Beijing. Kairo. Istanbul.

Alexander Wallasch11.06.2013Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Die Protestbewegungen in den türkischen Großstädten sind etwas Besonderes, weil hier auch die westliche Sache verhandelt wird. Und junge, schwäbelnde Deutschtürken sind mittendrin, werfen sich für die Demokratie in den Knüppelregen.

Aktuell bietet sich eine klammheimliche Freude über die Proteste in der Türkei an. Liegt es an der Beteiligung von Deutschtürken? Kann sein. Inwieweit allerdings „Spiegel Online“ richtigliegt mit der gewagten Headline „Der Aufruhr der Deutsch-Türken“, kann nicht konkretisiert werden. Zu inhomogen sind die Protestierer auf dem Tian’anmen-, äh, Tahrir-Platz, ach Quatsch, natürlich Taksim-Platz! in Istanbul.

Warum die Vorstellung eine befriedigende ist, dass mit uns aufgewachsene Türken und türkischstämmige Deutsche großen Anteil an diesen „mehr Demokratie!“-einfordernden Prozessen haben könnten?

Weil hier endlich mal eine Nähe, eine Verwandtschaft und eine Solidarität möglich ist, die überhaupt nichts mit diesen auseinanderdividierenden Integrationsproblemen deutscher Strickart zu tun haben. Denn wir verhandeln hier ja nicht über irgendwelche renitenten islamistischen Bartträger oder latent gewaltbereite, bewaffnete Fundamentalisten, die sich von Deutschland aus auf den Weg machen nach New York, Islamabad, Kabul oder Bagdad.

Deutschkenntnis gleich Demokratiekenntnis?

Die jungen Frauen und Männer in Ankara, Istanbul oder Izmir, die die deutschen Kameras suchen oder von denen gesucht werden, sind große Sympathieträger. Wer zufällig reinschaut bei „Heute“ oder „Tagesschau“ und die Türkin von nebenan mitten im Getümmel berlinernd oder den Türken schwäbelnd berichten hört, was gerade direkt vor Ort passiert, der kann doch gar nicht anders, als sich spontan zu solidarisieren. So wie man sich in Stuttgart, Berlin oder Hamburg solidarisiert, wenn die vermummte Staatsmacht hilflos knüppelt.

Da vor den Kameras und Mikrofonen, das sind die Kinder und Enkel jener Väter und Mütter, die mit uns in Deutschland aktiv am gesellschaftlichen Leben teilgenommen haben, Industriearbeiter, die sich selbstverständlich wie viele ihrer herkunftsdeutschen Kollegen gewerkschaftlich organisierten, Mütter, die sich in Kindergärten und Stadtteilläden aktiv an der Meinungsbildung beteiligen usw.

Was bei dieser gar nicht so komplizierten multikulturellen Vermischung herauskommen könnte, ahnte möglicherweise Ministerpräsident Erdogan, als er in Deutschland die türkischstämmige Community besuchte und rückblickend fast prophetisch an diese Gruppe appellierte: „Wer Deutschkenntnisse zur wichtigsten Voraussetzung erklärt, verletzt die Menschenrechte.“

Nun wäre es möglicherweise arrogant, Deutschkenntnis gleichzusetzen mit Demokratiekenntnis. Aber der Stachel sitzt tief. Und er ist zunehmend hochgebildet. Was nichts anderes heißt, als dass eine persönliche Haltung artikuliert und anderen als gemeinschaftliche Haltung angeboten werden kann. Ein Bildungsvorteil. Erdogan hat das 2011 zweifellos erkannt und für sich folgerichtig festgestellt: „Der Gastarbeiter von gestern wird langsam auch Arbeitgeber, Akademiker, Künstler.“ Und dann schlussfolgerte er vor zehntausend Menschen im ISS Dome: „Ich sage Ja zur Integration, aber Nein zur Assimilation … Niemand wird in der Lage sein, uns von unserer eigenen Kultur und Zivilisation loszureißen.“

Ohne jeden Zweifel Assad-Sprech

Der Mann wusste also, wovon er sprach. Und heute ist seine Furcht konkret geworden. Junge Menschen in der Türkei wollen ihre Kultur und ihre Zivilisation beweglicher gestalten. Umgestalten. Modernisieren.

N24 sendet im Livestream vom – ja, nennen wir es ruhig so, weil es exakt so aussieht – „umkämpften“ Taksim-Platz, der in diesem Moment jeder andere Platz irgendwo auf der Welt sein könnte, wo sich Protest gegen Macht und Machtausübung formiert, wie ihn nur junge, unerschrockene Menschen zu demonstrieren in der Lage sind. Der Tränengasbeschuss, die Knüppelorgien, die Wasserwerfer – Staatsgewalt ist selbstverständlich auch hier sofort geeignet, den Betrachter gegen sich einzunehmen.

Und die türkischen Proteste könnten nun ebenfalls geeignet sein, noch einmal eine andere Qualität zu zeigen: Zum einen muss Erdogans Regierung höllisch aufpassen, die Haltung Assads nicht teilweise zu relativieren – einen ersten Anlass dafür bot bereits der Vorwurf Erdogans, die Protestler verträten ausländische Interessen, wie der „Stern“ zu berichten weiß, bzw. die Demonstranten seien vom Ausland gesteuerte Terroristen. Das ist ohne jeden Zweifel Assad-Sprech. Und wie undurchsichtig die Wahrheit in Sachen Syrien, in Sachen Assad ist, ist mittlerweile unbestritten. Also auch nur eine Frage der Zeit, wann irgendein verzweifelter Mächtiger besondere Interessen auch unserer Deutschtürken lokalisiert.

Ja, die Protestbewegungen in den türkischen Großstädten sind etwas Besonderes, weil hier anscheinend erstmals in diesem großen Reigen an Umwälzungen in der Region die westliche Sache verhandelt wird. Die Sache der Demokratie. Der Menschenrechte. Der Protest in Istanbul und Izmir ist eindeutig säkular. Demokratisch. Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: Erdogan läuft in diesem unvermindert anhaltenden Konflikt auf einem schmalen Grat. Er läuft Gefahr, dass man in ihm so etwas wie einen zweiten Putin erkennen möchte.

Folgerichtig fragt der „Stern“ auch: „Geht das Land auf Putin-Kurs – oder setzt sich am Ende mehr Demokratie durch?“ Eigentlich kann es ja nur Letzteres sein, oder kennen Sie in der Region mehr als zwei glaubwürdigere Vertreter für eine friedliche Demokratiekultur?

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