Feuer frei für Rammstein

Alexander Wallasch5.05.2013Gesellschaft & Kultur

Unser Kolumnist war auf einem Rammstein-Konzert in Wolfsburg. Warum die Band das Prinzip Autostadt negiert und was das mit dem berühmten Realisten Adolph Menzel zu tun hat, verrät die Geschichte eines Konzert-Besuchs.

Die Fangemeinde der deutschen Band Rammstein war wochenlang wie elektrisiert. Mit Recht, denn die wenigen Karten des musikalischen Welt-Exportschlagers, dieser erfolgreichsten deutschen Band im Ausland, die in den offenen Verkauf gingen, waren schon nach Minuten ausverkauft. Selbst die interessierte Presse durchlief in Wolfsburg ein Akkreditierungsprozedere, das chancenmäßig an die Vergabe der Presseplätze im NSU-Prozess erinnerte. Wer am Ende rein durfte ins Kraftwerk der Autostadt, hatte Glück.

Die Presse-Bestätigungen kamen allesamt erst am Vortag des Ereignisses. Für diese Verzögerung sorgte allerdings das Management der Band selbst. Die Movimentos-Festival-Leitung als Veranstalter dieser zwei intimen Konzerte in der Autostadt von Volkswagen schien selbst überrascht von der rigiden Vorgehensweise und machte mit viel Professionalität, Höflichkeit und Geduld das Beste aus der anstrengenden Situation.

Also dann: zwei Abende Rammstein vor 1.400 Zuschauern im alten Kraftwerk von Volkswagen. Bühne frei. Zunächst aber noch ein kurzer Blick rüber nach Berlin.

Adolph von Menzels Eisenwalzwerk

Dort, im ersten Ausstellungsgeschoss der Alten Nationalgalerie Berlin, wird das “„Eisenwalzwerk“”:http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adolph_Menzel_-_Eisenwalzwerk_-_Google_Art_Project.jpg vom bedeutendsten Realisten des 19.Jahrhunderts, “Adolph Menzel”:http://de.wikipedia.org/wiki/Adolph_Menzel ausgestellt. Im Großformat zeigt es ein Gewirr von Mensch und Maschine. Einzige Lichtquelle: weiß glühendes Eisen. Arbeiter hantieren mit schweren Zangen. Feuer, Schmutz, Staub, Erdfarben. Harte Arbeit. Menschen, die im Schmiedefeuerschatten hastig Nahrung zu sich nehmen. Eine schmutzige Männerwelt. Quotenfrei, schweißnass, ungesund, brachial.

Im Anschluss an das Konzert, wieder vor dem Volkswagen-Kraftwerk und perfekt begleitet vom gut ausgebildeten Service-Personal, kam mir dieses eindrucksvolle Gemälde in den Sinn. Und nicht etwa, weil hier in einem der Hochzentren deutscher Schaffenskraft, mitten im Herzen dieses milliardenschweren Weltkonzerns Industrie noch so erlebbar wäre, wie es Menzel kompromisslos komponiert hatte. Das Gegenteil ist sogar der Fall: Hier in der Autostadt werden Automobilbau und Industrie allenfalls kultiviert inszeniert. Alles hier ist in einer selbstverständlichen Neuordnung. Die Autoabholung der Kunden, die im Zentrum des Geschehens steht, ist embedded in eine professionelle Eventkultur für die ganze Familie, wie sie nur an wenigen Orten weltweit in der Lage ist, Kapitalismus und die Produktion von Premiumgütern überzeugend in diese betäubenden Vollton-Farben zu tauchen. Grün. Blau. Grün. Blau. Stahlblau. Und viel Weiß.

