Häppchen vom großen Ganzen

Alexander Wallasch29.04.2013Gesellschaft & Kultur

Angst vor Islamisierung, Kulturverlust und Technik. Mario Vargas Llosa sitzt beim Totenschmaus Europas.

„La civilización del espectáculo“, eine Kulturkritik, ein Kulturpessimismus, des 2010er Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa ist jetzt vom Berliner Thomas Brovot ins Deutsche übersetzt, bei Suhrkamp erschienen. Der Titel dort: „Alles Boulevard: Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst“.

Und warum zaudern, fangen wir doch gleich mit der maximalen Kontroverse an. Auf Seite 103 schreibt Llosa: „Dass in Frankreich Mädchen von ihren Familien und Gemeinden mit dem Kopftuch in die öffentlichen Schulen geschickt werden, bedeutet mehr, als es auf den ersten Blick scheint, denn sie sind die Vorhut eines Feldzugs, den die militantesten Gruppierungen des islamischen Fundamentalismus begonnen haben, um einen Brückenkopf nicht nur im Schulsystem zu erobern, sondern in allen Einrichtungen der französischen Zivilgesellschaft.“

Furcht vor Islamisierung

Sie sehen schon, hier wird nicht schöngeredet. Gewissermaßen die Umkehrung der Behauptung: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.“ Als Nobelpreisträger verfügt Llosa ja über einen maximalen Ruf. Folgt hier ein Nobelpreiskollege dem gefallenen Günter Grass nach, indem er sich ebenfalls im Versuch übt, noch den ehernsten Leumund mit ein paar hingeschmetterten politisch unkorrekten Sätzen zu ruinieren? Schauen wir also mal auf den Kontext des Buches zur Solidarisierung mit dieser – nennen wir sie – „neuen europäischen Furcht“ vor einer Islamisierung des Kontinents.

Worum geht’s in dieser mit etwas über 200 Seiten überschaubaren Kritik, welche „El Mundo“, die große spanische Zeitung aus Madrid, „Brillant, kühn und extrem kontrovers“ nennt? „La civilización del espectáculo“ ist als Fazit eines langen Lebens angelegt (Llosa geht stramm auf die Achtzig zu), als Requiem für einen Toten ohne Leiche, für eine verendende Kultur, für nicht weniger als den christlich-europäischen Wertekanon. „Vielleicht ist diese Kultur auch schon verschwunden“, schreibt Llosa, „unauffällig ausgehöhlt und im Kern ersetzt durch eine andere, die mit der ursprünglichen nicht mehr viel gemein hat.“ Er wolle mit seiner Schrift „nur“ festhalten, inwieweit unsere Hochkultur heute freiwillig und mit dem Einverständnis aller durch ein buntes Sammelsurium verdrängt wurde.

David Hugendick, so ein Berliner Journalisten-Hipster mit festem Job bei der „Zeit“, musste an der Stelle wohl schon berlinerisch grinsen und sezierte absichtsvoll und im Gestus jener brillanten Stänkerer, dem Kulturkritik und das Auge für das große ominöse Ganze grundsätzlich ein Graus sind: „Waren einst die staunenden Augen die Zunftgebärde des Intellektuellen, der in den ,Eingeweiden der Dinge‘ (Ortega y Gasset) wühlt, so ist in ,Alles Boulevard‘ davon nur der glasige Blick eines Nostalgikers übrig, der es sich im Überflugmodus bequem gemacht hat.“

Die Kluft ist zu groß geworden

Matthias Matussek vom „Spiegel“ macht es anders, weil er es anders kann. Er formuliert gleich hinein ins fette große Ganze und bläst die goldene Fanfare: „Selten ist eine so entschlossene Philippika gegen den aktuellen Lärmbetrieb gehalten worden.“ Es muss aber auch ein Fest gewesen sein für diesen Matussek, als er las, was ihm der Llosa da hingeschmettert hat. Denn als gläubiger Katholik, der seine geliebte Religion in den Katakomben verschwinden sieht, sind solche Kulturpessimisten natürlich willkommene Gäste an der letzten großen Tafel. Am Scheidebecher, beim Totenschmaus Europas. Und wenn obendrein diesem als Student ursprünglich aus dem linken-atheistischen Milieu erwachsenen Llosa altersmilde nicht einmal ein inniges Gebet vor dem großen letzten Fressen stört, dann gibt es natürlich noch einmal mehr ein sattes Hallo.

Und da haben wir auch schon das erste Problem auf dem Tisch. Llosa und Matussek sind natürlich beide in ihrem Fach brillant. Lebenserfahren. Schon weit über das handwerkliche Brillieren hinaus. Junge Kritiker wie Hugendick stehen da ruckzuck in der Nörgelecke. Kleinlich. Ohne Blick fürs Weite. Ohne Horizont, ohne Geschichte. Und Kultur braucht, so zumindest sieht es Llosa, eben besonders das: Den Rückspiegel aufs Gestern, den tiefen Schmerz, das Drama, die große Idee, diese über das befristete Leben der einzelnen Kreatur hinausreichende Transzendenz.

