Welt ohne Waffen

Alexander Wallasch29.08.2013Außenpolitik

Wie pervers ist eine Denke, in der die rote Linie erst überschritten ist, wenn Giftgas eingesetzt wurde? Und nicht nach Hunderttausenden Toten, die durch andere Waffen starben, die auch der Westen millionenfach ins Land karrte.

Der wahrscheinlich denkwürdigste Satz kam von Philipp Mißfelder, der, bei Anne Will neben Sahra Wagenknecht sitzend, mit roten Ohren auf Aussagen der wirtschaftspolitischen Sprecherin und stellvertretenden Vorsitzenden der Partei Die Linke zum Thema Syrien irgendwann aufgeregt in etwa feststellte: „Ja, glauben Sie denn, eine Welt ohne Waffen wäre friedlicher?“

Der das sagte, ist nicht irgendein Bundestagsabgeordneter der CDU, sondern – kein Witz – außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, also der von der Union ausgewählte Fachmann für Außenpolitik. Gut, wer bei Anne Will weiter zugehört hat, weiß, dass es so etwas wie ein Versprecher war. Der gute Mann wollte wohl eigentlich sagen, dass ein Deutschland ohne Waffen dem Weltfrieden nichts nutzt. Geschenkt.

Deutschland ist weltweit drittgrößter Waffenexporteur

Jedenfalls war der späte Fernsehabend entgegen der Auffassung von Ninette Krüger, “die für die „Frankfurter Rundschau“ befand”:http://www.fr-online.de/tv-kritik/tv-kritik-anne-will-das-morden-in-syrien-muss-aufhoeren,1473344,24149344.html, die Anne-Will-Sendung „bl(ieb) harmlos wie ein politisches Kaffeekränzchen“, durchaus erhellend, wenn man mal bereit war, auf eine allumfassende Transzendenz zu verzichten und sich aus der Konkurrenz von unterschiedlich starken Standpunkten einen eigenen zu erarbeiten oder den vorhandenen zu festigen.

Halten wir uns nicht lange mit den weiteren Diskutanten auf (da waren noch ein „Bild“-Kriegsreporter-Jüngling mit Harry-Potter-Gestus, ein nicht unsympathischer, aber polternder und irgendwie aus der Zeit gefallener deutscher Ex-Militär und ein englischer Diplomat, der schnell in der Fehleinschätzung seiner eigenen Wichtigkeit abgesoffen ist), sondern fassen zusammen, was man mitnehmen konnte zu diesem elenden Syrienkonflikt, dessen aktuelle Zuspitzung ja Potenzial genug hat, einem den Schlaf zu rauben:

Assads Armee verfügte bereits vor dem Konflikt über ein großes Waffenarsenal und wird weiter von Russland, Iran usw. hochgerüstet. Die Rebellen werden ausgestattet von den Verbündeten und jenen Staaten selbst, die aktuell einen „Kurz-Angriff“ auf Syrien ankündigen. Das erfüllt zweifellos die Kriterien eines Stellvertreterkrieges.

Deutschland ist weltweit drittgrößter Waffenexporteur. Man kann also davon ausgehen, dass bestimmte Tötungsmittel für syrische Menschen auch „Made in Germany“ sind, also ihren Anteil haben an der deutschen Exportvizeweltmeisterschaft.

Entmachtung Assads?

Aktuell sind bereits über Einhunderttausend Opfer dieses Konfliktes geworden. Opfer, die auch starben, weil am Krieg nicht beteiligte Interessengruppen die Kontrahenten einfach immer weiter mit Waffen versorgen.

Das geächtete Giftgas (aus deutscher Produktion? Warum wird das überhaupt hergestellt, wenn es geächtet ist? Jedenfalls sind wir die Erfinder) tötete jetzt viele Hundert Menschen. Darunter unbeteiligte Frauen, Kinder und Alte. Wer in diesem Konflikt letztlich das Gas geschossen hat, ist weiter ungeklärt. Klarer ist, wer am meisten von einer möglichen Reaktion der Amerikaner, Engländer usw. profitieren könnte: die Rebellen.

Dabei bemühen sich diese – obszönerweise – „Koalition der Willigen“ genannten Staaten, klarzumachen, dass es sich bei den geplanten Angriffen auf Syrien aus der Luft und vom Wasser aus um eine reine Strafmaßnahme wegen des Giftgaseinsatzes handelt und nicht um eine Entmachtung Assads. Wie das vonstatten gehen soll, weiß aber keiner genau: Denn wenn Assads Truppen in diesem Patt durch Angriffe auf militärische, politische und kommunikative Einrichtungen geschwächt werden, dann stärkt das die Position der Rebellen. Möglicherweise bringt es das Patt sogar zum Kippen.

Nicht vergessen: Die Amerikaner, Engländer und Franzosen haben sich bereits dahingehend positioniert, dass Assad für Syrien keine Option mehr sein kann.

Verniedlichte „Nadelstich-Angriffe“

Wenn man also davon ausgehen würde, dass Assad in den vergangenen Monaten irgendwelche militärischen Erfolge errungen hätte, dann würde das Bombardement möglicherweise sogar dafür sorgen, das Patt wiederherzustellen, also die Auseinandersetzung auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Und damit natürlich auch das Morden und Töten.

Denn wie pervers klingt es, wenn man nach einhunderttausend Toten eine rote Linie überschritten sieht, weil statt Mörsergranaten, Flammenwerfern, Sprengfallen, Patronenkugeln und Minen nun auch Gas Menschen tötet? Übrigens Mörsergranaten, Flammenwerfer, Sprengfallen, Patronenkugeln und Minen, welche auch die Koalitionäre in Millionen, möglicherweise Milliarden-Dollar-Volumen, dort hineingepumpt haben.

Wie viel perverser kann eine Denke funktionieren? Und wie viel Denkleistung braucht es, diesen Zusammenhang zu verstehen? Dafür reicht tatsächlich eine Anne-Will-Sendung aus. Muss ausreichen, denn der Countdown ist ja bereits ausgerufen. Und die Konflikte des 21. Jahrhunderts zeigen zumindest eines überdeutlich: Diese verniedlichend „Nadelstich-Angriffe“ genannten Strafmaßnahmen, so es denn real dabei bleiben soll, können keinen Krieg verhindern, sie verlängern ihn.

Es bleibt also die banale, aber wahre Erkenntnis, dass es nur den diplomatischen Weg geben kann. Denn wer möchte ernsthaft behaupten, die diplomatischen Möglichkeiten wären erschöpft?

Konflikt ist hausgemacht

Diplomatie heißt zunächst miteinander reden. Reden, reden, reden. Wer redet, schießt nicht. Auch so eine banale Erkenntnis. Man muss die Parteien diplomatisch dazu zwingen, miteinander zu reden. Aber bitte nicht mit der Knarre in der Hand und noch weniger mit einer Wagenladung Knarren nach der anderen als Gastgeschenke für die verfeindeten Gruppen.

Dieser Konflikt ist hausgemacht. Aber dieser Konflikt ist auch von außen massiv geschürt und befeuert worden und wird es immer noch. Von jenen demokratischen Staaten, in denen Hunderte Millionen Menschen friedlich nebeneinander leben.

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