Albtraum Europa

Alexander Wallasch1.04.2013Wirtschaft

In der Krise ist Deutschland für viele zum Schurkenstaat geworden. Gegenentwürfe zur Sparpolitik sucht man dennoch vergebens.

Die Idee, den zerbombten Nachfolger des Deutschen Reiches innerhalb eines vereinten Europas zu assimilieren und endlich zu einem geschätzten Teil eines politisch vereinten Kontinents werden zu lassen, scheint nun grandios gescheitert. Die Realisierung des Grundgedankens dahinter, die Forderung eines vergleichbaren Maßes an Wohlstand für alle Bürger Europas, ist in weite Ferne gerückt. Es sieht allenfalls so aus, dass ein vergleichbares Maß an Armut am wahrscheinlichsten scheint.

Fast zynisch könnte man feststellen: Diese immer noch hartnäckig kursierende Behauptung eines deutschen Fleißes, kombiniert mit einer grenzenlosen deutschen Selbstaufgabesucht sind für die Bundesrepublik zur Brutkammer-Bedingung geworden, zum verhassten Europa-Fanatiker zu mutieren.

Zwangsheirat mit der Türkei auf dem Sterbebett

Ja, es ist eine Ironie der Geschichte, das nun sogar schon die Türkei vom Europa-Bittsteller zum umworbenen Europa-Kandidaten, zum – nach der „Entfreundung“ Griechenlands – Blutspender eines Intensivstation-Europas werden könnte. Zumindest könnte man Jean-Maurice Ripert, EU-Botschafter in der Türkei, so interpretieren, der beschwört, die Türkei sei doch längst de facto Mitglied der EU. Arme Türkei, Zwangsheirat auf dem Sterbebett.

Für Deutschland hingegen könnte nun „Wie wir es machen, machen wir es falsch!“ larmoyant am Ende dieser hart umkämpften und obszön teuer bezahlten 68-jährigen deutschen Bemühungen für Euro und Europa stehen.

Adenauers „Europa muss geschaffen werden!“ hallt allenfalls düster nach. Der stumpfe Erklärungsversuch der Konrad-Adenauer-Stiftung dazu: „In Zeiten des beginnenden Kalten Kriegs und der Teilung Deutschlands in Besatzungszonen suchte Adenauer durch wirtschaftliche Verflechtung das Sicherheitsbedürfnis der Kriegsgegner zu befriedigen.“

Und dabei ging es ja so vielversprechend los, als dieser sechste Bundeskanzler der BRD, Helmut Kohl, Adenauers Deutsches-Reich-Rettung durch Übereignung in ein vereintes Europa in den 1980er-Jahren konkret werden ließ. Beginnend mit einer gemeinsamen europäischen Fischereipolitik, gelingt es dem „Europa-o-muerte“-Politiker Kohl den europäischen Staaten ein grandioses Kuckucksei-Geschenk für die „Wiedervereinigung“ ins Nest zu legen: den Euro.

Ja, die Furcht der WK-II-Siegermächte, DDR und BRD würden sich zu etwas unheimlich Mächtigem vereinigen, war einfach zu präsent, als dass Frankreich und Co. eine irgendwie geartete europäische Währung noch hätten dankend ablehnen können. Zudem war die Verlockung, diese Hassgeliebte namens D-Mark zu knacken, einfach zu groß.

Man muss nicht spekulieren, wie damals die Bilder glücklicher DDR-Bürger mit winkenden D-Mark-Scheinen auf jene deutschen und europäischen Politiker gewirkt haben mögen, die die deutsche Währung zu dem Zeitpunkt bereits weggeschenkt hatten.

Aber das ist Geschichte. Heute winken wieder Zyprioten mit Euro-Scheinen, die der wiedereröffnete Geld-Automat noch hergegeben hat, nachdem die Zentralbank in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Goldesel gespielt hat. Eine letzte große Umverteilung.

Sagen wir es frei heraus: Die Umverteilung des maßgeblich von Deutschland erwirtschafteten Euros ist zum Kalten Krieg nach dem Kalten Krieg geworden. Und dieses europageile Deutschland ist den europäischen Nachbarstaaten zum neuen Schurkenstaat geworden. Irgendeine europäische Loyalität: Fehlanzeige.

„Deutschland – stabil, stark und verhasst“ titelte die „Welt“ schon Mitte 2012. Und die ehemalige „taz“-Journalistin Andrea Seibel “brachte es am selben Ort bereits hinreichend auf den Punkt”:http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106616584/Deutschland-stabil-stark-und-verhasst.html:

bq. „Die Tage der Nachkriegsordnung, des Nachkriegsgefühls, sind endgültig vorbei. Heute reichen die durchaus ehrlich gemeinten Reminiszenzen an die Schreckenszeit des Krieges und die ungemeine zivilisatorische Leistung der Annäherung der Europäer, die man aus dem Munde Helmut Kohls hört, bei Juncker vernimmt und die auch das Denken Wolfgang Schäubles bestimmen, nicht mehr, um die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten.“

Mein erster Lektor, Bernhard von Guretzky, findet das alles nun unsinnig. Für ihn lässt der Text bis hierher die politische Dimension des Euro und die Geburtsfehler außen vor. Schröder hätte Glück gehabt, dass er seine Agenda 2010 in einem Aufschwung realisiert hat. Man würde zu schnell vergessen, wie damals Deutschland gedrängt wurde, endlich eine Führungsrolle zu übernehmen.
Für von Guretzky erkennt man am Beispiel Englands, wo eine noch schlimmere Austeritätspolitik ihr Unwesen treibt, wie man sein Land trotz eigener Währung ins Verderben treibt. Und das – so von Guretzky – „trotz der englischen Überheblichkeit!“

Der Rest Europas kuscht

Merkel & Co. hätten leider mal wieder diese widerwärtige „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“-Attitüde, nur warum kuscht der Rest Europas? Der Einzige, der mal erfolgreich Widerworte gegeben hätte, sei der Italiener Monti gewesen.

Hollande ist für von Guretzky eine Pflaume, „Italien hat keine Regierung und Spanien versinkt im Korruptionssumpf. Und selbst die SPD und an ihrer Spitze der ,SPD-Altvordere‘ hat tiefen Respekt für die Art und Weise, wie die Regierung Merkel die Euro-Krise managt. Spätestens hier macht sich Fassungslosigkeit breit. Bleibt nur Mutti. Da muss man sich nicht wundern, dass so viel schiefläuft. Die Frau hat keine Vorstellung von der Zukunft, reine Flickschusterei. Deshalb geht die Diskussion um ein europäisches Deutschland oder ein deutsches Europa am Kern der Sache vorbei.“

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