Eine Sterbensangst

Alexander Wallasch20.05.2013Gesellschaft & Kultur

Mit ihrer Entscheidung für eine Amputation hat Angelina Jolie zwar ihr Risiko für eine Krebserkrankung reduziert, die elementare Angst vor dem Sterben aber kann keine Operation heilen.

bq. “„Life comes with many challenges.“”:http://www.nytimes.com/2013/05/14/opinion/my-medical-choice.html?_r=0

Der Kicker Götze, Sie wissen schon, dieser 37-Millionen-Euro-Mann, hat ein 85-prozentiges – oder 86? – Risiko, während seiner weiteren Laufbahn einen Kreuzbandriss zu erleiden. Aber lässt er sich deshalb gleich prophylaktisch Stahlseile implantieren?

Angst vor dem Krebs

Sie ahnen schon, worauf das hier hinausläuft: Angelina Jolie. Diese gruselige Busen-Amputation. Und natürlich: An einem Kreuzbandriss stirbt niemand. An Brustkrebs sehr wohl und sehr qualvoll. Rund 1,3 Millionen Menschen aus der Europäischen Union starben im Jahr 2012 an Krebs, davon fast einhunderttausend Frauen an Brustkrebs.

1990 hatten ausgerechnet die engen genetischen Verwandtschaften von Mormonenfamilien, die selbst Bluttransfusionen nur im äußersten Notfall zulassen, Wissenschaftlern ermöglicht, das Killer-Gen BRCA1 zu entdecken, das mutmaßlich bzw. ziemlich sicher Brustkrebs bzw. Eierstockkrebs verursachen kann. Und dieses Gen lässt sich nun standardmäßig nachweisen. Angelina Jolie hat den Test für viel Geld gemacht.

Nicht ohne Grund, starb doch ihre Mutter relativ jung qualvoll an einem dieser mutmaßlich auf diese Gene zurückzuführenden Krebsarten. Angelinas Test-Ergebnis in Kombination mit dem Nachweis auch des Killer-Gens BRCA2: Eine bis zu 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, an einer hochaggressiven Variante des Brustkrebses zu erkranken.

Was dann passierte, stand in jeder Zeitung. Was nicht in jeder Zeitung stand, ist die Tatsache, dass 2008 in London einer Frau, die auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen konnte, zwei Embryonen eingepflanzt wurden, von denen sich eines erfolgreich zu einem gesund geborenen Mädchen entwickelte. Zwei Embryonen von ursprünglich elf im Reagenzglas erzeugten. Sechs dieser Embryonen wurden im Vorfeld vernichtet, nachdem man erstmals in der Geschichte der In-vitro-Fertilisation (lat. für „Befruchtung im Glas“) die befruchteten Eizellen auf das BRCA1-Gen untersucht hat und sechs Treffer landete.

Aber was bedeutet das im Umkehrschluss? Zunächst einmal nichts weniger, als das Angelina Jolie, hätte ihre Mutter die Möglichkeit einer embryonalen Gen-Analyse gehabt, möglicherweise überhaupt nicht geboren wäre. Ebenso wenig wie tatsächlich Hunderttausende von Trisomie-21-Menschen, sofern eine Gen-Analyse des Embryos vorgenommen wurde.

Wahrscheinlich nicht ganz ohne Grund gibt es dazu keine verlässlichen Zahlen. Humangenetikerin Elisabeth Gödde berichtete 2012 auf n-TV: “„Aber es gibt, was ich sehr schade finde, keine systematische Dokumentation darüber, wie viele Kinder mit Trisomie 21 jedes Jahr geboren oder abgetrieben werden. Bekannt ist aber, dass neun von zehn Frauen abtreiben, wenn Trisomie 21 nachgewiesen wurde.“”:http://www.n-tv.de/wissen/Warum-jagen-wir-Trisomie-21-article5885651.html

Nun ist die Feststellung eines BRCA1- oder –2-Gens alles andere als der Nachweis einer Behinderung oder Krankheit, sondern zunächst einmal der einer höheren oder „brutal höheren“ Wahrscheinlichkeit einer oft tödlichen Krebserkrankung. Und ziemlich sicher würde Angelina Jolie ihrer Mutter – so diese denn schon den Test hätte machen können und sich trotzdem für ein BRCA1-/BRCA2-Mädchen entschieden hätte – keinen Vorwurf machen, sie nicht abgetrieben zu haben.

Aber in Zukunft wird es möglicherweise etliche Angelina Jolies geben, die überhaupt nicht die Chance bekämen, eine Angelina Jolie zu werden. Oder einfach nur lebensfrohe, glückliche und auch mal unglückliche Mädchen und Frauen irgendwo auf der Welt. Lebensfrohe Mädchen und Frauen, die sich möglicherweise irgendwann dazu entschließen würden, sich prophylaktisch die Brustdrüsen und/oder die Eierstöcke entfernen zu lassen. Vielleicht nach dem ersten Kind oder wann auch immer die Angst zu groß geworden wäre.

Angst vor der Angst

Also geht es bei dieser ganzen Diskussion überhaupt nicht um Angelina Jolie und ihre wunderschönen Brüste, die nun künstlich für viel Geld neu aufgebaut wurden und Angelina Jolie so ein Leben mit einem Brustkrebsrestriskio von lediglich fünf Prozent ermöglichen.

In ihrem Brief an die „New York Times“ schreibt sie dazu: “„I can tell my children that they don’t need to fear they will lose me to breast cancer.“”:http://www.nytimes.com/2013/05/14/opinion/my-medical-choice.html?_r=0 Ob die Kinder das allerdings daran hindern wird, sich wie alle Kinder auf der Welt in jeder Sekunde ihres Kindseins elementar um die Mutter und den Vater, um Schutz und Geborgenheit zu sorgen, wenn es Anlass zur Sorge gibt, darf bezweifelt werden. Das Sorgenrisiko der Kinder ist also nicht auf fünf Prozent abgesunken. Entscheidend ist dafür viel mehr die wieder hergestellte Lebensfreude der genialen Regisseurin und Schauspielerin: Die Reduzierung einer durch Gentest entstandenen bestimmten Angst von fast 90 Prozent auf 5 Prozent. Einer Angst, aus einem großen Orchester von menschlichen Ängsten, die übermächtig geworden ist.

Welche Risiken werden wir demnächst noch alle wegoperieren, welche Ängste? Oder ist nicht der Mensch an sich schon ein wandelndes Risiko? Achilles, der griechische Heros, galt als beinahe unverwundbar. Das schloss also alle erdenklichen Krebsarten mit ein. Aber seine Liebe zum Leben war deshalb nicht weniger groß: “„Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller Odysseus. Lieber möcht’ ich fürwahr dem unbegüterten Meier, der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun, als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen.“”:http://de.wikipedia.org/wiki/Achilleus Und auch Schiller beweint den Tod des Helden: “„Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.“”:http://de.wikiquote.org/wiki/Friedrich_Schiller

Das ganze Drama um die vollkommene Angelina Jolie erinnert aber auch an diesen wunderbaren Film “„Biutiful“ von Alejandro González Iñárritu”:http://de.wikipedia.org/wiki/Biutiful mit dem großartigen Javier Bardem in der Hauptrolle des Uxbal. Wahrscheinlich eines der besten und emotionalsten Kinodramen der letzten Jahre. Dieser Uxbal sorgt allein für seine schulpflichtigen Kinder Ana und Mateo. Unterleibsschmerzen und blutiger Urin führen bei ihm zur Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung an der Prostata (mit Fernmetastasen in Lunge und Leber). Uxbal versucht nun mit aller Kraft, seinen Kindern eine sichere Zukunft aufzubauen, doch seine Versuche scheitern und seine Probleme werden immer größer. Also versucht er, Ordnung in sein Leben und sein Sündenregister zu bringen, um Erlösung zu erfahren, bevor er stirbt. Wie der „Spiegel“ schrieb: “„Passion eines Ghetto-Messias“”:http://www.spiegel.de/kultur/kino/sterbedrama-biutiful-passion-eines-ghetto-messias-a-749485.html.

Angst vor dem Tod

Angelina Jolie ist so eine Passionsgeschichte, so ein furchtbarer Leidensweg zunächst scheinbar erspart geblieben, dank einer couragierten, einer unwiderruflichen und ohne jeden Zweifel mutigen Selbstverstümmlung. Von jetzt an wird Angelina Jolie allerdings “„mehr sein als eine bloße Projektionsfläche der landläufigen Idealvorstellung von Schönheit und Sexappeal. Bei ihrem Anblick wird nach diesem Outing immer auch eine andere Dimension mitschwingen. Die der Sterblichkeit und Angst“”:http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kommentar/2111701/, wie Ines Pohl, Chefin der „taz“, im Deutschlandfunk erklärt.

Diese Dimension allerdings ist dem Leben an sich bereits innewohnend und Ursprung und Wiege aller Religion. Also die Wiege Gottes, die Wiege seines Sohnes, der Stall von Bethlehem, wenn man so will.

So gesehen ist es also ausgerechnet Ines Pohl, die dechiffriert, dass Angelina Jolies Verzweiflungstat Angelina selbst und all die anderen, die so düster-fasziniert auf diese Verzweiflungstat, auf dieses Drama schauen, an die größte aller Ängste erinnert. An eine, die man nicht amputieren kann: die Angst vor dem Tod, die Angst vor Vergänglichkeit. Eine Angst, die trotz ihrer furchteinflößenden Allmacht und Dunkelheit auf so wundersame Weise immer wieder von jedem einzelnen der sieben Milliarden Menschen mit Fröhlichkeit, Liebe und Herzlichkeit besiegt werden kann, wie es Iñárritu in seinem wunderschönen Drama „Biutiful“ so eindrucksvoll vorzuführen gelungen ist.

“„Life comes with many challenges. The ones that should not scare us are the ones we can take on and take control of.“”:http://www.nytimes.com/2013/05/14/opinion/my-medical-choice.html?_r=0 Angelina Jolie für „New York Times“.

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