Zu grün hinter den Ohren?

Alexander Wallasch22.08.2013Medien

Die Taz leistet sich eine Chefredakteurin. Aber wozu eigentlich, wenn schon die Vertagung eines Artikels von Redaktion und Autor als Affront verstanden wird? Eine Geschichte um fehlendes Vertrauen und Illoyalität.

Die „tageszeitung“ hat jetzt ihren eigenen Whistleblower. Allerdings hat, was der Edward Snowden der „Taz“ öffentlich machte, nicht wirklich das Zeug zur Weltnachricht. Es geht dabei zunächst lediglich um Interna aus dem Alltagsgeschäft einer Tageszeitung, wie es so oder ähnlich wahrscheinlich in fast jeder deutschen Zeitung an der Tagesordnung ist.

Machen wir es kurz: Ines Pohl hat in ihrer Funktion als Chefredakteurin der „Taz“ einen bereits ins Layout gesetzten, von der zuständigen Redaktion und dem Justiziar freigegebenen Artikel noch am Newsdesk aus dem Blatt genommen, um ihn noch einmal zu diskutieren und ggf. zu einem späteren Zeitpunkt zu bringen. Über das Warum oder Weshalb wird sie am Konferenztisch gesprochen haben, öffentlich nicht. Wozu auch? Jedenfalls geschah, was die Chefin angeordnet hatte, und die Ausgabe der „Taz“ erschien ohne besagten Artikel.

Damit hätte die Sache erledigt sein können. Journalisten kennen das. Man schreibt einen Artikel und stimmt ihn in schon mal langen Durchgängen mit der zuständigen Redaktion ab, bis Einigkeit über den Inhalt entsteht oder Zeitdruck für Einigung sorgt. Damit ist die Arbeit des Journalisten getan und er kann davon ausgehen, dass sein Artikel zum verabredeten Termin erscheint. Ein Chefinnen-Veto in womöglich letzter Sekunde und in großer Hektik ist die Ausnahme, aber nicht die von der Regel, denn regelgerecht wäre auch das. Bei der „Taz“ womöglich seltener als anderswo, aber darüber gibt es keine Statistiken.

Ines Pohl hat keine Veto-Funktion

Nun kam aber besagter Whistleblower dazwischen und machte das PDF-Dokument des fertig gesetzten Textes vor einer Neubesprechung mit der Chefin im Netz öffentlich: mit dem Ergebnis, dass Mitbewerber postwendend von „Zensur“ sprachen. So titelte die „Welt“ in unangemessener Lautstärke: „Zensur bei ,Taz‘ als Wahlkampfhilfe für Grüne?“ Von Zensur zu reden, ist natürlich Quatsch, denn die Entscheidung einer Chefredakteurin, einen Text in letzter Sekunde nicht zu bringen, ist Teil der ihr Kraft ihres Amtes verliehenen Kompetenz. Ich bat den Chefredakteur meiner auflagenstarken örtlichen Zeitung, Armin Maus, um ein Statement:

bq. „Die innere Freiheit des Redakteurs ist gegeben, denn Zensur findet nicht statt. Hier hilft uns Artikel 5 des Grundgesetzes. Ich glaube fest an die Notwendigkeit der Binnenpluralität einer Redaktion. Die Aufgabe des Chefredakteurs liegt m.E. nicht darin, dem einzelnen Kollegen Vorschriften zu machen, sondern in der Erhaltung und Steigerung des Reflexionsniveaus. Eine Redaktion sollte sich stets selbstkritisch prüfen. Sie sollte sich sicher sein (können), dass sie nach den handwerklichen Regeln, nach den Geboten der Fairness und Unvoreingenommenheit handelt. Diese Diskussion kann nicht nur zwischen Redakteur und Chefredakteur stattfinden, sie hat auch und gerade auf der kollegialen Ebene ihren Platz. Natürlich hat der Chefredakteur eine herausgehobene Rolle bei der Themensetzung und bei der konzeptionellen Entwicklung der Zeitung. Geschmacksfragen sollten keine Rolle spielen, persönliche Vorlieben auch nicht. Zum Schluss noch eines: Entscheidungen über Inhalte sind am Ende immer die Folge einer Abwägung.“

Wie oft Armin Maus – und ob überhaupt – als Chefredakteur noch in letzter Sekunde einen Artikel aus dem Blatt nahm, weiß ich nicht. Interessanter finde ich die Aussage des erfahrenen Journalisten, dass Themensetzung und konzeptionelle Entwicklung Kernaufgaben eines Chefredakteurs sind. Welche Bedingungen allerdings für Armin Maus erfüllt sein müssen, damit er eine von ihm als Chefredakteur am Newsdesk festgestellte Diskussionsbedürftigkeit ggf. über die Freigabe einer Redaktion stellt, müsste man noch nachfragen.

Gespräche am gestrigen Tage mit verschiedenen Redakteuren der „Taz“, die alle „bitte unter drei bleiben mögen“ – also anonym – lassen mutmaßen, dass es so etwas wie eine Veto-Funktion für die „Taz“-Chefredakteurin praktisch gar nicht gibt. Ein Gewohnheitsrecht? Resultierend aus dem „Taz“-Gründungsmythos? Womöglich.

