Akifs Achsenbruch

Alexander Wallasch21.04.2013Innenpolitik, Medien

Der Autor Akif Pirincci warnt vor einer Übernahme Deutschlands durch junge Männer moslemischen Glaubens. Die Facebook-Maschine hat ihn dafür kurzzeitig auf Eis gelegt. Rekonstruktion eines Tathergangs.

Ein Freund leitete mir am Freitag per E-Mail ein Facebook-Posting weiter mit der Bitte, dazu mal eine Kolumne zu machen. Das Posting ist vom türkischstämmigen Autor Akif Pirincci, der auch Autor auf Broders Achse des Guten ist und dort einen Artikel veröffentlicht hat, der wohl auf Facebook für Aufregung sorgte, was wiederum Facebooker Akif Pirincci maximal aufgeregt hat.

So sehr, dass er formuliert, man versuche ihn mit allen Mitteln der Political Correctness mundtot zu machen. Die immer heftiger werdenden Angriffe kämen „aus dem linken Politiklager, deren rotgrün versifften Umfeld und offenkundig arbeitslosen Irren, die den lieben langen Tag nichts anderes zu tun haben, als sich mit mir zu beschäftigen“.

Nun ist Herr Pirincci für einen Monat bei Facebook gesperrt. Wie er schreibt und glaubt, aufgrund seines Artikels bei Broders Achse und nicht wegen solcher Ausfälle, die er auf Facebook postet.

Nun gut. Oder schlecht? Jedenfalls müsste man, um Näheres zu erfahren, Facebook selbst befragen oder die Mechanik dieses sozialen Netzwerkes begreifen. Aber es gibt keinen direkten Ansprechpartner bei Zuckerberg und auch keine wirklich klar erkennbare Mechanik in Sachen Sperrung von Mitgliedern.

Die Resthaare stehen zu Berge

Aber fast jeder Facebooker kennt diesen Facebook-Denunzianten-Button. Dort klickt man, da meldet man, wenn einem einer und etwas richtig stinkt. Wie oft Pirincci selbst in der Vergangenheit gegen jemanden geklickt hat, weiß nur er selbst und der Facebook-Automat. Zu vermuten ist aber, dass nun Etliche gleichzeitig bei Pirincci den Böses-melden-Buzzer gedrückt haben. Daraufhin hat wohl ein Facebook-Algorithmus entschieden, den Autor für eine bestimmte Zeit zu sperren.

Für Pirincci ist nun alles klar. Er ist sich sicher, dass man ihm „nach und nach alle Kommunikationskanäle übers Internet kappen (will)“. Und er glaubt, an seiner Person soll nun ein Exempel statuiert werden, „wie man künftig mit wirklichen Querdenkern in diesem Lande umzugehen pflegt und wie abweichende Meinungen im Keim zu unterdrücken sind“. Für Bestsellerautor Akif Pirincci „beginnen (so) Diktaturen“.

Als ich der Bitte meines Freundes folgend, die Artikel des Herrn Pirincci nacheinander gelesen habe, um mir ein Bild zu machen, was denn nun die Facebook-Gemeinde – der ich freiwillig nicht mehr angehöre, wohl aber Herr Pirincci – zum massenhaften Buzzern bewogen haben könnte, standen mir die Resthaare einigermaßen zu Berge.

Ich schrieb dem Freund daraufhin in einer ganz privaten E-Mail zurück (ich bin ja nicht im Facebook); also in einer privaten E-Mail, die ja nicht gebuzzert werden kann, zumindest, wenn man einigermaßen frei von Paranoia und Verschwörungstheorien ist:

bq. Oha … Du weißt, ich bin schon mal ein „Brutal-in-die-Bresche-Springer“, aber wer sich bei Achse des Guten als Autor führen lässt, der hat für mich schon mal potenziell ein gestörtes Gerechtigkeitsgefühl, ein krudes Verständnis von Demokratie und ein verqueres Verhältnis zur Wahrheit. Und der steht grundsätzlich im Verdacht, antiislamisch zu sein, egal wie Jeder das zunächst für sich bewerten mag. Die Texte, die ich lesen sollte, haben für mich den Sound eines Rassisten, eines üblen Genetikers. Im Sound sogar antideutsch. Hüstl. Oder neutraler: antieuropäisch. Natürlich nicht genetisch, sondern im Sinne einer Sozialisation, im Sinne des gemeinsamen Nenners, der so wichtig ist für ein Agreement in freien Gesellschaften. Dieser zunächst philogermanische Sound krächzt. Da ist was aus der Spur, da sind aggressive Elemente drin, so ein Kampfgeschrei, wie man es sonst nur aus der islamischen Welt kennt, nur um 180 Grad gedreht. Ich kann dazu nichts Positives schreiben. Tut mir leid.

Hochgradig provokanter rassistisch-evolutionärer Quark

Gut, das ist natürlich Stammtisch, aber so ein intimer Mailverkehr darf schon mal Stammtisch sein. Wenn man sich aber als Autor an Broders Achse-des-Guten-Stammtisch setzt und so richtig auf die Kacke haut, dann sollte man im Hinterkopf behalten, dass Broder diesen Stammtisch öffentlich zelebriert. Im Internet. Für jeden einlesbar, der mag. Und wenn man dann wie Pirincci dort am 25.03.2013 unter der maximal martialischen Überschrift “„Das Schlachten hat begonnen“(Link)”:http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_schlachten_hat_begonnen erklärt, dass es sich bei der grausamen Ermordung des Deutschen Daniel S. durch türkischstämmige Jugendliche in Kirchweyhe „im Grunde um einen beispielhaft evolutionären Vorgang handelt, nämlich um den schleichenden Genozid an einer bestimmten Gruppe von jungen Männern“, dann schreit das förmlich nach dem Buzzer.

Als absichtlicher Nicht-Facebooker, also als Nicht-Buzzer-Fähiger, liest man dann eben einfach nicht weiter. Oder man regt sich, wenn man irgendwo publiziert, dort auf, über so einen hochgradig provokanten rassistisch-evolutionären Quark.

Nun ist es natürlich eine Groteske in sich, dass sich ein Autor dieser Broder-Homepage, die sich zuletzt in einem wahren Denunzianten-Shitstorm gegen Jakob Augstein gewandt hat, über Denunziantentum und Propagandaschmieden erregt.

Aber schnell noch einmal zu besagtem Pirincci-Artikel. Denn wie es dort weitergeht, sollte man mitdenken, will man den Buzzersturm auf diesem „Fucking Facebook“ (neuer Titel des Autors bei Broders Achse, den ich inhaltlich sogar teile) im Ansatz verstehen. Akif Pirincci schreibt also weiter zum brutalen Mord:

bq. Die Tat reiht sich ein in eine Serie von immer mehr und in immer kürzeren Abständen erfolgenden Bestialitäten, die zumeist von jungen Männern moslemischen Glaubens an deutschen Männern begangen werden. (Es befinden sich unter den Opfern nie Frauen. Die werden in der Regel vergewaltigt, was auch banal evolutionär zu erklären ist, aber dazu später.) (…) Die Theorie von einfühlsamen (deutschen) Soziologen, wonach diese bestialischen Jugendlichen sich in Wahrheit als Versager und Opfer der Gesellschaft vorkämen und ihr Blutrausch ein verzweifelter Aufschrei sei, ist natürlich eine von der Migrantenindustrie, schwachsinnigen Politikern und geisteskranken linken Medienleuten bestellte Lüge …

Pirinccis Artikel endet so:

bq. Und man wird sich damit abfinden müssen, dass man allmählich „übernommen“ wird. Vor allem wird es ratsam sein, keine Söhne mehr zu haben. Wie gesagt, die Töchter werden es wenigstens überleben.

Weitere Artikel des Autors sind in der Tonalität nahezu identisch. In der gleichen verstörenden Tonalität. Die wiederum verwandt ist mit der Ätze eines Broders. Mit der Ätze von Scharfmachern. Mit der Ätze religiöser Eiferer, die sich – Ironie der Sache – unreligiös geben.

Und hier lohnt dann auch nicht mehr der Pirincci-Zeigefinger hin zur bösen Political Correctness. Denn wer auf der Webseite Achse des Guten agiert, der steckt bereits knietief in einer ganz anderen politischen Korrektheit, der hat sich dermaßen bekleckert, dass er auf keinem einigermaßen zivilisierten Parkett noch einen Teller und Silberbesteck hingeschoben bekommt.

Die ganze Facebook-Affenhorde buzzert also und Pirincci macht den Wüterich. Aber das ist sehr, sehr schade. Denn dieser Akif Pirincci ist tatsächlich ein großartiger Schreiber. Seine Texte sind auch – kein Widerspruch! – zum Schreien komisch, intelligent und zwischen der völlig unnötig eskalierten Achse-des-Guten-Koterei in einer Weise scharf gewürzt, dass man weiterlesen müsste.

Friedlicher Dialog

Und um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich teile sogar einige Sorgen des Autors. Aber ich teile seine düster apokalyptischen, im religiösen Sound rausgeschrieenen Prophezeiungen nicht. Ich habe ein gewisses Grundvertrauen, was den deutschen Rechtsstaat angeht, den nun mal meine und nicht Akifs Väter und Vorväter erdacht und letztlich auch gemeinsam perfektioniert haben. Ein Rechtsstaat, der heute, so er denn endlich mal konsequent ausgelegt wird, Gewalt unabhängig ihrer Färbung konsequent bestraft und verfolgt.

Ich bin kein Rassist und kein Genetiker. Ich befürchte ihn einfach nicht, diesen Untergang des weißen Mannes, dieses auf gleichen Genen basierenden deutschen Volkes: einfach, weil ich es bereits für anachronistisch halte. Ich schaue mich um und sehe in Deutschland lediglich noch deutsche Staatsbürger und kein deutsches Volk. So ist dieser Autor für mich auch ein Deutscher, insofern er einen solchen Pass haben wollte, nach Sprachprüfung usw. – Sie kennen ja das sinnvolle Einbürgerungs-Procedere.

Aber vor allem liegt mir in diesem Deutschland nichts an einer Zuspitzung eines religiösen Konfliktes Christentum/Judentum vs. Islam, der ja letztlich Grundlage dieses Hauen und Stechens ist. Ich würde wahrscheinlich eher mit 50 Prozent Deutschen mit Migrantenhintergrund zusammenleben wollen, solange die unreligiös oder religiös gemäßigt sind, als mit 100 Prozent fundamentalistischen Katholiken oder diesen faschistoiden Freikirchlern US-amerikanischer Prägung. Aber mit denen dann wahrscheinlich wieder eher als mit 100 Prozent fundamentalistischen Moslems. Aber Gott sei Dank stellt sich die Frage gar nicht. Davon bin ich fest überzeugt. Da vertraue ich noch auf den gesunden Menschenverstand einer Mehrheit friedliebender Zeitgenossen. Da vertraue ich auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner. Auf dieses Agreement der Friedfertigkeit, des Dialogs und ja: einer starken Justiz, die dafür sorgt, dass wir diesen Dialog weiter friedlich führen können.

Noch mal zu Akif Pirincci: Nun sind diese Akif-Pirincci-Gratwanderungen so wie alle Gratwanderungen natürlich immer absturzgefährdet. Aber so wie sich Broder beispielsweise für seine Ausfälle gegen Augstein entschuldigte, so hätte sicher auch Autor Pirincci seine Ausfälle im Nachhinein relativieren können.

Tat er aber nicht, im Gegenteil. Er dachte wohl, wenn er nur genug Kot nachschmeißt, dann geht das Ganze in einem von ihm selbst erzeugten Shitstorm unter und erledigt sich von selbst. So wie Lügner immer dreister lügen, weil sie tatsächlich daran glauben, damit ließe sich Wahrheit erzeugen.

Aber aus dieser Pirincci-Wahrheit wurde nichts, sie wurde weggebuzzert. Sie wurde per Mark-Zuckerberg-Facebook-Algorithmus weggebuzzert. Weggebuzzert, weil diese sogenannte Facebook-Schwarmintelligenz in Pirinccis Texten den Scharfmacher identifiziert hat, den Spalter, den Hetzer, den Brandbeschleuniger, womöglich den Konfliktschürer Islam versus Christentum/Judentum. Keine Ahnung. Machen Sie sich bitte selbst ein Bild. Lesen Sie Pirinccis Texte und fragen Sie sich, warum diese hässliche Facebook-Fratze dagegen gebuzzert hat.

Nachtrag:

“Aktuell aktualisiert Akif P. Bei Broders Achse”:http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/fuck_you_facebook

bq. Gestern um Mitternacht hat Facebook unter dem Druck des gewaltigen Shitstorms und des hier veröffentlichten Schreibens eingelenkt und meine Wenigkeit wieder entsperrt. Ich danke allen Unterstützern, Freunden und dem offenkundig doch freiheitsliebenden Facebook!

Was für ein Sound. Also doch alles nur das Geheule eines für den Moment bei Facebook ausgeschlossenen Facebook-Süchtigen?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu