Glück auf!

Alexander Wallasch25.03.2013Gesellschaft & Kultur

Was passiert, wenn man drei Stunden ohne Köder am Wasser sitzt? Wenn es gut läuft, fängt man statt Fisch die Formel für Glück.

Ein Missverständnis mit positiven Folgen. Zumindest ist es mir so ergangen. Frau setzte mich auf eigenen Wunsch an einer dänischen Mole zum Angeln aus. Als ich die Rücklichter sehe, stelle ich fest, dass die Köder noch im Wagen liegen. Angeln ohne Köder nun allerdings, das kann sich jeder ausmalen, ist nicht besonders sinnvoll. Heftiges Hinterherwinken bleibt erfolglos, Frau war wohl nicht bereit, noch einmal in den Rückspiegel zu schauen, also in Gedanken nicht mehr beim Angler, sondern sonst wo.

Drei Stunden bis zur Abholung. Kein Handy dabei. Kein Geld dabei. Aber immerhin Zigaretten und Zündhölzer. Also qualmend ausharren mit Angelausrüstung bei drei Grad im Windschatten einer dänischen Holzbudendiskothek, die an Sommerabenden sicher proppenvoll ist, aber nicht Mitte März. Einer macht drinnen Renovierungsarbeiten bei lauter Musik. Die Hits des Vorjahres. David Guetta und Co.

Drei Stunden ohne Köder

Erste Erkenntnis: Sich die Füße in den Bauch stehen hat bemerkenswerte Auswirkungen aufs Gehirn. Aus dem Nichts heraus rattert die Maschine ganz fröhlich vor sich hin, der Fuß wippt im Takt der simplen Musik. Fast schon Zufriedenheit. Und worüber denkt man nach, wenn man nichts anderes zu denken hat? Klar, übers Glücklichsein. Ein kleines Glück wäre jetzt die Ködertüte, klar. Aber wie sieht es mit der großen Packung aus?

Als es noch ein bisschen kälter wird, wird die Erkenntnis klarer. Und dank der nahen Diskothek im Winterschlaf drängt sich das Glück ja förmlich auf: Eine Theke, ausreichend Währung für Bier und ein paar Kurze mit Freunden, wer mag ein paar stimulierende Drogen, Höhlen-Düsternis, nur unterbrochen von ein paar grellen Spots, ein paar Ladys auf der Tanzfläche und dieses unnachahmlich geile Gefühl, die Zeit würde für ewig stehen bleiben.

Sie erinnern sich auch? Mensch, wie simpel sich dieses Glück auf den Weg bringen lässt, dem manche ihr Leben lang hechelnd auf den Fersen sind. Was braucht es mehr, als die Option zum Rausch, ordentlich rhythmische Dezibel um die Ohren, Hauptsache der DJ hat eine ausreichende Ladung „Volbeat“ im Köcher, um dieses Gefühl von Unsterblichkeit erfolgreich zu simulieren?

Peter Sloterdijk schreibt:

bq. Ideale, Pflichtideen, Erlösungsversprechen, Hoffnungen auf Unsterblichkeit, Ziele des Ehrgeizes, Machtpositionen, Karrieren, Künste, Reichtümer. Aus kynischer Sicht sind das alles Kompensationen für etwas, was sich ein Diogenes erst gar nicht rauben lässt: Freiheit, Bewusstheit, Freude am Leben.

Also machen wir es kurz, bevor ich Sie langweile: Dieser Diogenes wusste sicher noch nichts von Volbeat, der hat sich vielleicht schon mit ein paar Flötentönen aus irgendeinem Oberschenkelknochen hinreichend vergnügt, wenn der Weinkrug nur voll genug war. Aber er war mir mit einer Weisheit um etliche Jahrhunderte voraus: Nicht die Jagd nach dem Glück ist die Hauptaufgabe, sondern das exakte Gegenteil davon!

„Ja, ich habe das Rezept für Glück entdeckt“

Das Glück ist so einfach auszumachen wie nur irgendwas. Viel schwieriger ist es, die Phasen dazwischen mit genau dem annehmbaren Pensum Unglück auszufüllen, das wehtut, aber nicht umbringt. Ja doch, so wie beispielsweise drei Stunden bei drei Grad ohne Köder.

Als diese neumodernen Sparlampen in den Laternen angehen, biegt der Bus ums Eck. „Na, viel gefangen?“ „Ja, ich habe das Rezept für Glück entdeckt.“ Frau grinst, als stände ihr ein netter zwar, aber doch ein Debiler gegenüber. Ich grinse zurück. Als ich die Ködertüte aus dem Seitenfach ziehe, lacht Frau schallend. Geschenkt, denn sie hat immerhin noch ausreichend bedrucktes Glückspapier im Portemonnaie. Also schauen wir nach einer stabilen dänischen Theke, die schon geöffnet hat, legen unsere Volbeat-CDs aus dem Bus-CD-Spieler auffordernd auf den Tresen und geben grinsend unsere erste Bestellung auf.

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