Steile These hin oder her

Das ist die zugegeben lange Vorgeschichte. Nun dreht es sich bei dem zurückgezogenen Text von Christian Füller / „Taz“ inhaltlich um Pädophilie und die Grünen. Und dieser Füller gehört zu jenen Journalisten, die sich investigativ in Gebiete vorwagen, die so schmutzig sind, dass die meisten Journalisten wahrscheinlich froh sind, damit nicht weiter behelligt zu werden. Den Autor des vielbeachteten Buches „Sündenfall“ über den Pädophilen-Skandal an der Odenwaldschule lobte u.a. die „Süddeutsche“ für „seine offene Auseinandersetzung mit dem Missbrauch (dort), die auch vor der Verstrickung von ehemaligen ,Taz‘-Kollegen nicht halt macht“.

Füller ist also kompetenter Anwalt für Menschen, für Kinder, die selber keine öffentliche Stimme haben. Nun hat er einen unerhört scharfen, polemischen Text abgeliefert. Für Armin Maus wäre ein „Text, der die Grünen pauschal zur Partei der Kinderschänder erklären würde, (zumindest) diskussionsbedürftig. Steile These hin oder her.“ Für den Chefredakteur hat Frau Pohl „bloß ihren Job gemacht“.

Ines Pohl hat vielleicht aus ähnlichen Bedenken wie Armin Maus eine Veröffentlichung vertagt. Mit Recht könnte sie heute angesichts der Indiskretion rund um das Layout von Illoyalität und Vertrauensmissbrauch sprechen. Noch dazu, weil das im Vorfeld eines internen Gespräches mit ihrer Redaktion passierte. Das steht natürlich auch Redaktion und Autor zu, denen Frau Pohl ja für diesen Artikel kurzerhand Kompetenz und Vertrauen entzogen hat. Man kann es also drehen und wenden: In Hierarchien bleibt die korrigierende Entscheidung eines Höhergestellten immer Kompetenzkritik und rückwirkender Entzug von Vertrauen.

Wer möchte an ihrer Stelle gewesen sein?

Was hatte Füller also geschrieben, dass Ines Pohl so kurzfristig weiteren Diskussionsbedarf sah? Einen Essay, der aufwühlt, der an vielen Stellen weiter geht, als wir es bisher von vergleichbaren Stücken gewöhnt sind. Eine knallharte Polemik mit einer Andeutungstiefe, die ursächlich dafür verantwortlich sein könnte, dass Ines Pohl zurückgezuckt ist.

So heißt es an einer Stelle über Daniel Cohn-Bendits widerliche Pädophilenfantasie von 1975: „Angeblich eine Fiktion.“ Füller suggeriert hier, dass er sich vorstellen könnte, Cohn-Bendit selbst wäre Päderast. Für eine solche Verschärfung wären jedoch weitere Indizien nötig. Die liefert Füller nicht. Aber selbst im ungewöhnlichen Rahmen der Rubrik „Die steile These“ wäre das sinnvoll gewesen.

Weiter geht es mit der These, dass Grüne nicht nur „offen pädokriminelle Propaganda einfach hingenommen hätten“, sondern im Gegenteil, „Pädophilie war keine Nebensache bei den Grünen, sondern in der Ideologie angelegt“. Lassen wir hier mal die Vergangenheitsform der Aussage beiseite, sagt der Autor nichts weniger, als das die Ideologie der Grünen auch heute noch – denn es gibt ja bei den Grünen keinen Bruch, kein grünes Bad Godesberg – Förderung der Pädophilie beinhaltet. Dass Grünes Denken also generell, in seinen Anlagen kriminell ist.

Für Füller ist weiter: „(d)ie pädophile Indifferenz der Grünen (…) jedoch, anders als vermutet, keine Politik ohne Opfer. Es gibt sie, nur wagen sich bislang nur wenige Betroffene zu sprechen. Die Grünen haben Glück, dass sie als Partei keine Schulen, Kitas oder Internate betrieben haben. Orte also, an denen das Menschenmaterial vorhanden gewesen wäre, um ihre Befreiungsideologie jugendlicher Sexualität auszuleben.“

„Ihre“ bezieht sich hier ja wohl auf die Grünen an sich: also eine Aufschrei-Hypothese. Die Partei ist dann laut Füller nur mit „Glück“ keine Truppe von Kindsmissbräuchlern geworden. Die engagierte Journalistin Bettina Röhl geht prompt noch einen Schritt weiter und postet via Facebook zur Debatte um den Artikel: „Die Grünen sind, was Pädophilie anbelangt, gerade nicht sauber. Pädophile Übergriffe sind keine Einzelfälle gewesen.“ Ergo gehörten pädophile Übergriffe in Grünen Kreisen zum alltäglichen Horror? Furchtbar. Und sicher auch furchtbar schwer für Ines Pohl. Wer möchte in der Sache an ihrer Stelle gewesen sein?

Ist also der via Whistleblower öffentlich gewordene Eingriff der Chefredakteurin der „Taz” ein Paradigmenwechsel für das Blatt? Sicher nicht, der Artikel hätte einfach nach einer weiteren Runde – dieses Mal mit Diskussionsteilnehmerin Ines Pohl – zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen können. Das alles also viel Lärm um nichts dank einer redaktionellen Indiskretion, die am Ende nur zu laut trommelt und keinem nutzt. Nicht der Sache, nicht dem Autor, der Redaktion oder der Chefredakteurin, die aus ihrer Sicht alles richtig – und für einige im eigenen Haus doch so viel falsch – gemacht hat.

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