Oma ihr klein Häuschen

Alexander Wallasch9.09.2013Gesellschaft & Kultur

Ein Schälchen Kekse, ein rotes Feuerzeug, aufgespießte Insekten. Oft sind es die banalen Dinge aus der Kindheit, die in schönster Erinnerung bleiben.

Am Wochenende übernachtete ich mit Frau und unserem Jüngsten im geerbten Harzhäuschen der Oma. Eigentlich war es eine Flucht vor einer Party, die der Älteste in unserem Hause veranstalten wollte und an der meine Frau und ich nicht teilzunehmen gedachten. Ein Vertrauensbeweis. Den er nicht enttäuschte, denn bei der Rückkehr war alles wie zuvor. Ja, ein kleines Wunder.

Jedenfalls habe ich in diesem Häuschen im Harz die Ferientage meiner Kindheit verbracht. Möglicherweise aufkommende Wehmutsattacken teile ich also nicht mit Frau und Kind. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, wenn Sie Orte für sich wiederentdecken, die mit diesem wattierten Mantel der Kindheitserinnerung angewärmt sind. Ich versuche immer zu enträtseln, was nur kindliche Verklärung war und was tatsächlich verloren ist. Meine Oma stellte uns morgens immer vor dem Aufstehen eine kleine Schale Kekse vor die Zimmertür, auf die wir uns schon am Abend so freuten, dass wir kaum einschlafen konnten. Gut, so etwas kann man an den eigenen Kindern reloaden, aber ehrlicherweise ist es dann immer ein Reload der eigenen Erinnerungen: Die eigenen Kinder zeigen nie diese Begeisterung, die man selbst empfand. Sie gratschen und greifen und schlingen und sind nicht einmal enttäuscht, wenn man das Schälchen irgendwann einfach mal vergisst. Dann gehen sie halt mit ihren Taschengeld-Euros zum Allkauf und holen nach, was man vergaß.

Ganz sicher eine Erkenntnis mit hohem Erinnerungswert

Dieses alte Häuschen mit dem großen Garten wird also schnell zum Erinnerungsirrgarten. Erstaunlich ist, dass unser Jüngster meine ollen Geschichten brav über sich ergehen lässt. Eine echte Glanzleistung für den kleinen Kerl. Und auch auf eine Weise beschämend, denn er interessiert sich wirklich und stellt nicht einmal auf Durchzug, wie ich es mitunter bei allzu ausführlichen Berichten aus seinem Munde erledige.

Wir machten einen Waldspaziergang auf der Suche nach Feuersalamandern, fanden aber keine an den alten Stellen. Unterwegs besiegte er mich gefühlte einhundert Mal im Schere-Brunnen-Papier. Ein großer lauter Spaß, der durch den einsamen Wald schallte. Vielleicht wird er später mal mit seinen eigenen Kindern auf demselben Waldweg Schere-Brunnen-Papier spielen und dann feststellen, dass es nicht mehr so viel Spaß macht, dass er da also eine verklärte Kindheitserinnerung hat, so wie ich an die Keksschälchen der Großmutter.

Es geht hier also um Wiederholungen. Und wie wichtig es ist, immer wieder Neues hinzuzufügen. Und um die erstaunliche Entdeckung, dass es sehr oft die banalen Dinge sind, die in schönster Erinnerung bleiben.

Auf dem Rückweg hinunter in dieses einstmals belebte kleine Harzstädtchen entdecken wir zwischen den vielen leerstehenden ehemaligen Bäckereien, Fleischereien, Andenkengeschäften, Cafés und Eisdielen nur noch einen kleinen Imbiss mit türkisch-stämmigem Betreiber. Keine Harzer Schmorwurst mehr und auch kein Windbeutel zum draußen Essen. Alles vorbei. Also spendiere ich ihm in Ermanglung einer Alternative ein Bockwürstchen im Brötchen. Kein Witz, der Chef fragt auch hier: „Mit alles?“ Aber Sohn will nur Ketchup drauf.

In der Ecke steht einer dieser modernen Geldspielautomaten und ich gebe Sohn den Wechseleuro. Er drückt ein bisschen auf die blinkenden Lichter und hat am Ende sechzehn Euro im Ausgabefach liegen. Ganz sicher eine Erkenntnis mit hohem Erinnerungswert. Vielleicht so, wie dieses kleine Feuerzeug, das ich mal mit dem Groschen des Vaters aus einem dieser roten Kaugummiautomaten holte, wo sonst nur Kugeln rausfielen.

Sind Wiederholungen nicht etwas Wunderbares?

Später entdecken wir auf dem Dachboden des Hauses noch diesen Kasten mit aufgespießten Insekten des Urgroßvaters, die der mal aus Deutschsüdwest mitgebracht hatte. Ich erinnere mich, dass mein Großvater sie mir einmal zeigte und dann dort wieder vorsichtig abgelegt hatte. Und ich erinnere mich dann sogar noch an die Geschichten dazu, an die Kaffeeplantage und dass es dazu noch Briefe geben muss. Ich suche also mit Sohn die alten Briefe und mir gelingt es sogar, das Sütterlin zu entziffern und die Urgroßmutter bedankt sich bei der Schwester für die Kohlsamen, erzählt von den wilden Tieren, die nachts um das Plantagenhaus schleichen und in einem letzten Brief von der Vertreibung durch die neuen Kolonialherren aus England.

Und dann erkenne ich dieselbe Begeisterung beim Sohn wieder, die mir von mir selbst im Gedächtnis geblieben ist. Er möchte die Insektenkiste am liebsten mit nach Hause nehmen, aber ich lenke ihn mit einem Erkundungsgang durch den Garten ab und hoffe, dass er das Mitbringsel seines Ururgroßvaters ebenso wieder vergisst, wie ich zuvor und dass er diesen Schatz eines Tages neu entdecken wird. Und nun sagen Sie selbst, sind Wiederholungen nicht etwas Wunderbares? Oder wäre es an der Zeit gewesen, die alten Käfer mal zum Antiquariat zu schleppen und dem Sohn vom Erlös beispielsweise ein iPhone zu kaufen?

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