Wir sollten uns nicht von Größe, sondern von Komplexität beeindrucken lassen. Martin Rees

Wer hat Angst vor Sahra Wagenknecht?

Der Star des gestrigen Fernsehabends war kein neuer Tatort-Kommissar, sondern die stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei.

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Wer nach dem Til-Schweiger-Tatort auf ARD-Kurs geblieben und Jauch mit dem Thema „Den Managern ans Gehalt! Brauchen wir ein Gesetz gegen die Gier?“ geschaut hat, der wird sich wie die meisten auf diesen Herrn Maschmeyer eingeschossen haben. Dazu gehört nicht viel. Selten passt die Aura eines Menschen so gut zu dem, was man von ihm hält, seien das nun Vorurteile oder Faktenlage. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem. Die Fakten nähren das Vorurteil. Ist der Ruf erst ruiniert … Sie wissen schon.

Mit zwei, drei Sätzen weggeblasen

Was in diesem Zusammenhang viel interessanter war, ist eine Kapitulation vor dem Fachwissen, eigentlich sogar vor dem gesamtsouveränen Auftreten Sahra Wagenknechts.

Egal, was Politiker, Promis oder Privatleute öffentlich über die Partei der Bundestagsabgeordneten polemisieren, in ihrer Gegenwart hat das alles keine Gültigkeit mehr. Sahra Wagenknecht ist ein Phänomen. Klassen- und parteiübergreifend fürchtet man die hochgebildete brillante Dialektikerin.

Und jeder konnte es miterleben. Rainer Brüderle, nach der publikumswirksam inszenierten und stimmungsmachenden Dirndl-Affäre gerade in Berlin zum Spitzenkandidaten seiner Splitterpartei hochgetrasht, trat bei Jauch an. Er wollte irgendeine Unentbehrlichkeit für Deutschland untermauern und ging sang- und klanglos unter. Die Kameraleute bei Jauch leisteten ganze Arbeit: Brüderles aufgeblasene Stammtisch-Launigkeiten wurden verschnitten mit diesem milden zwar, aber vernichtend stummen Blick der linken Ikone aus Jena.

Die Frau sei monothematisch? Niemals. Jede wagemutig steil aufgestellte These, ob nun von einem lächerlich einfältig wirkenden Sportmoderator, von Brüderle oder dem Opferwolf der Sendung, Maschmeyer, vorgetragen, wurde mit zwei, drei Sätzen Wagenknechts weggeblasen als wäre sie die Gymnasiallehrerin einer 12. Klasse. Und die Jungs spurten, kuschten. Hielten einfach die Klappen. Lob gilt allenfalls Jauch, der Wagenknecht den Raum gab, den ihr Wissen in dieser Runde verdient hat. Wenn einer der Teilnehmer länger sprach als gefühlt verdient, dann war das reine Höflichkeit. Und die neue Gefährtin von Lafontaine ließ sogar phasenweise Gnade vor Recht ergehen. Das allerdings hat sie mit dem roten Oskar gemeinsam. Auch der hat sich in diesen Talkshows mittlerweile gemütlich eingerichtet. Immer noch pointiert und schelmisch, aber schon ein Stück weit hinter der Brillanz seiner Lebensgefährtin. Aber das macht nichts, denn der Vorsprung von beiden ist neben wenigen anderen in diesen öffentlichen Sabbeldiskursen unübersehbar.

Wie gut das der linken Sache, wie gut das Deutschland tut? Keine Frage. Selbst angestammte CDU-Wähler erkennen längst den Wert des Wächterstatus der Partei im Bundestag. Es ist aber für die etablierten vier Parteien neben der Linken verdammt schwer, sich volksnah, also dem Willen des Volkes entsprechend, darzustellen. Der rote Stachel im Fleisch des Berliner Vielfraß-Lobbyismus, der so deutlich macht, wie wenig Souveränität heute noch wert ist. Der sich von einer Konsens-Entscheidung zur nächsten hangelt und es dann noch wagt, das Ganze als demokratisch legitimiert zu verkaufen.

Aufrechte Streiterin für das Gute

Mindestlohn, gerechte Steuern, Wasser als Menschenrecht, gegen Privatisierungen – die Themenliste ist ellenlang. Die Abwehr linker Themen wird zur Sisyphusarbeit. Kaum wurde wieder was gemeinschaftlich durchgelogen, durchgewinkt, zu einem strategisch günstigen Termin durchgemogelt, kann man sicher sein, dass es einem der Genossen von ganz links auffällt. Noch nie in der Parteigeschichte war der Begriff „Genosse“ für die SPD unpassender als heute.

Aber die Erkenntnis wächst. Mit jeder Talkshow, mit jedem TV-Auftritt dieses Ausnahme-Pärchens mehr. Mit jedem TV-Auftritt dieser aufrechten Streiterin für das Gute.

Ach so, was war denn nun bei Jauch? Es sollte gestritten werden, was die Bosse verdienen dürfen. Die Bosse-Fraktion forderte, ja, die sollen ordentlich verdienen, denn Leistung muss belohnt werden. Eine Steilvorlage für Wagenknecht, die zunächst noch mal klärte, wer in großen Unternehmen am Produkt arbeitet, in der Forschung und Entwicklung, um dann vorzuschlagen: Binden wir doch die Löhne der Bosse an die Löhne der Arbeiter. Steigerungen im selben Verhältnis. Nur so könnten die Bosse dazu bewegt werden, die unteren Lohngruppen nicht zu vergessen, beim Vollstopfen der Taschen. Ja, so ist sie die wilde Sahra. Immer hart am Wind.

Update: Ursprünglich hatte die Kolumne einen anderen Schlusssatz. Dieser wurde auf Wunsch des Autors nach der Veröffentlichung geändert.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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