Von Erdlingen und anderen Salatfressern

Alexander Wallasch13.05.2013Gesellschaft & Kultur

Meine schlesischen Rouladen waren Legende. Doch dann sah ich einen Film und hörte auf damit, meine Mitgeschöpfe in Kochtöpfen verschwinden zu lassen und auf Grills zu verbrennen.

Klar, man könnte mit Fug und Recht behaupten, es wäre so etwas wie eine Ersatzreligion. Und als Konvertit vom Fleisch zum Gemüse stehe ich noch einmal mehr auf dem Prüfstand. Andererseits sind Vegetarier fast durchweg Konvertiten. Das unterscheidet Vegetarismus von anderen Religionen. In Letztere wird man ja mehrheitlich hineingeboren.

Jetzt gibt es natürlich bei der Anti-Fleisch-Fraktion mindestens ebenso viele Spielarten wie bei den Jesus-Jüngern. Vegetarier. Vegetarier, die noch Fisch essen, wie ich. Veganer. Frutarier. Trennköstler und was weiß ich noch alles. Was die verschiedenen christlichen Strömungen eint, ist das gemeinsame Buch. Eine Bibel für Fleischverweigerer gibt es nicht. Sogar Läufer haben ihre Laufbibel (die heißt tatsächlich so!).

Rinder- und Schweinestreichlerinnen

Und meine Frau, die läuft. Und die war schon Vegetarierin, als ich noch ununterbrochen Rouladen rollte für den Rest der Familie. Ehrlicherweise waren meine Rouladen sogar Legende. Rezepte aus der Heimat der Eltern. Schlesische Rouladen. Schlesisch war auch die dicke Soße, „Tunke“ genannt. Schwer, sättigend, kraftvoll und mindestens verantwortlich für das Sodbrennen nach hinten raus.

Vor Jahren amüsierte ich mich mal eine Weile bei Utopia, das ist vereinfacht gesagt so eine Art Facebook für Alt-Grüne. Gemeinsam mit ein paar weiteren Renitenten besprachen wir dort akribisch und detailliert die Kunst des Fleischberge-Grillens. Ja, wir waren sehr, sehr grob zu den Zarten, zu den Fluidalen, den Sanftmütigen, den Rinder- und Schweinestreichlerinnen.

Aber die weiblichen Vegetarier auf diesem Portal, und da kann sich jede Missionskirche wahrscheinlich eine Scheibe abschneiden, blieben überaus sanftmütig und freundlich. Die Profilfotos zeigten zwar schon ältere Ladies, aber solche, die immer noch diesen weichgezeichneten David-Hamilton-Bilitis-Blick drauf hatten. Na gut, wer so lange schaut, aber sich weigert, auch mal eine Ziege umfallen zu lassen, der langweilt irgendwann.

Leni-Riefenstahl-Ästhetik

Also habe ich mich wieder abgemeldet und einfach weiter meine Rouladen gewickelt. Aber genau die schmeckten auf einmal immer grauseliger. Lag’s daran, dass ich immer öfter die Eingeschweißten aus der rotgelben Supermarktkette gewählt hatte, um Geld zu sparen? Zum Würgen. Optisch und geschmacklich gammelig. Unappetitlich. Und das negative Geschmackserlebnis schwappte über! Auch auf den Metzger meiner Wahl und die ausgewählte Fleischtheke beim Edeka um die Ecke.

Woran lag’s? Sensibilisierung? Oder wirklich Qualitätsverlust der Blutwaren? Sogar körperliches Unwohlsein in maximaler Ausprägung – sie verstehen – nach beinahe jedem Fleischgenuss.

Ich erinnerte mich an diesen Film „Earthlings“, den ich bei Utopia bei den sphärischen Damen noch so belächelt hatte. Und ich schaute ihn noch einmal. Joaquin Phoenix spricht die Off-Stimme. Der Film ist ehrlicherweise eine Mischung aus dem Sound evangelikaler US-amerikanischer Baptisten-Gottesdienste, Leni-Riefenstahl-Ästhetik, KZ-Befreiungsfilmen in wackligem Schwarz-Weiß und oscarprämierter Dokumentation.

Gegen Mord an Mitgeschöpfen

Erster Untertitel – weiße dünne Schrift auf schwarzem Hintergrund: „Die drei Phasen der Wahrheit. 1. Spott, 2. Vehementer Widerstand, 3. Akzeptanz.“ Hinterlegt mit dramatischer Musik. Schleppend, anklagend, bedrohlich.

