei erzwingen sollte, sondern der im Idealfall dieses Bauchgefühl überwinden sollte. Dazu müssen wir gemeinsam Lösungen ohne Zeitdruck finden. Oder wie die Kanzlerin im ZDF hinzufügte: „Das muss ich jetzt einfach aushalten.“

Mitten unter uns

Natürlich gibt es sie nicht: Die beste Zeit für die beste Entscheidung. Aber angesichts der scharf geführten öffentlichen Auseinandersetzung zum selben Themenkreis in Frankreich sollte man sich in Deutschland auch mal die Zeit nehmen, zu schauen, wohin die Reise an anderen Orten Europas geht. Dass homophobe Negativbeispiel Russlands natürlich immer mitbetrachtet.

Und wer dann unbedingt noch will – in Gottes Namen –, der darf sich sogar auch noch einmal aktuell dazu Gedanken machen, warum die Grünen in den 1970ern mit Arbeitsgruppen antraten, die ausgerechnet Homosexuelle und Päderasten unter einem Label führten. Klar, ein altes, bis zum Verrecken durchdiskutiertes Problem. Aber eben auch eines, das ein Bauchgefühl hinterlässt, das besser zunächst bereinigt werden sollte. Mitten unter uns. Und warum dann nicht auch bei der Kanzlerin?

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