Krieg dem Krieg!

Alexander Wallasch11.04.2013Innenpolitik

Das Protestmodell Joschka Fischer hat ausgedient. Die neue deutsche Demokultur definiert sich nicht mehr durch die außerparlamentarische Opposition. Sondern durch etwas ungemein Selbstbewusstes. Etwas Neues.

Ich hatte in den vergangenen Jahren aus beruflichen Gründen immer mal wieder Gelegenheit, zu schauen, was unser heutiger Verteidigungsminister Thomas de Maizière so macht. Wir sprachen auch mal ein paar Worte und ich habe mir ein Urteil über den Menschen gebildet. Und so wie ich eine Grundhaltung gegenüber den politischen Ämtern habe, die der Mann in seiner erstaunlichen Karriere schon alle bekleidete, so habe ich eine ganz andere subjektiv-gefühlige Meinung zur Person de Maizière. Ich mag ihn. Fast könnte ich trotzig ein „trotzdem“ anfügen.

Ein denkwürdiger Auftritt des Ministers “jüngst vor Studenten der Humboldt-Universität zu Berlin”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/protest-gegen-bundeswehr-studenten-bruellen-de-maiziere-nieder-a-893692.html war nun ein willkommener Anlass, mal wieder über den guten Mann nachzudenken. Neu zu recherchieren. Erstes erstaunliches Rechercheergebnis: Der Mann war wohl zur selben Zeit wie Matthias Matussek auf dieser Jesuitenschule in Bonn-Bad Godesberg. Das ist erstaunlich, denn Matussek mag ich auch. Und wie de Maizière bietet auch die erzkatholische „Spiegel“-Kultur-Edelfeder eigentlich genügend Anlass zum Dissens. Zum Nichtmögen.

Der schlechte Ruf des deutschen Pazifisten

Hinzu kommt noch diese große Düsternis, die seit diesem Kindesmissbrauchsskandal in katholischen Einrichtungen besonders auch über dem Aloisiuskolleg ausgebreitet liegt, das die beiden als junge Menschen besuchten. Ich erinnere mich, Matussek mal darauf angesprochen zu haben. Er selbst hat von Missbrauch nichts mitbekommen. Auch de Maizière erklärte in einem Interviewband, dass er sich dort „pudelwohl“ gefühlt hat. Gute Lehrer hätten ihn den „Sinn für Qualität“ gelehrt, den bewussten Umgang mit Sprache, das politische Debattieren, und den „rheinisch lässigen Umgang“ mit dem Glauben.

Eigentlich schön, beweist es doch, dass der rheinische Katholizismus zu etwas gut sein kann. Oder es hat was mit einer Koexistenz von Gegensätzen zu tun. Anyway, in Berlin jedenfalls scheiterte der Versuch dieser Koexistenz zwischen dem Minister und den Berliner Studenten. Und das, obwohl die Studenten sehr zur Überraschung des Ministers frenetisch applaudierten und ihn in Sprechchören besangen, wie er es sicher noch nie zuvor erleben durfte. Nur, sie hörten eben einfach nicht mehr damit auf. Sie jubelten durch.

Die angeblich unpolitische Jugend, die Totgesagten haben sich nun ausgerechnet an meinem „Lieblingsminister“ aufgerichtet. Und Sie ahnen es schon. Die Jubelgesänge waren natürlich zu nichts anderem gedacht, als den deutschen Minister der Verteidigung sprachlos zu machen. Also eine Form des gewaltlosen Widerstandes. Noch flankiert dann mit einem hingehaltenen Plakat in peppig-lila Filzstiftschrift: „Krieg dem Krieg! Nie wieder Deutschland!“

Berlin, Audimax, Protest – und schon könnte man schmunzelnd sagen: Willkommen im Gestern, willkommen in diesem herrlich verkifften Retro-Deutschland.

Nur leider ist eben vieles Retro geworden. Der Krieg aber nicht. Der bleibt böse. Und vor allem eins: tödlich. Unmenschlich. Verachtenswert. Und obwohl das alle wissen, hat der Pazifist in Deutschland immer noch einen schlechten Ruf. Der Feigling, der Drückeberger, das Kameradenschwein. Das konnte sich aus den II-WK-Schützengräben in die Wirtschaftswunderrepublik hinüberretten, weil dieses pazifistische Kriegsdienstverweigererheer kurzerhand als faule Gammlertruppe identifiziert wurde.

Gammelei nun diesen jungen Studenten in Berlin vorzuwerfen, dürfte schwerfallen. Dieses Retro fällt komplett aus. In bester Flashmob-Manier wird de Maizière und sein Vortrag übers deutsche Militär einfach weggeklatscht, weggesungen mit Sprechchören wie: „Thomas, wir lieben dich!“ und: „Wir wollen den Thomas sehen!“ Wunderbar inszeniert und maximal effektiv uraufgeführt. Ja, diese angeblich so unpolitische Jugend führt sich so selbstverständlich pazifistisch auf, dass kein Mitleid aufkommen will mit dem sympathischen Minister. Die Studenten sind in diesem Moment einfach die einhundertprozentigen Sympathieträger.

Die Kinder der Joschka-Fischer-Eltern übernehmen

Mehr noch: Dieser Protest gegen Krieg ist kein Reload aufgeregter Studentenunruhen der 1960er-Jahre. Hier erinnert man sich nicht an einen Führer, hier ist keine nostalgische Verklärung am Werke, hier formiert sich etwas ganz Neues. Etwas Selbstbestimmendes. Oder besser: Hier artikuliert sich etwas, das gereifter erscheint. Souveräner. Ein großer Hoffnungsträger. Denn diese jungen Frauen und Männer bleiben karriereorientiert. Hier will niemand auf Teufel komm raus eine fundamentale gesellschaftliche Veränderung. Hier will man ganz einfach und ganz laut keinen Krieg mehr. Schon gar nicht mit Unterstützung deutscher Soldaten, wo auch immer in der Welt.

Entsprechend hilflos und überrascht sind der Minister und die einladenden Universitätsvorderen. Dass nun auf einmal die Kinder der Joschka-Fischer-Eltern, auf deren unpolitische Grundhaltung man bisher so schön bauen konnte, in einer großartigen Spaßaktion „Nein lieber Thomas, nein Deutschland“ sagen, hatten sie nicht auf dem Plan.

Haben die Kinder jener Eltern, die Joschka Fischer regierungsfähig gemacht haben, verinnerlicht, dass es in ihrer Elterngeneration einen Widerspruch gab, dass es genau dieser Fischer war, der deutsche Soldaten zum ersten Mal seit der Wiederbewaffnung in einen Krieg geschickt hatte? Ach Quatsch. Das ist einfach nicht der entscheidende Punkt.

Es ist wohl eher so, als hätte man das Gespräch nicht mehr im selben Maße gesucht, wie es die Elterngeneration oft erfolglos bei ihren Kriegsgenerationseltern gesucht hat. Diese andauernde Gesprächsbereitschaft, diese elterliche Schlaubergerei, dieses gepflegte Rotwein-Wutbürgertum war denen nicht attraktiv genug, um den Rückzugsraum wieder zu verlassen.

Denn dieser Rückzugsraum war dank Internet längst zum Tor zur Welt, also gewissermaßen zu einer Spielwiese voller Gesprächspartner geworden. Der ausgetragene Familienkonflikt als heilsame Quelle hatte ausgedient. Und was da im Netz so zusammengedacht wurde, schleicht sich an diesen de Maizières vorbei und artikuliert sich nicht unter Druck, sondern cool und bisweilen höchstamüsant, einfach immer dann, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.

Politische Autorität hat ausgedient

Wirkungslos? Mitnichten. Die Medien berichten wie über den verlorenen Sohn. Die Aktion bekommt höchste Social-Media-Aufmerksamkeitswerte. Die Zukunft gestaltet sich gerade selbst. Oder genauer: wird von den Menschen gestaltet, deren Eigentum sie ist. Von jungen Menschen. Politische Autorität hat ausgedient. Wird nach Finanzkrise und dem Scheitern der Grünen Revolution (grins) in Deutschland nicht mehr ernst genommen. Man ist nicht außerparlamentarisch, nicht gegen etwas definiert, man ist etwas ganz Eigenes, etwas ungemein Selbstbewusstes. Etwas Neues.

Der Aufruf, der „Fachschaft für Sozialwissenschaften“ der Berliner Humboldt-Universität, ganz taff mit dem altbekannten roten Stern garniert, bitte zum Vortrag zu erscheinen, liest sich dann auch kurz, knackig und ganz unaufgeregt:

„Am morgigen Mittwoch besucht der Bundes,verteidigungs‘minister die Humboldt-Universität und will über die „Armee der Einheit“ erzählen. Im Sinne der wissenschaftlichen Zivilklausel und unseres Anspruches an kritische Wissenschaft, drücken wir festens die Daumen, dass die Rede nicht lang laufen und de Maizière im Hagel von Jubelstürmen untergehen wird. Kriegsagitation und Waffenlobby haben an der HU weiterhin keinen Platz verdient!“

Berlin ist wieder in. Berlin ist gut. Eltern sollten ihren Kindern empfehlen, in Berlin zu studieren: oder besser einfach still sein. Die machen ihr Ding schon ganz alleine. Die brauchen keine schlauen Ratschläge.

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