Na ja, Sie wissen, wie so etwas weitergeht. Das kennt man von etlichen ehemaligen Wirtschaftsgrößen oder Politikern, wenn bei denen nach der Lebensarbeitszeit, nach der großen Bereicherung nur noch das fette Bankkonto und ein schlechtes Gewissen übergeblieben sind. Dann konvertieren die hohen Herren zu Al Gores oder investieren wie Bill Gates einen Teil ihrer aus anderer Hände Arbeit zusammengeklaubten Milliarden in einen auf ihre Person zugeschnittenen Feldzug gegen Armut, Aids oder sonst etwas Furchtbares.

Feldherrengestus. Hier bei „Earthlings“ also ein Feldzug gegen Mord an Mitgeschöpfen. An anderen Arten, an weiteren Bewohnern unseres Planeten. Ein grandioser Einstieg aus der Ferne des Weltalls hinüber zum blauen Planeten usw. – eben Hollywood in seiner großen Wirkmacht. Grandios.

Der Macher des Werkes von 2005, Shaun Monson, drehte fünf Jahre lang an diesem Fanal gegen Fleischverzehr. Ich weiß nicht, wie viele Menschen diesen Film bereits gesehen haben und von ihm beeindruckt waren. Auf YouTube kann man ihn in neun Teilen gratis anschauen. Ich weiß auch nicht, wie viele Menschen davon schon so beeindruckt waren, dass sie aufhörten, ihre Mitgeschöpfe in Kochtöpfen verschwinden zu lassen und auf Grills zu verbrennen.

Ekelerregende Tierhaltung

Keine Ahnung. Und glauben Sie mir, ich war bisher für solche Art der Propaganda nicht besonders anfällig. Im Gegenteil. Da gehen bei mir in der Regel alle Alarmsirenen los. Aber hier stellte sich nun nach diesen über 90 Minuten des Schlachtens, Quälens und eingepferchten Verreckens eine ähnliche Gemütsstimmung ein, ein vergleichbarer Effekt, wie jener, der in mir als Kinderglaube verankert wurde, als ich in der fünften oder sechsten Klasse in der Schulaula KZ-Befreiungsfilme anschauen musste.

Ja, das ist schon ein bisschen peinlich. Und auf das emotionale Erlebnis folgte der Versuch der rationalen Bestätigung. Mindestens Bekenntnis-Christen wissen, was ich meine. Der Mensch steht seinen Emotionen nun mal weitaus kritischer gegenüber, als allgemein angenommen wird. Wie das Christen machen, ist mir ehrlicherweise nach wie vor schleierhaft.

Aber eine rationale Verankerung des emotionalen Erlebens dieser cinematoskopischen Rundumschau „Earthlings“ auf eine barbarische und ekelerregende Tierhaltung zum Zwecke der Ernährung gehört sicher zu den vielfach einfacheren Aufgaben.

Ekel. Widerstand. Körperliche Abwehr gegen das Fleischregal. Und ganz egal, ob nun programmiert durch einen Film!, oder als letzter Tropfen auf den heißen Stein – nein, ich glaube sogar, die Erkenntnis an sich ist tief verankert längst vorhanden – seitdem habe ich außer Fisch kein Fleisch mehr angerührt. Fisch bleibt etwas abstrakter. Fisch ist im Grunde kein Earthling, sondern ja mehr ein Waterling.

Einfach loskochen

Sie sehen, die Ausreden, die Verdrängung funktioniert noch perfekt. Aber ich fürchte, auch hier wird eines Tages eine überzeugende Arbeit, ob nun als Film oder Buch, erscheinen, die mich eines Besseren belehren könnte. Warten wir es ab.

Ich hatte übrigens am Anfang dieser Kolumne vor, über diese wunderbar anarchistische Ventil-Verlag Kochbuchreihe „Kochen ohne Knochen – Das OX-Kochbuch“ zu rezensieren, da aktuell Nummer fünf erschienen ist. Jetzt habe ich mich dolle verquatscht.

Und kann nichts erzählen über unsere fünf OX-Kochbücher, die schon ein Stück weit unser Ernährungsleitfaden geworden sind. Und die Vegetarismus so lustig, so unpathetisch erzählen und bewerben, dass man einfach loskochen muss. Wenn Sie einverstanden sind, erzähle ich etwas über diese wunderbare Reihe in der nächsten Kolumne. In der nächsten Woche.

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