Das Prinzip der menschlichen Verdrängung | The European

Vergiss es!

Alexander Wallasch21.08.2013Gesellschaft & Kultur

Jeder Tag hat 48 Stunden: 24 zum Leben, 24 für die Aasfresser des Lebens.

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Was sind Sie so für ein Typ? Sehen Sie rückblickend nur das Negative? Oder gehören Sie zu denen, für die das Gestern immer viel rosiger ist, als Sie es einst empfunden haben?

Das Zeitfenster der Rückschau muss übrigens nicht einmal besonders groß sein. Fragen Sie doch mal einen Industriearbeiter direkt nach einer Achtstundenschicht, wie seine Arbeit war. Der Mann verflucht möglicherweise sein Dasein, verflucht sein ganzes Leben. Nun besuchen Sie denselben Kerl nach ein paar Bierchen vor seinem Fernseher und fragen ihn nach seiner Arbeit. Da sieht das Ganze schon wesentlich entspannter aus.

Wir sprechen vom Prinzip der Verdrängung. Dieser eigentlich geniale und ganz zu unrecht verschmähte Mechanismus hat sogar das Potenzial, Motor des Lebens zu sein. Zumindest ein bedeutender Teil seines Antriebs.

Es lebe der Müllschlucker

Aber warum hat Verdrängung oft diesen negativen Ruf? Nehmen wir mal die große enttäuschte Liebe. Blieben in der Rückschau nur die hässlichen Momente in Erinnerung, wer würde sich immer wieder ins nächste Abenteuer stürzen? Oder die mehrfache Mutter.­ Warum wohl nimmt sie nach dem schmerzhaften Erlebnis einer Geburt noch weitere in Kauf? Weil ihr der Schmerz der Vergangenheit erfolgreich ins Unterbewusste abgeschoben und nicht als bewusste Erinnerung gespeichert wird. Ein Wunder?

Nein. Verwunderlich ist zunächst nur, warum die moderne Psychotherapie, die Psychologie, die Philosophie und die Religionen einmütig immer wieder in diesem Verdrängungsmüllschlucker herumstochern, als gäbe es keine schönere Ecke im Inneren des Mitmenschen. In dessen anwachsender Müllkippe negativer Erlebnisse, die so sinnvollerweise dem Erinnern entzogen ist, wird sogar die Ursache für die ­allermeisten negativen Erlebnisse der Gegenwart und der Zukunft lokalisiert. Ein großer Humbug. Aber einer mit Prinzip.

Die Errettung der Seele, die Reinigung des Geistes, des Unterbewussten usw. sind lukrative Geschäftszweige geworden. Weil nun aber immer wieder Menschen mit ihrem Müll zufrieden alt geworden sind und damit schönste Fallbeispiele für das Wunderwerk der Verdrängung abgaben, haben die Religionen, die Carl Gustav Jungs und diese ganze knarzige Esoterikmaschine aus der Not gemeinsame Sache gemacht: mit der in Aussichtstellung eines Paradieses oder der Behauptung andauernder Wiedergeburt. Denn nur so kann das Argument überhaupt entkräftet werden, der Mülleimer der Verdrängung sei doch für ein Leben groß genug.

Nur diese ziemlich geniale­ Idee von der Wiedergeburt schafft es doch erst, den Mülleimer zum Überlaufen zu bringen und so zur andauernden Mülltrennung zu zwingen – also zur Entsorgung angehäufter Negativität. Und hoppla: Es fallen Müllgebühren an! Keine Dienstleistung wird so hoch bezahlt und ist seit Jahrtausenden so lukrativ wie die Leerung dieses Verdrängungsmüllplatzes. Das Böse, die Hölle, schlechtes Karma und die düstere Aura als unendliche Abhängigkeits- und Gelddruckmaschine.

Du rätselhaftes Wesen, Mensch

Eine intellektuelle Schweinsverkopfung. Eine schlaugeschwätzige Kopfgrütze einer Exzellenz-Elite, einer Priesterkaste, die in jeder neuen Generation wieder dermaßen von sich selbst bepudert ist, dass sie ohne die Vorstellung, wiedergeboren zu werden, überhaupt nicht existieren könnte. Natürlich in materieller Hinsicht noch viel weniger.

Dieser ganze Wiedergeboren-Krimskram ist also nichts weiter als eine große bourgeoise goldene Windmühle. Immer wieder aufs Neue befeuert durch das Stochern im Verdrängten, im Unterbewussten. Fast so, als hätte der Tag 48 Stunden. Eine Hälfte davon zum Leben und die andere für die Aasfresser des ­Lebens. Für die Müllspechte. Belassen wir es doch in Zukunft einfach bei den ersten 24 Stunden.

Wie sagte noch Lord Krishna im „Mahabharata“ zum Helden Arjuna: „Was ist das größte Rätsel des Menschen? Dass er jeden Tag vergisst, dass er sterblich ist.“

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