Ratztaz wird’s teuer

Alexander Wallasch19.08.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Taz hat gegen Sarrazin vor Gericht verloren – gut so. Bleibt zu hoffen, dass die entscheidenden Sätze durchgerutscht und nicht Teil der Blattpolitik sind, denn dafür ist die Zeitung einfach zu wichtig.

Ich bin nicht sicher, aber kann eine Zeitung Texte gegen eine mögliche Geldstrafe wegen beleidigender Inhalte versichern lassen? Ich glaube nicht. Das hieße ja weitergedacht, dass Versicherungsvertreter in Redaktionen Texte prüfen müssten, um diese von Fall zu Fall aus einem dementsprechenden Versicherungsschutz auszuschließen. Verlage haben Rechtsabteilungen oder beauftragen freie Rechtsanwälte. Und die eigenen oder freien Anwälte der „Tageszeitung“ („Taz“) haben nun einen Prozess verloren und müssen an Thilo Sarrazin 20.000 Euro bezahlen. Das Landgericht Berlin verurteilte die genossenschaftlich geführte „Taz” also zu einer empfindlichen Entschädigungszahlung an den Ex-Bundesbanker und Bestseller-Autor (Urteil des Berliner Landgerichts 27 O 183/13).

„Leider“, werden nun viele denken, ich sage: „Leider gut so.“ Denn ein Kolumnist hatte Sarrazin den Tod gewünscht. Aber dazu und warum dieses Urteil auch eines gegen eine immer dreister auftretende grüne und antidemokratische Deutungshoheit ist, später. Ja, mit diesem klugen Urteil wird eine klare Grenze neu gezogen, die drohte, sich gefährlich zu verschieben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit, um Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrecht. Ein richtungsweisendes Urteil.

Sarrazin darf sich jetzt über 20.000 Euro freuen

Und besonders spannend, betrachtet man es mal im Kontext einer Flut von Anzeigen gegen Sarrazin, die ihn als Autor von „Deutschland schafft sich ab“ der Volksverhetzung bzw. der geistigen Brandstiftung bezichtigen. Letzteres tatsächlich ein Straftatbestand, denn nach § 126 Strafgesetzbuch wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe verurteilt, wer eine Störung des öffentlichen Friedens verursacht. So berichtete die „Taz“ am 1. August dieses Jahres, dass der Berliner Anwalt Hans-Eberhard Schultz die Justiz „zwingen“ will, gegen Skandalautor Thilo Sarrazin vorzugehen. Eine Rüge des UN-Antirassismus-Ausschusses gäbe ihm Hoffnung. Nun fand sein Vorhaben außer in „Jungle World“ und „Taz“ kaum mediale Beachtung. Man darf also ein bisschen annehmen, dass die „Taz“ mit dieser Berichterstattung auch auf die Meinungsbildung zum damals noch laufenden Prozess Einfluss nehmen wollte.

Erfolglos, denn Sarrazin darf sich jetzt über 20.000 Euro freuen, deren Verlust die „Taz“ erst mal ihren Genossenschaftlern verkaufen muss. Denn halten wir fest: Wenn ein Kolumnist der „Taz“ einer öffentlichen Person wünscht, sie möge bitte an einem zweiten Schlaganfall versterben, weil ein erster noch nicht zum Tode geführt hätte, und wenn das so abgedruckt wird, dann ist das keinesfalls ein Kavaliersdelikt, kein Versehen, dem Chef vom Dienst auch nicht irgendwie durchgerutscht, sondern bewusst gesetzt, in der zum Glück immer noch irrigen Annahme, damit einen maximalen Konsens mit der vermuteten Denke der eigenen Leser und einer erweiterten Öffentlichkeit herzustellen.

Zur Erinnerung: Die „Taz“, das ist jenes Blatt, das eine „Taz“-Panther-Stiftung ins Leben gerufen und mit annähernd zwei Millionen Euro gesponsort bekommen hat, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Bürgerrechte zu vermitteln beziehungsweise zu deren Wahrnehmung zu animieren“. Und die junge, kritische Journalisten und das „soziale Engagement von Initiativen“ unterstützt. Aber ist so ein „Verrecke Thilo Sarrazin!“ tatsächlich ein neues Bürgerrecht? Ein soziales Engagement? Nein, das ist ohne jeden Zweifel zutiefst asozial.

Nun ist Autor Deniz Yücel ansonsten eine lesenwerte Giftspritze, die sich die „Taz“ dort leistet, wo sich „Taz“-Journalisten oder „Taz“-Durchgangsjournalisten ungern die Finger schmutzig machen, also das linksseitige Pendant zum Ätzer Henryk M. Broder bei Springer.