Exzellente Ensembles aus aller Welt reisen nach Wolfsburg

Nein, die „Eisenwalzwerk“-Assoziation verdanke ich dem ersten von zwei aufeinanderfolgenden Rammstein-Konzerten im Rahmen des – kein Scherz! – Internationalen Tanzfestivals „Movimentos“, das sich hier in den vergangenen zehn Jahren als kulturelles Highlight weit aus diesem Autostadt-Wohlfühl-Kontext heraus emanzipiert hat: Exzellente Ensembles reisen aus aller Welt nach Wolfsburg und werden von der Festivalleitung einem begeisterten Publikum auf höchstem Niveau präsentiert.

Klar, hier in Wolfsburg sind die Mittel vorhanden, damit sich Hochkultur auf diese Weise vorstellen kann. Aber was die Macher hier anbieten, geht definitiv über Sponsoring mit dickem Geldbeutel hinaus. Hauptbühne ist das Kraftwerk, das ehemalige Heizkraftwerk Süd des Volkswagenwerkes.

Wunderschöne historische Bausubstanz. Die alten, aber immer noch aktiven Türme spiegeln sich im Hafenbecken davor, das früher dazu diente, die Zentnerlasten an Kohle für die Befeuerung in breiten Kähnen dicht heranzubringen an die gigantischen Energie-Öfen.

Innen stehen sie noch, die heute historischen Kesselanlagen und die stillgelegten Siemens-Turbinen von 1941. Der Architektur liegt eine Eisenkonstruktion aus 4.750 Tonnen Stahl, 96.000 Tonnen Zement und 2,66 Millionen Mauersteinen zugrunde. Ziegel für Ziegel von schwieligen Maurerhänden verbaut. Heute könnte das Adolph-Menzel-Gemälde auch gut in diesem Kraftwerk hängen. Als Zeitfenster zurück in diese Urgewalten der Hochindustrialisierung. Moderne Punktstrahler darauf, Infotäfelchen. Ende. Tut es aber nicht.

Also was, in Gottes Namen, hat Rammstein hier auf diesem Festival verloren? Diese unverschämt erfolgreichen staub-kehligen Horrorfiguren im Brecht-Einstürzende-Neubauten-Gewand?

Das Inferno bricht los

Samstagabend, 04.05. im Inneren des Kraftwerks. Abfallende Sitzränge wie in einem düsteren mittelalterlichen Shakespeare-Theater. Endzeit, Donnerkuppel, Fritz Lang, Kurt Weil, „Terminator“, „Blade Runner“. Spots an. Die brutalen Kunstsonnen stechen in den Augen. Kalte Kraft aus hunderttausend Watt. Rammstein, die sonst vor bis zu Einhunderttausend aufspielen, gastieren hier vor knapp über Eintausend.

Enge. Intimität. Himmellose Bunkerei. Florian Arnold schreibt gleich nach dem Konzert noch unter dem Eindruck des Erlebten für die „Braunschweiger Zeitung“: „Wir sind nicht in der Hölle, sondern auf einem Rockkonzert. Rammstein im historischen VW-Kraftwerk bei Movimentos. 1400 Menschen starren gebannt und betäubt von brutalen Gitarrenstaccato auf das Spektakel.“

Das Inferno bricht los. „Bisse, Tritte, harte Schläge. Nagel, Zange, stumpfe Säge. Wunsch dir was, ich sag nicht nein. Und führ dir Nagetiere ein“, singt, grölt, tölt oder besser: rezitiert wie ein irrer Galeerensträflingsantreiber Sänger Till Lindemann aus dem Eröffnungssong „Ich tu Dir weh“.

Die Kraftwerk-Galeere wird durchgängig vom Rhythmus der ohrenbetäubenden Elektrogitarrensounds angetrieben. Bretthart. Unerbittlich. Und so unausweichlich, wie dieses beängstigende Flammenmeer, das immer wieder von Neuem aus neuen Ecken und Ritzen emporschießt. Pyrotechnik. Sound, Geräusche, Lärm – maximal körperlich spürbar. Die Metallränge fangen bedrohlich an zu vibrieren. Schmerzen. Wo Masochisten das Absolute des Schmerzes genießen, durchleiden die Zuschauer hier das Konzert fast ebenso hingebungsvoll.

