Volle Kraft voraus!

Alexander Wallasch16.05.2013Gesellschaft & Kultur

Klang aus allen Ecken. Und auf der Bühne wird es ebenfalls turbulent. Ein Bericht vom Konzert der New Yorker Philharmoniker in Dresden.

Sie wissen es ja längst, als Braunschweiger und obendrein noch aus einer Volkswagen-Familie kommend, habe ich nun mal diesen Kinderglauben, diesen Hang zur Markenaffinität. Ja, Braunschweig ist nun mal Auto-Land. Dagegen kann man sich hier kaum wehren.

Worüber ich Ihnen heute berichte, ist ebenfalls ein Kulturevent aus dem Hause. Aber nicht in Niedersachsen, sondern im sächsischen Dresden. Dort fertigt der Konzern seit 2001 in einer Gläsernen Manufaktur. Und dort waren im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele “die New Yorker Philharmoniker zu Gast”:http://www.medici.tv/#!/new-york-philharmonic-dresden-music-festival-tour. Das ist zunächst für alle Beteiligten aufregend, aber nicht automatisch spektakulär. Noch nicht auf diesem scharfen Grat. Noch nicht.

Ein Wumms

Zunächst konnte man die gesamte Veranstaltung weltweit in einem Livestream verfolgen, der von mindestens einem halben Dutzend Kameras begleitet und im Ü-Wagen von Musikkennern nach den Partituren dramatisch synchronisiert wurde. Und zum anderen passte der Composer-in-Residence (2009-2011) der New Yorker Philharmoniker, der Finne Magnus Lindberg, sein umjubeltes Werk „Kraft“ extra an die Architektur der Gläsernen Manufaktur an.

Und dieses „Kraft“ ist ein echter Knaller im Wortsinne. Ein Wumms, der, unabhängig vom Genre, in Dresden das Potenzial mitbrachte, diesen viel beachteten Wolfsburger Rammstein-Auftritt an Intensität, Überraschung und Nachwirkzeit noch zu übertreffen.

Aber der Reihe nach: Vor einer überschaubaren Zuschauerzahl auf einer Plattform etwas oberhalb der Eingangsbereiche hatte sich das New Yorker Orchester platziert. Dirigent: Alan Gilbert. Neben und hinter den Musikern raumgreifende hohe Glasflächen, hinter denen in aller Seelenruhe von Mechanikern mit weißen Handschuhen und Kitteln Autos montiert werden.

Recht laut und grell

Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn Sie als Besucher den Blick von der Bühne abwenden, stoßen Sie quasi mit der Nase gegen eine Scheibe, hinter der das alles passiert. Und das quasi geräuschlos! So geräuschlos, dass nun also abgetrennt durch eine Glasscheibe eines der renommiertesten Orchester der Welt vor Publikum auftreten kann.

Die Proben im Vorfeld bestanden zum Beispiel darin, dass Lindberg auch noch diese hauchdünne Glasschwelle überwand, durch die Fertigung spazierte und zur Überraschung der Mitarbeiter auf alle möglichen Fertigungsteile der Fahrzeuge hämmerte, klopfte und kratzte. Nach einem nur ihm offensichtlichen Auswahlkriterium nahm er dann eine Sammlung von Felgen und anderen Metallteilen mit auf die Bühne, um sie umstandslos für sein Werk „Kraft“ in den Percussion-Apparat der New Yorker Philharmoniker einzufügen.

Los ging es aber zunächst mit „Prospero’s Rooms“ des derzeitigen Composer-in-Residence Christopher Rouse, das auf der Europatournee 2013 der New Yorker Philharmoniker in Anwesenheit des Komponisten als Uraufführung läuft. Das Auftragswerk lehnt sich an die Erzählung „Die Maske des Roten Todes“ von Edgar Allan Poe an. Das knapp zehnminütige Werk ist für die „Süddeutsche Zeitung“ „recht laut und grell, es will verstören und tat es auch“. Applaus.

Dann folgte schon nach diesen wenigen Minuten eine Umbauphase auf der Bühne, die locker die gleiche Zeit in Anspruch nahm wie der „grelle“ Opener. Atmosphäre einer ungewohnten Live-Performance. Etliche Helfer, die Stühle stellen, abbauen. Musiker, die abtreten oder sich umsetzen. Ein großer quirliger Ameisenhaufen mit Instrumentenbegleitung. Nach und nach wird eine Ordnung erkennbar. Ein System. Und es macht richtig Spaß, dabei zuzuschauen.