Deniz Y. – der Nachwürzer

Dieser Deniz Y. (klingt jetzt gerade wie ein Straftäterkürzel bei „Aktenzeichen XY“, finden Sie nicht? Obwohl nein, dort hat man ja mitunter den Eindruck, die Herkunft von Tätern unterläge einer Quotierung – egal) ist also der böse Bube der „Taz“. Derjenige, von dem man sich Monat für Monat erhofft, er würde doch bitte den scharfen Chili für das angerichtete Druckwerk einstreuen. Der Nachwürzer.

Allerdings beherrscht dieser Yücel auch die leiseren Töne. Sein “Text zur Papstwahl”:https://www.taz.de/!112813/ (13.03.2013) beispielsweise ist mir in guter Erinnerung geblieben. Treffend formulierte er dort sein Innenverhältnis zur Christenheit, das ich teile: „Denn im Gegensatz zu den protestantischen Tugendeiferern haben die Katholiken seit 2000 Jahren Erfahrung darin, den lieben Gott einen guten Mann und den Papst einen alten Sack sein zu lassen und sich den Freuden des Lebens zuzuwenden.“

Das ist nett Katholiken gegenüber, denen oft nichts Gutes gewünscht wird: Das hat etwas von einem St.-Pauli-Fan: Diese unausrottbare Liebe zum Underdog. Dieser Yücel muss ein sensibles Gespür für Recht und Unrecht haben. Und er genießt auch deshalb bei „Taz“ eine gewisse Narrenfreiheit. Er legt den Finger zwar tief in Wunden, reißt aber ungern neue auf. Ein Schreiber also, der auch deshalb mal daneben liegen kann, weil er im Gegensatz zu den meisten anderen Risiken in Kauf nimmt. Im Namen der „Taz“.

Denn die trägt nun eine Verantwortung, die zwanzigtausend Euro schwer wiegt. Pech gehabt. Aber eben der berechtigte Preis für diese Yücel-Fiesheit, die weit mehr war als nur eine Taktlosigkeit oder blöde Sauerei. Die dreckige Beleidigung Sarrazins, das Spiel mit dessen sichtbar körperlichen Einschränkungen in seiner Mimik, der Wunsch, er möge endlich an einem zweiten Schlaganfall verrecken, traf einen Sarrazin zu einem Zeitpunkt, als er bereits von links bis in die Mitte der Gesellschaft zum Vogelfreien, zu einem, der jedes Recht verwirkt hätte, erklärt wurde.

Ein Gefühl großer Übelkeit

Die „Taz“-Redaktion folgt damit diesem neuerdings immer widerlicher auftretendem grün gefärbten Mob-Schema: Von der großkotzigen Klientel-Besserwisserei hin zur klugschwätzenden Denunziation Andersdenkender, vom Auftritt im Kindergartenelternabend bis hin zur Talkshowrunde am Sonntagabend. Ja, dieser fiese Trittin’sche Arschloch-Gestus wird epidemisch und macht es so unsagbar schwer, heutzutage auch nur noch ein einziges Anliegen des Grünen-Parteiprogramms auf irgendeine Ernsthaftigkeit hin zu überprüfen. Ne, ne – mit solchen Figuren möchte man sich immer weniger gemein machen. Ein Gefühl großer Übelkeit.

Also noch einmal konkret: Hoffte Deniz Yücel, die „Taz“-Redaktion würde seine Schweinerei bei der Freigabe in der Hektik des Tagesgeschäfts vielleicht überlesen, bzw. die Rechtsabteilung sei, falls doch jemand unruhig würde, schon im wohlverdienten Wochenende?

Kann sein. Muss aber nicht sein. Denn was wäre, wenn es doch ein klares Einvernehmen gab zwischen Autor und Redaktion? Lag der Text zuvor vielleicht sogar tagelang bei dem oder den verantwortlichen Redakteuren auf dem Tisch oder im Mailer? Das allerdings wäre dann mit den zugestandenen zwanzigtausend Euro noch lange nicht abgegolten, dann nämlich wäre es vonnöten, eine solche Haltung mal genauer abzuklopfen. Mal nachzuhaken, mal öffentlich zu machen, inwieweit antidemokratische, grün-asoziale und menschenverachtende Überzeugungen Leitlinie der Redaktion gegen Andersdenkende geworden sind.

Persönlich glaube ich das überhaupt nicht. Ich fände es wesentlich angenehmer, wenn diese üblen Sätze einfach in der Hektik des Tageszeitungsgeschäftes durchgerauscht sind. Dafür ist die „Taz“ immer noch zu unentbehrlich. Übrigens so unentbehrlich wie die Linke im nächsten Bundestag, aber das ist ein anderes Thema, das mehr Ausführlichkeit verdient hat.

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