Und da sind wir schon bei der zentralen Botschaft dieser Kulturkritik des alten Mannes: Es ist, wie es immer ist, wenn hohes Alter, Gebrechen und Weisheit auf Jugend, Lebensfreude und Sorglosigkeit blickt: Die Kluft ist zu groß geworden. Die Erinnerung zu weit entfernt oder die Verklärung hat bereits wie ein großer Zersetzungsprozess die ganze Beschwingtheit, die Leichtigkeit des Seins und dieses ganze euphorische Theater des Lebens weggewischt und einer Tristesse auf hohem literarischen Niveau Platz gemacht.

Sex vs. Erotik

Hier wird also neben dem Verlust der Kultur auch in hohem Maße ein ganz persönliches Vitalitätsproblem verhandelt. Das ist sogar in Teilen sympathisch, schon weil es so runzelig daherkommt, wenn Llosa zum Beispiel irgendwann, nach über einhundert Seiten, den Stellenwert von Sex und Erotik bespricht und dabei neben seinen seitenlang hervorragend ätzenden Kultur-Analysen so deutlich abstürzt, wie man es nur von einem Mann erwarten kann, der seinen letzten Ständer vor einer Ewigkeit hatte und sich nur noch an die Trauer danach, an „la petite mort“, erinnert, auf der er irgendwann, wie auf einem schlechten Trip hängen geblieben ist, als die Sexualität in diesem verfluchten Nebel des Alters verloren ging:

bq. Erotik […] holt auch die destruktiven, im Irrationalen lauernden Gespenster ans Licht. […] Sich selbst überlassen, ohne jede Zügelung, könnten diese Ungeheuer des Unbewussten, die in der Sexualität hervortreten und ihr Recht einfordern, zu den schlimmsten Formen der Gewalt führen.

Aber wer, der noch blutjung ist, sehnte sich da nicht sofort nach seinem Anteil an dieser Llosa’schen Gewaltfantasie? Wer möchte da nicht für den Moment mal in einer gewalttätigen Welt leben?

Und klar, wir müssen noch zum Kopftuchstreit-Zitat vom Anfang zurückkommen. Ja, das ist eben der verwirrende, der verstörende Part an diesem streitbaren Buch. Eines steht da locker neben dem anderen. Fast gleichwertig, wo intellektuell tiefe Kluften klaffen. Die Angst vor einer Islamisierung neben der altväterlichen Sorge um Sex versus Erotik der anderen.

Ein aufregendes Buch

Aber ach, lieber Mario Vargas Llosa, die Erotik des Islam, diese große schwere Moschus-Patschuli-Wolke aus Tausendundeine Nacht ist doch schwanger von dieser von Ihnen so sehnsuchtsvoll beschworenen verklemmten Erotik contra Düstersex. Wer weiß, vielleicht befruchtet der islamistische Sturm, den Sie über Europa hereinbrechen sehen, sogar diesen übersexualisierten Kontinent mit jener Düsternis die Sie – immerhin – mit Freud gemeinsam hinter jedem guten Fick diagnostizieren. Oder es kommt doch alles ganz anders und die Kopftücher verschwinden einfach in einer technikversessenen Moderne mit den Religionen und all den anderen Kulturimpfungen, die Sie so schmerzlich vermissen. Mal schauen, wie sich die Jugend nach uns ausrichtet. Die wird es schon machen. Wie sie es jahrtausendelang über die weisen Ratschläge weiser alter Herrn hinweg zum Besseren hin gemacht hat.

Aber: Ein aufregendes Buch ist es allemal geworden. Weil kontrovers. Weil es die Debatte fast schon zwanghaft sucht. Und dabei auf fast nostalgische Weise ehrlich bleibt. Klar, es ist Kapitel neben Kapitel eine Inhomogenität, was einen romanesken Lesefluss und dann auch die Leselust streckenweise wirklich behindert. Aber wir lesen hier ja keinen Roman; so kann man einfach mal ein paar Seiten überschlagen. Das schadet nicht, da man sich hier wohl sowieso in einer zusammengefassten Sammlung von Essays des Autors in unterschiedlicher Qualität aus unterschiedlichen Entstehungszeiten bewegt.

Ladung verloren

Zum Abschluss fragt sich Llosa übrigens noch, „warum die Kultur wohl so banal geworden ist“. Und liefert eine der putzigsten Antworten des Werkes gleich nach, als er sich über die neumodischen elektronischen Tablets und Reader versus Bücher aufregt:

bq. Aber es ist nicht verwunderlich, dass in einer Zeit, zu deren Großtaten es zählt, mit der Erotik aufgeräumt zu haben, auch dieser verfeinerte Hedonismus verschwindet, der das geistige Vergnügen der Lektüre um das körperliche des Berührens und Streichelns bereichert.

Ja Mensch, hat der gute Herr Nobelpreisträger denn noch nie etwas von diesen echt geilen Touchscreens gehört? Die werden auch düster, aber nur dann, wenn der Akku nach festgelegter Zeit seine Ladung verliert. Das Ding immerhin kann man dann wieder aufladen.

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