Kein Vorhang, kein Verbergen. Dort unterhalten sich angeregt zwei Musiker, die schon neue Plätze gefunden haben, an anderer Stelle diskutieren zwei Aufbauhelfer schnell noch über einem aufgerollten Blatt Papier, ein verrückter Gong streift fast die Violinistin, die sich aber gerade noch wegducken kann und darüber herzhaft lachen muss.

Der ganze Raum wird zur Bühne

Dann endlich Ordnung. Und Ruhe. Und eine Bernstein-Serenade nach Platos Symposium für Violine, Streicher, Harfe und Percussion mit dem gefeierten amerikanischen Geiger Joshua Bell, der dabei – HD-Technik sei Dank – sichtbar ins Schwitzen gerät. Wunderschön gefühlig. Musikalisch nachgeahmt wird hier, was die an Platons „Gastmahl“ beteiligten Gesprächspartner umtrieb. Es geht um Liebe, um Schmerz und am Ende um die Erkenntnis, dass wahre Liebe im Streben nach dem Guten und Schönen besteht. Ehrlicherweise ist es einem hier fast lieber, die Sache auf diese Weise vertont als noch einmal als unendliche Geschichte erzählt zu bekommen. Applaus und Pause.

Und dann – wieder nach einer Umbauphase – ist es endlich so weit: „Kraft“ von Magnus Lindberg. Was für ein akribisches Spektakel. Auf YouTube erzählt Lindberg von den Einstürzenden Neubauten, diesen Berliner Avantgardisten, die den jungen Studenten Lindberg in Berlin mit ihrer Experimentalmusik nachhaltig beeindruckt und inspiriert hatten. „Metallische Gegenstände, Industrieprodukte und Maschinen wurden unter den Händen Blixa Bargelds und N. U. Unruhs zu Musik. Lindberg versuchte, solche Sounds in die klassische Musik zu übertragen“, berichtet musik-in-dresden.de im Vorfeld.

Ein Making-of begleitet Lindberg durch die Fertigung der Manufaktur. Und der kräftige Komponist wuselt da durch, aufgeregt wie ein Kind. Hellwach. Konzentriert. Die Metallteile, die er als Percussion-Instrumente entdeckt, klemmt er sich umstandslos unter den Arm, als hätte er Sorge, man würde sie ihm gleich wieder wegnehmen. Und was nicht niet- und nagelfest war, findet sich nun auf der Bühne wieder. Obwohl, halt. Die Musiker sind in ständiger Bewegung.

Der ganze Raum wird zur Bühne. Dort marschieren die Bläser auf eine Empore, spielen kurzerhand dort oben weiter und irgendwo hinter den Zuschauerplätzen schlägt einer auf einen überdimensionalen Gong. Der ganze Raum bebt bereits. Aber Dirigent Alan Gilbert sticht wieder und wieder mit seinem Taktstock weit in den Raum. Dort hinten bekommt ein weiterer Gong den Befehl und dann noch einer und am Ende rast das Stöckchen in 180-Grad-Bewegung durch den Raum.

Eine moderne Zeitreise

Klang aus allen Ecken. Und auf der Bühne wird es ebenfalls turbulent. Der Komponist selbst wechselt die Orte schneller, als die Kameras folgen können. Er klopft und haut und streicht auf Autoteilen, ohne dabei den Blick abzuwenden von einer Partitur, die – ein Kamerablick erlaubt die Einsicht – wohl nur von ihm selbst lesbar ist. Ein Wahnsinn. Aber einer mit Methode. Jedenfalls wird hier ein Klangteppich gezaubert, der unerhört mitreißend ist. So ungewöhnlich, dass das Publikum am Ende ein paar Sekunden braucht, bis es diese Arbeit mit dem aufgestauten Applaus reich belohnt.

Nun könnte man zum Schluss noch anmerken, dass dieser martialische, dieser elementare Maschinensound, diese Vertonung einer Autoproduktion, längst nichts mehr mit den aktuellen Gegebenheiten moderner Autoentstehung zu tun haben. Das war beim Rammstein-Konzert bereits so. Auch Lindbergs Werk beschreibt einen Anachronismus, ein Gestern. Aber wie in Wolfsburg ist auch in Dresden der Zuschauer gerne bereit, diesen Blick ins Gestern mitzugehen. Eine moderne Zeitreise, ein Husarenstück aus Finnland, inspiriert von der Berliner Clubszene der 1980er-Jahre.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu