Implantierter Horror?

Alexander Wallasch25.05.2013Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Attentate, wie das in London, werfen immer viele Fragen auf. Diesmal gehen diese Fragen aber bis an die Grundfeste unserer Gesellschaft. Eine Kolumne voller Fragezeichen und mit einem kleinen Hoffnungsschimmer.

In London metzelt ein Farbiger einen britischen Soldaten am helllichten Tage auf offener Straße mit Messer und Beil zu Tode. Es gibt Handyfilmaufnahmen mit Täter im Vordergrund und Leiche auf der Straße im Hintergrund. Solche Aufnahmen verstören zutiefst. Nicht, weil es sie nicht zur Genüge gäbe – an vielen Orten der Welt ist das Gemetzel, das Morden und Totschlagen an der Tagesordnung – verstörend ist der Ort der Handlung. Eine Demokratie. Ein Rechtsstaat. Europa. London. Also mitten im Herzen der zivilisierten Welt.

Gemetzelt hat dort ein Implantat des ultimativ Bösen im Sidney-Poitier-Denzel-Washington-Gewand. Ein gut aussehender Farbiger Londoner Herkunft. Solche Physiognomien rappen sich die Charts rauf und runter, begeistern die weißen Vorstadt-Mädchen zu Jubelstürmen und sind längst die Vorreiter des Coolen. Des Hippen. Des Trendigen. Aber nicht jeder gut aussehende Farbige mit kräftigen Stimmbändern, Schauspiel- oder Kickertalent eignet sich automatisch als Vorbild.

An was denkt man beim Betrachten der Bilder?

Der farbige Mann, über den wir hier sprechen, metzelt real und gemeinsam mit einem weiteren Killer einen britischen Soldaten auf brutalste Weise nieder, hält nach der Tat ein Fleischerbeil und ein Messer in seinen blutverschmierten Händen und spricht in eine hingehaltene Handykamera: „Wir schwören beim allmächtigen Allah, wir hören nie auf, euch zu bekämpfen, bis ihr uns in Ruhe lasst. Auge um Auge und Zahn um Zahn. Es tut mir leid, dass Frauen das mit ansehen mussten. Aber in unserem Land müssen Frauen dasselbe mit ansehen. Ihr werdet nie sicher sein. Setzt eure Regierung ab. Sie kümmert sich nicht um euch!“ Bei den beiden Tätern handelt es sich um Briten nigerianischer Abstammung. Sie sind beide vom Christentum zum Islam konvertiert.

Woran denken wir angesichts dieser Bilder als Erstes? An persönliche Erfahrung mit Gewalt? An die Zwillingstürme in New York, an Anders Breivik, an die NSU-Morde? Immerhin scheint es auch hier eine Verstrickung des MI5 mit den Tätern zu geben, wie englische Zeitungen zu berichten wissen. Vielleicht. Wer weiß.

Wenn es nach den Attentätern ginge, sollten wir wohl zunächst an die 100.000 Toten aktuell in Syrien, an die Opfer der Irak-Kriege, an Afghanistan usw. denken. Hier sehen die Killer ihre Tat legitimiert. Im Auslandseinsatz britischer Soldaten auf den aktuellen Schlachtfeldern der islamischen Welt. Der getötete britische Soldat wurde nur 25 Jahre alt. 2009 kämpfte er in Afghanistan gegen die islamistischen Taliban. Damals war er gerade 21 Jahre alt. Seine zum Islam konvertierten Mörder sind 22 und 28 Jahre alt. Der Farbige mit dem Fleischermesser im Video heißt Michael Adebolajo. Das Blut, das an seinen Händen, den Waffen in diesen Händen und seinen Jackenärmeln klebt, stammt vom getöteten Afghanistan-Veteran Lee Rigby.

Die „FAZ“ fragt: “„Ist Großbritannien womöglich insgesamt zu lax im Umgang mit gewaltbereiten Islamisten?“”:http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/attentat-in-london-verschuechtert-sind-die-friedfertigen-12193911.html Seltsam unwirklich und hilflos wirkt die erste Erklärung des britischen Premierministers, der erklärt, dass dieser Mord das britische Volk nicht spalten könne und alle gesellschaftlichen Gruppen in ihrer Verurteilung des Terrorattentats vereint seien. Cameron nennt die Tat einen Angriff auf Großbritannien.

Was bedeutet Europa für Europäer?

Aber welches Großbritannien meint er? Das, in dessen Staatsgebiet sich, wie die „FAZ“ berichtet, fast jeder Zehnte unter 25 Jahren zum Islam bekennt? Das Großbritannien, in dem 86 Prozent aller britischen Muslime ihre Religion als das Wichtigste in ihrem Leben bezeichnen? Das Großbritannien, in dem so viele junge Muslime mit der britischen Demokratie und der westlichen Lebensart fremdeln? Das Großbritannien, in dem sich 74 Prozent dieser Menschen wünschen, dass Frauen ein Kopftuch tragen? Das Großbritannien, in dem mehr als ein Drittel dieser Muslime lieber unter der Scharia leben würden und der Auffassung sind, dass Konvertiten mit dem Tod bestraft werden sollten?

