Sofortiger Abwehrreflex

Alexander Wallasch15.04.2013Gesellschaft & Kultur

Joachim Bessings Untitled kann man nur bis Seite 49 lesen. Der Versuch einer Rezension.

Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal ein Buch zu Ende gelesen habe. Ich glaube, es war ein Grisham. Einer dieser „Ein Anwalt gegen die Welt“-Romane, von dem man nicht weniger, aber auch nicht mehr erwartet als gute Unterhaltung. Und was ist schöner, als ein Buch zu lesen, von dem man nicht erwarten muss, das andere so viel erwarten und ihre Erwartungen ungefragt teilen und wollen, dass man ebenfalls voller Erwartung ist usw.

Nach 30, dann endgültig nach 60 Seiten weggelegt habe ich gerade ein Buch, das mir von einem Freund – und auch Freund des Autors (das weiß ich nicht so genau) – empfohlen wurde: der Roman „Untitled“ des deutschen Autors Joachim Bessing.

Die eigene Weltsicht langweilt auf Dauer

Natürlich ist es nicht so, dass Bücher, die ich nicht mag, keine guten Bücher sein könnten. Bei Sachbüchern geht mir das sogar öfter so. Mich widert, was ich lese, aber ich denke weiter und denke nach und das Ganze wird dadurch für mich wertvoll. Logisch, seine eigene Weltsicht wiederzuerkennen, kann einen Moment lang schön sein, aber es langweilt auf Dauer. So gesehen besteht sogar eine höhere Chance, ein Buch zu Ende zu lesen, wenn man mit der These oder der Haltung des Autors komplett über Kreuz liegt. Mir ging es zum Beispiel so bei den Büchern Peter Unfrieds, bei „Öko“ und „Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen“. Nervig, sehr nervig sogar, aber eben auf eine Weise nervig, dass beide nervigen Werke geeignet sind, zu Ende gelesen zu werden. Sogar von einem, der nicht oder nicht mehr gerne liest, sondern nur noch Filme schaut.

Nun ist das empfohlene Werk kein Sachbuch, sondern ein Roman. Umschlaggestaltung wie ein Holzbrett. Kennt man schon. Und so aufregend auch wieder nicht, dass man es plagiieren müsste. Also Zufall. Also Autor und Titel in Holz geritzt, Herzchen reingeschnitzt, abfotografiert und die 302 Seiten dazwischengebunden. Übrigens 302 Seiten, die aussehen wie 450 Seiten. Gutes, schweres Papier. Und wohl einer der unumstößlichsten Qualitätsunterschiede zwischen den Produkten eines großen versus kleinen Verlages. Die großen investieren mehr für gutes Papier. „Untitled“ ist sogar aus „Papier aus verantwortlichen Quellen“, wie irgendein Siegel auf Seite zwei bestätigt. Gut, ich verstehe das bei Klopapier, bei Verbrauchsartikeln. Bei guten Büchern würde ich auf so etwas verzichten, es hat den Charakter eines Schuldeingeständnisses: Nein, wir hätten uns nicht getraut, so einen Schund auf Papier zu drucken, das so mies hergestellt ist, dass es wirklich gute Literatur sein muss, um das zu rechtfertigen.

Sofortiger Abwehrreflex

Die letzten 20 Minuten vor dem „Tatort“ gehören dem Autor, Joachim Bessing. Auch so ein Übergebliebener aus der Popliteraturszene, denkt man, wenn man – was man ja immer öfter macht – vor dem Lesen mal in die Wikipedia schaut, wen man da eigentlich liest. Also nur noch 17 Minuten bis zum „Tatort“ und das Wissen im Gepäck: Ein weiterer Christian-Kracht-Udo-Walz-Sylt-Kaviar-Depression-Ex-Tempo-oder-Wiener-oder-gar-nix-Typ, der aus lauter Melancholie übers Gewesene vergessen hat, Karriere zu machen und nun Bücher schreiben muss.

Zwischendurch noch eine Mail an irgendwen, dass ich vor dem „Tatort“ noch das Buch anfange und die Antwort, dass der Bessing gar nicht mehr auf Kaviar ist, der würde jetzt leben wie ein Einsiedler irgendwo in Äthiopien oder so. Ich lache in den Desktop und denke an diesen Herrn Kracht, der ja wahlweise in Afrika, Argentinien oder sonst wo leben soll, während er in Berlin mit Maxim Biller den lieben langen Tag Pullover shoppen geht.

Noch 11 Minuten bis „Tatort“. Die Kinder wollen noch was essen, ich schmiere Stullen, bring sie hoch ins Kinderzimmer, mache dort den kleineren Fernseher aus, meinen 127er aber noch nicht wieder an, gehe schnell noch aufs Klo für eine Session im Stehen und habe jetzt noch 7 Minuten für Bessing.

Erste Seite „Für Dich“. Ich fühle mich nicht angesprochen. Dann ein Novalis-Zitat: „Wem gefiel nicht eine Philosophie, deren Keim ein erster Kuss ist?“ Kennen Sie das? Diesen sofortigen Abwehrreflex? Ein bisschen so, als wäre man wo eingeladen und wüsste schon an der Tür, während einer misslungenen Begrüßung, dass man besser nicht gekommen wäre und bastelt bereits an einer Strategie, wie man möglichst schnell wieder raus kommt?

Nach 49 Seiten in die Spendenkiste

Der erste Satz des Romans zieht sich über die Hälfte der ersten Seite, die mit „Paris“ überschrieben ist. Eine Zumutung, denke ich noch, während ich rüberschaue zur Uhr, die mir sagt, dass der „Tatort“ in wenigen Minuten anfängt. Satz zwei beginnt so: „Ich trage mein Lieblingsjackett, aus navyfarbenem Plastikpiquet …“ Ja, warum nicht gleich die Barbour-Jacke? Und wann geht es unweigerlich los, das Faserland-Geheule? Diese – gähn – Prä-Paul-Kalkbrenner-Lebensstimmung, die von den Teilnehmenden nicht mehr als positiv erfahren wird, sondern lediglich Ausdruck ihrer Hoffnungslosigkeit ist?

Ich sende dem Empfehler des Buches nach weiteren zehn Seiten und wirklich der allerletzten Minute vor dem „Tatort“ (Das Wetter der „Tagesschau“ läuft schon aus) eine Mail: „Um Gottes willen, ein Faserland-Anfang. Und auch noch Ketamin statt Koks, damit es mal was anderes ist. Und eine Flut von Adjektiven, dass einem schon nach drei Seiten kotzig wird …“

Antwort kommt sofort: „wird anders … auf die völlerei folgt natürlich die askese. und ketamin ist doch schon seit über 10 jahren das neue koks.“

Nach dem „Tatort“ lese ich doch noch ein paar Seiten und novalisiere dann schadenfroh: Empfindsame Romane gehören doch eigentlich ins medizinische Fach zu den Krankheitsgeschichten. Dann schmeiße ich das Buch bei Seite 49 und nach den Sätzen „Ich sollte mich botoxen lassen. Wäre mir diese Prozedur in meinen Teenagerjahren angeboten worden, ich hätte eingewilligt.“ in die Kiste für die Spendensammlung für den katholischen Buchflohmarkt am kommenden Sonntag in der Nachbarschaft. Soll doch einer von denen herausfinden, wie es so ganz ohne Titel und trotzdem in Holz gemeißelt weitergeht. Ich überlege derweil, ob ich mit Jauch weitermache, oder doch auf Nummer sicher gehe und den Sonntag wieder auf DMAX ausklingen lasse.

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