ZDF-Filmreihe „Unsere Mütter, unsere Väter“ | The European

Deutsche aufgepasst!

Alexander Wallasch21.03.2013Gesellschaft & Kultur

Die Fernsehreihe Unsere Mütter, unsere Väter ist eine eindrucksvolle Produktion. Mutig ist sie aber nicht. Die wirklichen Themen kommen schlicht nicht vor.

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ZDF

Schonungslos, radikal, aufregend neu. Oder sogar „Epoche machend“ und „fesselnd“, “wie sich Michael Hanfeld in der „FAZ“ verstieg”:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/unsere-muetter-unsere-vaeter/zdf-trilogie-unsere-muetter-unsere-vaeter-charlotte-greta-friedhelm-viktor-wilhelm-12119594.html. Das ist natürlich Nonsens, will man ernsthaft über diesen zum Aufreger hochgejubelten ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ sprechen.

Was der sympathische deutsche Erfolgsproduzent Nico Hofmann da hat entstehen lassen, war ohne Zweifel sehenswert und überaus unterhaltsam von der ersten bis zur letzten Minute. Ein TV-Spektakel, das nahezu durchgängig Kino-Qualität hatte. Ohne Frage.

Keine politisch unkorrekten Ausfälle

Allerdings: 70 Jahre nach Kriegsende dem Filmemacher irgendetwas spektakulär Mutiges in dieses Drama um fünf Freunde während des Zweiten Weltkrieges hineinzudichten, ist Unsinn. Für die, die den Film nicht gesehen haben: Es geht um drei Männer und zwei Frauen. Freunde, über die der Krieg gnadenlos hinwegfegt. Zwei ziehen an die Front, einer ist Jude, eine geht als Lazaretthelferin an die Ostfront und die zweite Frau verkauft ihren Körper an einen Nazi, der ihr dafür zunächst eine Karriere als Rundfunk-Sängerin ermöglicht. Auf der Strecke bleiben am Ende die Sängerin, die in Ungnade fällt, und einer der Front-Soldaten, der sich dem übermächtig gewordenen Russen nicht ergibt und in einem der letzten Scharmützel des Krieges fällt.

Um es gleich vorwegzunehmen, „Unsere Mütter, unsere Väter“ gehört zu den besten TV-Produktionen aller ZDF-Zeiten. Leider nun aber bemühten sich Feuilleton und ZDF selbst ausgiebig darum, mehr draus zu machen, den Dreiteiler zu überhöhen – in Richtung des “Mehrteilers „Holocaust“”:http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust_%E2%80%93_Die_Geschichte_der_Familie_Weiss. Diese Geschichte einer deutschen Familie jüdischen Glaubens in der NS-Zeit konfrontierte vor einigen Jahrzehnten Millionen deutsche Fernsehzuschauer erstmals emotional mit den Gräueln der Judenvernichtung.

Was „Unsere Mütter, unsere Väter“ zeigt, ist im Einzelnen nichts Neues. Es gibt genügend Filme, die jedes einzelne Detail schon einmal durchgespielt haben. Angefangen von „Blechtrommel“ bis „Stalingrad“. Nein, in Nico Hofmanns Film gibt es keine Fallhöhen, keine Risiken, keine politisch unkorrekten Ausfälle. Ja doch, einmal gibt es Irritationen, dann nämlich, als sich die polnischen Partisanen als ebenso überzeugte Antisemiten herausstellen wie die SSler, die im Windschatten des Frontgeschehens Jagd auf Juden machen.

Aber aus den polnischen Abgründen zurück zum ZDF. Die entblöden sich tatsächlich nicht, die Nachbesprechung des Films bis in Claus Klebers „heute journal“ zu apportieren. Der sympathische Nachrichtensprecher folgt dem Ansinnen der Programmmacher bis in eine bundesdeutsche Schulklasse, die beim Filmschauen von der Kamera beobachtet wird. Das gab es schon mal in den 1970er-Jahren, als Sechstklässlern in der abgedunkelten Schulaula Holocaust-Opfer in Nahaufnahme mit Cello-Musik unterlegt zugemutet wurden, als gäbe es keine FSK18-Einschränkungen.

Versuch einer krampfhaften Überhöhung

Damals erstarrten die Jungen, die Mädchen liefen reihenweise heulend aus dem Saal und die Lehrer waren zufrieden ob dieses pädagogischen Erfolges. Bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist das natürlich Quatsch. Der größte Bösewicht, dieser in Tarantino-Qualität aufspielende Tom Schilling, der vom sensiblen Kriegsgegner zum Killer mutiert, ist durchweg empathisch angelegt.

Matthias Riemen “schreibt für „RP-Online“ über den Film”:http://www.rp-online.de/gesellschaft/fernsehen/kriegsepos-erfuellt-hohe-erwartungen-1.3264700:

bq. Ihm gelingt es, drei Generationen gleichzeitig anzusprechen und einen Dialog zwischen Vater und Sohn, Großmutter und Enkelin über Krieg und Holocaust zu initiieren, der in dieser Form in vielen Familien noch nicht stattgefunden hat.

Ein Schmarren, der uns gleich zur fundamentalsten Kritik am Film führt, wenn man ihn nun unbedingt von der guten unterhaltenden Aktion hin zum ZDF-Anspruch sehen will: Die wirklichen Themen, die deutsche Zuschauer aus deutscher Sicht interessieren, Themen, die deutschen Familien in den Nachkriegsjahrzehnten wirklich auf der Seele brannten, ohne dass sie in der Lage waren, darüber zu sprechen, kommen in diesem Film schlicht nicht vor.

Bombenterror mit Hunderttausenden Opfern, Vertreibungen mit Millionen Opfern und last but not least die Massenvergewaltigungen durch die Sieger, die in „Unsere Mütter, unsere Väter“ absurderweise ausfallen, weil eine russische Soldatin – die auch noch eine dem Holocaust entkommene Jüdin ist, die zudem mit dem potenziellen Vergewaltigungsopfer eine Rechnung offen hat – ihre Soldaten an einer Massenvergewaltigung der Lazarettschwester erfolgreich hindert.

Das alles ist natürlich schade. Dieser Versuch einer krampfhaften Überhöhung wirkt arg aus der Zeit gefallen. Anachronistisch. Nein, mutig war das alles nicht. Dass Krieg furchtbar ist, ist keine singuläre Erkenntnis. Jeder Krieg ist grausam für die Soldaten und die Zivilbevölkerung. Bahnbrechend ist „Unsere Mütter, unsere Väter“ also nicht. Bahnbrechend wäre es beispielsweise gewesen, die Leidensgeschichte der Vertriebenen aus der Schmuddelecke zu holen. Aus dieser Ecke, in die man die Vertriebenenverbände, die das alles akribisch dokumentiert haben, gestellt hat. Wer sich etwas intensiver mit der so unsympathisch wirkenden Erika Steinbach und ihrer Lebensaufgabe befasst, der ahnt, was die Frau aushalten musste und muss. Man muss die Frau nicht mögen, was sie sich aber unwidersprochen an Beschimpfungen anhören musste, ist mehr als eine Schande. Das mal aufzulösen, wäre eine mutige Filmaufgabe gewesen.

Opfer im Tätervolk dürfen nicht sein

Denn die deutschen Vertriebenenschicksale sind fester Bestandteil dieser grausigen Geschichten, die Überlebende in deutschen Familien wirklich existenziell bewegt haben und über die sie zeitlebens zu schweigen hatten. Viele Überlebende gibt es ja eh nicht mehr, die Generation der Vertriebenen, der zu Tode Vergewaltigten, der in Schutzräumen der großen Städte elend Erstickten, der anonymen Krepierten ist unter dem singulären Wahnsinn des Holocaust verstummt, bzw. jahrzehntelang mundtot gemacht worden. Opfer im Tätervolk – das durfte nicht sein. Das aber nach Holocaust und Stalins Terrorregime Millionen Deutsche noch nach Kriegsende zu Tode gekommen oder zu Tode gebracht wurden, das sind die unerzählten singulären Geschichten am deutschen Abendbrottisch, die filmisch zu erzählen Mut bedeutet hätte.

Aber gut, es muss ja nicht jeder Film mutig sein. Es gibt viele unterhaltsame Filme. Dieser Dreiteiler war ganz sicher einer der besonders unterhaltsamen. Aber mutig? Mutig war er nicht. Debatte-machend schon gar nicht. Wie viele mutige Filme kennen Sie?

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