Was bedeutet Europa für Europäer? Wie europäisch sind die Nachfahren muslimischer Einwanderer angesichts solcher Zahlen aus Großbritannien? Wie europäisch im Sinne der europäischen Geschichte, die von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erzählt? Gibt es ihn überhaupt noch mehrheitlich, diesen europäischen Gedanken von Freiheit und Brüderlichkeit? Natürlich, aber tatsächlich spricht heute wenig für eine erfolgreiche Integration von Menschen aus muslimischen Ländern. Und vieles für die Tatsache der tiefen Implan­ta­tion einer uneuropäischen gewalttätigen Gedankenwelt mit islamischen Wurzeln mitten ins Herz unseres Kontinents. Ins Herz unserer Großstädte.

Europa ist ein Kontinent der Rechtsstaatlichkeit. Der Rechtsstaat hat hier zuvorderst die Aufgabe, nichtstaatliche Gewalt zu sanktionieren. In jedem Staat Europas sind die Instrumente und Mittel dafür ausreichend vorhanden. Wichtigstes Sanktionsmittel ist die Androhung des Entzuges der Bewegungsfreiheit durch Einweisung in ein Gefängnis. Und die Sache funktioniert ja auch leidlich. So wird die persönliche Freiheit in Europa traditionell als besonders hohes Gut geachtet.

Die Insel der Freiheit

Freiheit und Gerechtigkeit sind sogar die Eckpfeiler unserer aufgeklärten säkularen Gesellschaften. Das Einvernehmen darüber ist ein besonders hohes. Verfassungen legen fest, dass Freiheit und Gleichberechtigung nicht verhandelbar sind. Nun betrifft das allerdings nicht nur die Bewegungsfreiheit, sondern aus historischen Gründen auch im hohen Maße die Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit ist Menschenrecht. Ein sogar gegen die Staatsgewalt gerichtetes Grundrecht der öffentlichen Meinungsbildung.

Das alles basiert in Europa auf einem über Generationen feinjustierten Verständnis von Zusammenleben. Europa hat sich dieses große Einvernehmen hart erkämpft. Man könnte sogar pathetisch sagen: Das Streben nach Freiheit und Gleichheit ist trotz brutaler Rückschläge im vorigen Jahrhundert – oder gerade auch deswegen – besonders tief in die europäische Seele eingedrungen. Sie ist Teil unseres Kulturkreises geworden. Und diese Errungenschaft wird weltweit geschätzt und geachtet. Wird sie doch gleichzeitig begleitet von Hochkultur und immer noch von einem relativen Wohlstand. Unser gesamter Bildungsapparat, unsere Erziehungssysteme, die Arbeitswelt und das Zusammenleben sind durchdrungen von einem übergeordneten Streben nach Freiheit und Gleichheit, das bisher in jeder Generation erneuert und im Idealfalle verbessert wurde.

Das allerdings ist weltweit nicht der Regelfall. Im Gegenteil sogar. Mal von den großen Demokratien USA, Kanada, Australien und ein paar anderen abgesehen, ist die Welt noch lange kein Planet der Freiheit, der Gleichheit und der Menschenrechte. Milliarden Chinesen, Millionen Afrikaner, Araber, Asiaten usw. leben in Unfreiheit und Ungleichheit in von Totalitarismus und Religionsführern dominierten Gesellschaften. Wir befinden uns also auf einer europäischen Insel der Freiheit. Was wie eine Floskel aus dem Kalten Krieg klingt, bleibt trotzdem wahr.

Und nun muss man sich angesichts einer solchen Bluttat wie in London der Tatsache stellen, dass bis zu zehn Prozent unserer Jugendlichen und jungen Menschen nicht zu Hause sind, nicht mehr zu Hause sind oder nie angekommen sind in diesem Europa, so wie wir es eben beschrieben haben. Nicht zu Hause sein wollen. Ein anderes Europa wollen. Ein Europa, für das sich, wie schon 2007 eine Studie des „Policy Exchange“-Think-Tanks feststellte, ein Drittel dieser genannten Jugendlichen die Scharia wünscht, die Recht sprechen soll und in dem Konvertiten – beispielsweise solche vom Islam zum Christentum – mit dem Tode zu bestrafen sind.

Eine Randnotiz macht Hoffnung

Sind das weitere Anzeichen des Niedergangs der über Generationen so teuer erkämpften europäischen Idee von Freiheit und Gleichheit? Vielleicht. Aber so schnell noch nicht. Denn eine Randnotiz dieses brutalen Mordes in London erzählt eine andere Geschichte. Eine von hoher Zivilcourage. Jener Zivilcourage, die wohl der eindrucksvollste Gradmesser für eine intakte aufgeklärte freie Gesellschaft bleibt.

Die Rede ist von dieser britischen Frau, Passantin, die möglicherweise weitere Morde des Killerduos verhinderte, indem sie nicht weglief oder sich weg duckte, sondern furchtlos und voller Überzeugung, das Richtige zu tun, auf die immer noch bewaffneten Killer zuging, sie zur Rede stellte, die Täter sogar aufforderte, ihr die Waffen auszuhändigen und so lange am Ort des Geschehens in unmittelbarer Nähe der Täter wartete, bis die Polizei zur Stelle war und die Mörder niederstreckte, damit sie ihrer verdienten Strafe zugeführt werden können: dem lebenslangen Entzug ihrer persönlichen Freiheit, die sie sich mit ihrer Bluttat in diesem freiheitlichen Europa für alle Zeiten verwirkt haben.

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