Jenseits der Olivenhaine

Alexander Wallasch29.07.2013Gesellschaft & Kultur

Brenner, Adria, Schafskäse und Ouzo – warum darauf verzichten und Urlaub in Norwegen machen? Darum.

bq. Ja, vi elsker dette landet,
som det stiger frem,
furet, værbitt over vannet,
med de tusen hjem.

„Hä? Norwegen? Was willst’n da?“, so und ähnlich zunächst die Reaktionen im Bekanntenkreis nach Ankündigung unseres Familienreiseziels 2013. Und die Kollegin im Büro fragte sogar, ob ich eventuell einen Hang zum Depressiven hätte, also irgend so eine Alterserkrankung.

Sie ahnen es also schon oder kennen es selbst aus Ihrem eignen Umfeld: mehrheitlich Mittelmeerfreunde. Gut, das hat ja hierzulande auch eine lange Tradition. Diese deutsche Sehnsucht nach dem Land, wo die Zitronen blühen, „Dahin! Dahin möchte’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn“. Also die Überwindung der Alpen als deutsche Aufgabe. Glückssuche mit Goethes Kompass. Und die hartnäckige Vermutung, die Hoffnung, dahinter sei nun alles besser, schöner, lebensfroher.

Vaters Adriaismus wirkte infektiös auf unsere Kinderseelen

Also erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Richtung Skandinavien gibt es nichts zu überwinden. Im Gegenteil, denn wer sich auf den Weg nach Norwegen macht, der kommt an Dänemark nicht vorbei. Der unternimmt eine Dänemarkdurchquerung, die nicht anders wirkt, als eine Bonus-Verlängerung Norddeutschlands: Flach, hübsch, beschaulich, harmlos, muh.

Nun möchte also so eine Urlaubsreise gerne ein Abenteuer auf Zeit sein. Dänemark hat aber zunächst nichts Abenteuerliches. Vielleicht zieht es deshalb so viele deutsche Familien mit Kindern dort hin. Man genießt dann die völlige Abwesenheit irgendwelcher ungeplanter Abenteuerlichkeiten. So gesehen ist dieses deutsche Dänemark für Norwegenreisende wahrscheinlich die Negation des Alpen-Bollwerks der Mittelmeergläubigen.

Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Brenner-Pass-Aufkleber mit Jahreszahl der Bezwingung an den Familien-Volkswagen-Variants meiner Kindheit klebten. Und wie stolz der Vater, der Alpenüberwinder, das Kriegskind, diese Dinger an die Windschutzscheiben klebte. Der Volkswagen als motorisiertes Wanderbuch. Mit dabei immer die Mappe vom ADAC mit den wichtigsten Gefahrenabwehrtipps und To-do-Listen und der Europa-Campingführer.

Italien, Spanien, Jugoslawien, Griechenland, sogar Türkei! – nur Albanien konnte sich damals noch erfolgreich gegen die Invasion der Wallaschs in ihrem VW 1600 L Variant ff. zur Wehr setzen. Glückliches Land der Adlersöhne. Obwohl, stopp: das ist ungerecht. Denn Vaters Adriaismus wirkte natürlich schwer infektiös auf unsere Kinderseelen. Wenn ich nur zehn schöne Erinnerungen an meine Kindheit übrig hätte, viele Details dieser Hellas- und Kleinasienexpeditionen wären ganz sicher dabei.

Ich war ja selbst in den Anfangstagen mit den eignen Kindern jenseits der Alpen unterwegs. Wenn auch ohne Brenner-Pass-Erfahrung: Wir wählten den bequemeren Weg on air. Gepäckabwurfzone Blickachse Akropolis. Und schön war es immer. Selbstverständlich. Warum es nun endlich Norwegen sein sollte, kann ich nicht einmal genau sagen. War der gelungene Schwedenurlaub 2012 schuld, der eine erste schmale Brücke hin zur skandinavischen Seele gebaut hatte? Bestimmt auch das. Aber noch viel mehr sicher dieser unangenehme Sättigungsgrad, dieses Südlandfeeling im Bauch, das zum Stein geworden ist. Diese Flut von Mittelmeerzitaten im eignen Land war sicher der allgemeinen deutschen Sehnsucht geschuldet.

Wunschvorstellung und Realität im Einklang

Heute ist davon ja gefühlt nur noch ein Integrationsproblem übrig geblieben, so wie der lederne Weinschlauch aus Spanien und die Gipsfigur vom griechischen Diskuswerfer, der Diskobol des Myron, all ihren Charme verloren haben, wie schon zuvor die venezianische Plastikgondel mit Beleuchtung und Spieluhr-Melodie aus „Der Pate“, die ebenfalls längst im Keller gelandet ist.

Bei uns hat das jedenfalls alles einer Sehnsucht nach Frische, nach Kühle oder einfach nach einem debattenfreien Raum Platz gemacht, antworten wir also unseren Norwegen-verdutzten Nachbarn und machen uns auf den Weg bis dort hin, wo diese norddeutsche Landschaft an der Spitze Dänemarks endet und die Fähre uns hinüberträgt nach Norwegen. Puh, was ein Aufatmen. Und von der ersten Minute an ein Gefühl maximaler Übereinstimmung. Wunschvorstellung und Realität im Einklang.

Tiefes, dunkles Blau. Klarheit der Gedanken am Wasser. Die Hütte am Felsen darüber. Und ein kleines motorisiertes Boot, das uns mit unseren Angeln hinaus auf den Fjord trägt. Das Echolot zeigt ungeheure Tiefen, in welche die Köderfische gerade noch abzutauchen in der Lage sind. Und was wir von dort sofort und in großer Zahl heraufholen, bereichert den Speiseplan: dicke Dorsche, schlanke Köhler, wehrhafte Makrelen.

Die wenigen Menschen, die im ländlichen Raum so weit verstreut lebenden Norweger, die man kennenlernt, sind auf eine Weise vertraut, wie es keine Südlandsehnsucht leisten könnte.

Diese vermeintlich kindliche Überschwänglichkeit weicht einem großen Selbstverständnis. Nachts bleiben alle Türen geöffnet. Gibt es etwas zu verhandeln, einen Preis, eine Gefälligkeit, sind Gast wie Einheimischer penibel drauf bedacht, jeden eignen Vorteil zu vermeiden. So werden Einladungen zum Umtrunk mit großer Vorsicht ausgesprochen. Fraternisierung ist hier überhaupt nicht vonnöten, man fühlt von Anbeginn den gemeinsamen Nenner und braucht sich nicht fröhlich überm Ouzo oder Raki zusammenzutrinken. Und auch so etwas kann dann eine große Befriedigung bedeuten. Ein Abenteuer ganz anderer Art. Eine große Überraschung. Ja doch, das Gefühl, angekommen zu sein.

Abwehrreaktion auf Oliven-Schafskäse-Invasion

Und dann wieder hinaus mit dem Jüngsten. Frühmorgens gegen die blauen Wogen mit den weißen Schaumkronen ankämpfend, bis unter die abfallenden Felsformationen, die so mächtig erscheinen, dass man in diesem Miniboot ganz winzig darunter entlang gleitet. Eine große natürliche Aufforderung zur Stille, der man folgsam nachkommt, bis diese kleine Angel des Sohnes anfängt zu zappeln und zu zerren und die Augen des Kleinen immer größer werden. Was dann am Haken des Neunjährigen hängt, sorgt für große Verzückung bei Vater und Sohn: „Ich habe einen Hai gefangen! Ich habe einen Hai gefangen!“

Ich kann es mir kaum erklären, jedenfalls scheint auch für mich, für uns hier eine Sehnsucht befriedigt, die wir zuvor überhaupt nicht formuliert hatten. Allenfalls als Abwehrreaktion auf diese Oliven-Schafskäse-Invasion, die uns über die Jahrzehnte so vertraut geworden ist. Es scheint fast so, als hätten wir uns zwischen Oslo und Bergen sogar ein wenig selbst wiederentdeckt.

In „Reise durch Norwegen, Lappland und einen Teil von Schweden“ schrieb Robert Everest schon 1829, dass er in Norwegen „die Menschheit in einem einfachen glücklichen Zustand und die Natur in ihrer strengsten Form“ gefunden habe. Das trifft es genau und etwas scheint davon bis heute erhalten geblieben. Begünstigt hat unsere Wiederentdeckung sicher auch diese völlige Abwesenheit von unnötigen Reise-Stressfaktoren, ohne dass es dabei auch nur eine Minute lang langweilig oder abenteuerbefreit gewesen wäre.

Spannend auch, nachzulesen, das schon Kaiser Wilhelm II. von 1889 an alljährlich auf seiner Jacht „Hohenzollern“ zur „Nordlandfahrt“ Richtung Norwegen aufbrach. „In seinem kraftstrotzenden Optimismus war Wilhelm II. nur der Spiegel eines Großteils zumindest der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland. Und so reisten jene Deutschen, die es sich leisten konnten, ihrem Monarchen in den Norden nach. Kreuzfahrten führten in jene Fjorde, die auch der Kaiser besuchte. Und am besten war es natürlich, wenn die Untertanen gleichzeitig mit ihrem Herrscher vor Ort waren“, schreibt ein Uwe A. Oster auf “www.damals.de(Link)”:http://www.damals.de.

Gut, wir haben uns nun mehr als hundert Jahre verspätet mit unserer Begeisterung. Der Kaiser und sein Krempel sind Gott sei Dank längst eingemottet, aber das ist doch trotzdem nostalgisch schön zu wissen, dass man über die Geschichte hinweg für den Moment dieselben Interessen teilte. Ich finde das jedenfalls wunderbar.

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