Sein Herz schlug links

Alexander Wallasch6.03.2013Außenpolitik

Der Tod von Hugo Chávez ist das Ende eines Kampfes zwischen Washington und Caracas. Doch auch die deutsche Linke verliert ein Idol.

„Aló, Presidente.“ ¡Hasta luego, Comandante! Meine konservative katholische Nachbarin überraschte mich heute Morgen vor der Haustür, als sie auf meine Frage, ob denn der gute Chávez nun in den Himmel oder in die Hölle käme, antwortete, dass der verstorbene Präsident Venezuelas selbstverständlich in den Himmel kommt. Ich bin nicht katholisch, war also positiv überrascht über diese Bestätigung einer über alle politischen Hürden hinausreichenden katholischen Internationale.

Auf dem Weg zum Bus überfiel mich ein irgendwie geartetes Mitgefühl für den Verstorbenen. Feuchte Augen für den Moment. Wohl das kurze Aufblitzen dieses Lady-Di-Effekts. Und beim Einsteigen in die Linie 16 Richtung Innenstadt dachte ich dann an einen weiteren großen Mann des Volkes, an L’ultimo leader der deutschen Linken, der ja das große Glück hatte, sein Krebsleiden zu besiegen.

Die geballte Faust des Pentagons in die Fresse

Ja, auch Lafontaine war ein Freund des Lateinamerikaners. Atemberaubend seine Verteidigungsrede 2007 für Hugo Chávez’ Presse-Zensur: Chávez habe viele Lizenzen für offene Kanäle vergeben. Im Gegensatz zur „immer stärker werdenden Medienkonzentration in den westlichen Demokratien“. Die Pressefreiheit in Deutschland sei die Freiheit einiger reicher Leute, ihre Meinung zu verbreiten. Wer das nicht erkenne, habe „den Blick für die Verhältnisse verloren“, schrieb Oskar Lafontaine ausgerechnet in der „Welt am Sonntag“.

Chávez hatte also den Blick für die Verhältnisse. Und der muss so stark gewesen sein, dass analog zum Volkshelden von Cuba, Fidel Castro, auch Chávez 2002 die geballte Faust des Pentagons in die Fresse bekam. Das Volk kam dem Inhaftierten zu Hilfe und so dauerte die Sedisvakanz nicht allzu lange.

Noch im Bus entlarve ich die Schuldigen via Smartphone und bin überaus entrüstet: Die „New York Times“ schrieb später über diese weitere schwefeldüstere Stunde US-amerikanischer Südamerika-Politik, dass die Putschisten mindestens zwei Monate vor den Ereignissen regelmäßigen Kontakt mit der US-Botschaft gehabt hätten. Und der „Observer“ berichtete, der hochrangige US-Regierungsbeamte Otto Reich habe schon mehrere Monate vor dem Staatsstreich den späteren Putschpräsidenten Pedro Carmona im Weißen Haus empfangen und diesem während des Putsches diplomatische Rückendeckung gegeben.

Nach der Fahrkartenkontrolle schaue ich die letzten Stationen lächelnd aus dem Fenster und denke an diese vorbildliche Freundschaft Chávez zu jenem Fidel Castro, der ja US-amerikanische Mord- und Putschversuche in dreistelliger Höhe abzuwehren hatte. Also eine überaus verbindende Grundlage. Aber auch die EU hatte sich bei diesem Komplott nicht mit Ruhm bekleckert. Bushs Vasall, sein spanischer Kriegskumpel, der schmierige Aznar, war ebenfalls in den Putsch verwickelt, wie der spanische Außenminister Chávez bei dessen Besuch in Spanien 2004 reumütig gestehen musste.

Was nun aus Venezuela und vor allem aus den reichen Bodenschätzen des Landes wird, wird sich in naher Zukunft entscheiden. Die begonnene Umverteilung und auch die dicken Schecks für den kubanischen Brudersozialisten sind zunächst wohl vakant.

Es bleibt: Evo Morales

Ich steige aus dem Bus, gehe zum Kiosk und greife reflexartig nach der neuen „taz“. Und heute fasse ich noch einmal lieber zu. Denn heute schwingt der Gründungsmythos des Blattes so überdeutlich mit: Ganz wie damals, als man die Nullnummer startete mit einem doppelseitigen Bericht des Schriftstellers und Journalisten Gabriel García Márquez über den Sieg der Sandinistas in Nicaragua. Die Schlagzeile heute allerdings: Fukushima. Aber online “stellt Christoph Twickel bereits für alle traurigen Linken fest”:http://www.taz.de/Nachruf-Hugo-Chvez/!112281/:

bq. Chávez „hat einen Kontinent verändert. Und zwar zum Guten. Man mag von seinem Politikstil halten, was man will. Lateinamerika ist unwiderruflich nach links gerückt und Chávez hat den Impuls dazu gegeben, als er Anfang 1999 das Präsidentenamt antrat.“

Was bleibt also zu tun nach diesem kleinen Vorgeschmack auf das große Drama? Dann, wenn sich der unsterbliche Fidel Castro in den himmlischen Schützengraben neben Hugo Chávez wirft?

Dann bleibt also noch der gute Indio aus Bolivien. Dieser Evo Morales – letzter aktiver Volksheld dieser Troika des Guten. Aber der kann ja nicht ganz Südamerika alleine regieren.

Also: Viva Evo! Und gute Reise Comandante Hugo.

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