Eine Trennung zwischen VIP, irgendwelche Distanzecken für irgendwelche Volkswagen-Oberen? Fehlanzeige. Wie auch, in diesem Mad-Max-Hexenkessel? Flucht unmöglich. Ausgeschlossen sogar. Genießen ist jetzt nicht mehr reine Geschmacksache, sondern verdammte Überlebenspflicht. Wer hier aus Versehen hineingeraten ist, ist tatsächlich verloren. Volle Dröhnung, volle Absicht. Voller Einsatz.

Wie das nun alles zu Volkswagen und der Autostadt passt? Nach kurzem Nachdenken: Perfekt! Noch perfekter, wenn man mal alle diese Spekulationen und Fragen zu astronomischen Gagen und dem martialischen Auftreten einfach beiseite schiebt. Denn dann zeigt sich „Gestaltungswille in seiner furchtlosesten und furiosesten Form, irgendwo zwischen Wagner und Wernher von Braun“, schreibt oder zitiert die Autostadt auf ihrer Website. Genau so. Recht so.

Made by Rammstein. Made by Autostadt.

Ehrlicherweise ist dieses Event sogar die völlige Negation des Prinzips Autostadt. Die Autokarosserieproduktion mit Hammer, Pressen, Stahl und Feuer mag in der Anfangszeit des Automobils so ausgesehen, so geklungen haben, wenn man das alles noch einmal um ein Tausendfaches verstärkt. Ja, so sehr kann es wehgetan haben. Heute aber baut Volkswagen Fahrzeuge, deren Fugen millimetergenau sitzen, die Oberklasse wird längst auf Edelholzparkett hergestellt. Zeit, Taktung und Akkord spielen scheinbar kaum noch eine Rolle.

Die Fertigungsspezialisten dirigieren die automobilen Boliden wie moderne Kapellmeister in weißen Handschuhen durch die staubreinen Werkhallen. Alles nur Maskerade? Nein. Denn tief verborgen wohnt ja all diesem Tun immer noch dieser Rammstein-Moment inne. Genetisch! Ein Volkswagen ist Rammstein. Ein Volkswagen ist Wagner. Ein Volkswagen ist aber auch das Hohe C. Und diese Perfektion auf höchstem Niveau hat keine archaischen Momente mehr. Die sind dem Werkstück an sich zwar noch immanent. Aber hinter einer Komplexität verborgen, eingebettet, die völlig schmerzfrei daherkommt.

Komfortable Porsche oder Passat CC – Beschleunigung in Volkswagen-Fahrzeugen mit höchsten Sicherheitsstandards. Mit diesen beiden Konzerten von Rammstein im Kraftwerk der Autostadt haben die Macher auf interessante Art und Weise für wenige Stunden einen Brückenschlag gewagt, der Respekt und Bewunderung verdient. Denn er zeigt diesen verstörend authentischen Blick mitten aufs offene Herz; eine emotionale Nabelschau, die brutal hätte schiefgehen können. Noch dazu, wo das alles unter dem Motto „Toleranz“ stand, also noch eine zweite Ebene quer gezogen wurde. In Wolfsburg wurde das alles ein großartiger Erfolg. Rammstein verlangt Toleranz. Und bekennt sich im Gegenzug. Also aufatmen auf beiden Seiten.

Das eben spürte man noch einmal besonders laut beim Hinaustreten in diese nachtabgedunkelte autoaffine Idylle zwischen rasierten Grasflächen, gedämpftem Laternenlicht, inmitten dieser merkwürdigen Autostadt-Parkarchitektur, die jetzt noch viel lieblicher und sympathischer punktete. Ein großer Friede. Wir haben Rammstein hinter uns gelassen. Passiert. Erledigt. Vorbei. Rasch zurück also in die Moderne, weg von diesem fast unerträglich gut vertonten Adolph Menzel’schen „Eisenwalzwerk“. Made by Rammstein. Made by Autostadt.

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