Der Unersetzliche

Alexander Wallasch9.04.2013Innenpolitik

Ottmar Schreiner war ein echter, ein großer Sozialdemokrat. Einer, der seiner Überzeugung folgte und mit dem man gerne ein Leberwurstbrot und saure Gurken geteilt hätte.

Ich scheue mich nicht, es zu sagen, weil es mir auch zu seinen Lebzeiten locker über die Lippen gekommen wäre: Ottmar Schreiner war ein ganz großer deutscher Sozialdemokrat. Ein großer Menschenfreund, so viel kann man sagen, auch wenn man den guten Mann nicht persönlich kannte.

Ottmar Schreiner starb am Samstag mit nur 67 Jahren an Krebs.

Es ist ein Elend. Krebs, die Geißel der Menschheit, schlimmer als Krieg und alle Ungerechtigkeit. Aber Krebs trifft Arm und Reich gleichermaßen. Die Überlebenschancen sind in keiner Gesellschaftsschicht bedeutend höher oder geringer. So weit ist die Medizin noch nicht. Sicher, irgendwann wird es eine Zeit geben, wo der Sieg über den Krebs eine Frage des Geldes sein könnte. Auch darüber wäre Ottmar Schreiner sicher empört gewesen. Empörung war ja eines seiner herausragenden Markenzeichen. Hochroter Kopf, heisere, laute Stimme. Und eine im Wortsinne positive Unerbittlichkeit. Nein, ich bin kein Sozialdemokrat, aber ich mochte den Mann uneingeschränkt.

Besser auf Ottmar gehört

Ich traf Ottmar Schreiner irgendwann mal im Zug zwischen Dresden und Berlin im Bord-Bistro. Nur wir beide. Draußen die Dämmerung. Ich weiß gar nicht, ob es Rotwein war oder Bier, ich glaube Ersteres. Aber egal. Schreiner war damals im Zug gerade in der Ausruhphase. Ein stiller, nachdenklicher Mann, der in diesem pseudo-modernen Mitropa-Design ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkte. Irgendetwas zum Essen hatte er auch bestellt. Aber auch Butterbrote hätten mich nicht erstaunt. Kennen Sie Abendbrottypen? Menschen, mit denen man gerne ein Leberwurstbrot und saure Gurken teilen würde? Ottmar Schreiner war so einer.

Sigmar Gabriel hat erst sehr spät begriffen, welche Kraft er für die SPD links liegengelassen hat und das bitter bereut: „Es wäre besser gewesen, wir hätten in der Vergangenheit auf Ottmar (…) gehört. Es darf nie wieder passieren, dass wir uns so weit von der Arbeitnehmerschaft entfernen.“ Im Angesicht Ottmar Schreiners Kapitulation vor dem Leben wirkt das doppelt schwer.

Was kann man über ihn sagen? Katholik und Saarländer wie Oskar Lafontaine. Das muss tatsächlich eine gute Kombination sein für Gerechtigkeitssinn und Empörungskraft. Wie der Beruf des Fallschirmjägers da hineinpasst, kann man nur vermuten, sehr wahrscheinlich ist da seine Loyalität und sein Standvermögen verortet. 1999 drängte ihn Schröder aus dem Amt des Bundesgeschäftsführers in das ihn zuvor Lafontaine gehoben hatte. So wurde der Aufrechte zum Spielball zwischen den Fronten der Unaufrichtigkeit, der Eitelkeit, der Macht. Trotzdem blieb er seiner SPD treu, mit der ihn wohl mehr verband als mit diesem Schröder, dessen Agenda 2010 er erbittert aber letztlich erfolglos bekämpfte. Immerhin war diese Auseinandersetzung in der SPD möglich. Oder Ottmar Schreiner sorgte mit seiner Beharrlichkeit dafür, dass es möglich sein konnte.

“„Spiegel Online“ folgt dem gebürtigen Merziger in seinem Nachruf anerkennend bis in den Dezember 2011”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ex-chef-des-arbeitnehmerfluegels-spd-politiker-ottmar-schreiner-ist-tot-a-892955.html: „Seine wohl letzte große Schlacht gegen die SPD-Spitze führte Schreiner auf dem Berliner Parteitag. Der Saarländer kämpfte darum, die von der SPD mitgetragenen Reformen zur Rente zurückzudrehen. Doch dabei wollten ihm die weitaus meisten Delegierten nicht folgen.“

Aber hören wir ein letztes Mal rein, was der mitreißende Redner den sturen an Schröder und Konsorten zerknickten Genossen damals zum Thema Rente anzubieten hatte: „Es muss ein unabdingbarer sozialdemokratischer Grundsatz sein, dass jemand, der jahrzehntelang gearbeitet hat, im Alter eine Rente hat, deutlich oberhalb der steuerfinanzierten Sozialhilfe. Das muss ein Kerngrundsatz der Sozialdemokratie sein. Armut ist jetzt schon ein Problem. Altersarmut droht nicht in ferneren Zeiten. Das ist auch das Empfinden der jungen Generation. Das Kernproblem ist die teilweise mitverschuldete Kombination von Niedriglöhnen mit der massiven Absenkung der Rentenniveaus. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir nicht ganz schnell die Weichen anders stellen, wird die SPD die einzige Partei sein, die keine ausreichende Antwort auf die drohende Altersarmut hat. Deshalb ist Eile geboten. Wir haben genügend Informationen. Gebt Euch ein Herz. Gebt Euch einen Stoß und stimmt dem Antrag zu.“ Heute weiß man, die Genossen, die Kollegen hatten kein Herz und ließen sich auch nicht stoßen, sie stimmten dem Antrag einfach nicht zu.

Die politische Landschaft ist ärmer geworden

Ein letzter Blick noch auf Ottmar Schreiners SPD-Internetseite. Der letzte Eintrag ist ein Auszug aus Rolf Hochhuths „McKinsey kommt – Molières Tartuffe“, das 2003 die skandalösen Zustände der wachsenden Widersprüche zwischen Arm und Reich besprach.

Der Auszug endet mit dem Zitat: „Niemand sah die heutige Allmacht der Wirtschaft auf den Nachkriegstrümmern voraus.“ Hinzufügen kann man vielleicht noch: Und auch als immer mehr sie erkannten, waren noch die wenigsten bereit, diese Allmacht zu überwinden und sich wieder dem Menschen, dem Arbeiter zuzuwenden. Ottmar Schreiner tat das ein langes Politikerleben lang. Viel mehr kann ein Einzelner für seine Überzeugung nicht leisten. Hoffentlich nicht vergebens. Ohne Ottmar Schreiner ist die politische Landschaft in Deutschland ärmer geworden. Für die politische Landschaft innerhalb der SPD ist Ottmar Schreiner aber wahrscheinlich unersetzbar.

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