Der Führer spricht!

Alexander Wallasch4.03.2013Gesellschaft & Kultur

Timur Vermes bewegt sich mit seinem neuen Buch haarscharf am Rande der Klippe. Die Party ist nun mal umso launiger, umso näher sie dem Abgrund kommt.

Die zweifellos interessanteste Idee, wie diese Sache zu besprechen sei, wurde von der „taz“ leider abschlägig beschieden. Das Hauptstadt-Blatt hat zwar diesen speziellen Humor. Wahrscheinlich mehr, als die meisten Blätter mit überregionaler Reichweite. Aber das ging dann wohl auch denen zu weit. Oder es hatte schon ein anderer Schreiberling den Finger drauf und seine Idee verkauft.

Besser allerdings kann die kaum sein: Wir lassen Timur Vermes’ Hitler-reloaded-Buch „Er ist wieder da“ vom Führer höchstpersönlich rezensieren! Also die berüchtigte Windung zu viel. Der Schlenker darüber hinaus, der in anderen Blättern kaum eine Chance bekommt.

Hitler-Parodien kennt fast jeder

Man stelle sich nur die „Bild“-Schlagzeilen des nächsten Tages vor: „TAZ mit Hitler!“, oder: „Neue Reichskanzlei am Rudi-Dutschke-Platz!“ oder „HEIL TAZ!“. Natürlich wäre das auch für den Autor hier ein denkwürdiger Auftrag gewesen: Ghostwriter für den „Führer des deutschen Volkes“. Diese Gelegenheit hatte zuvor nur der „Stern“ gewährt, als er bei einem bis dahin unbekannten Bilderfälscher die Original-Führertagebücher in Auftrag gab.

Am vergangenen Freitag kamen also die bestellten sechs Hörbuch-CDs zur Rezension beim Autor an. Spätestens am Samstag, nach den ersten 2 1/2 Stunden Hitler-Original-Speech, dieses Mal gefälscht von Christoph Maria Herbst, kam sich der Autor vor wie Uwe Ochsenknecht als Kujau nach dem vierten Hitler-Tagebuch im Film „Schtonk!“. War die erste CD noch gewöhnungsbedürftig, gelang es mit wenig Fantasie schon nach der zweiten „Silberscheibe“, wie Vermes seinen Hitler-2011 über CDs sagen lässt, tief in des Führers vermertiertem Gedankengebäude einzudringen und spätestens nach CD vier sah man den Endsieg wieder in greifbarer Nähe. Zwar um etliche Jahrzehnte verzögert, aber real möglich.

Kindlich-karnevalistische Hitler-Parodien kennt fast jeder bundesdeutsche Junge. Wenn’s nicht verpönt wäre, Hitler wäre womöglich nach Darth Vader eine weitere bei Kindern beliebte Verkleidung. Wenigstens an Halloween: Den dunklen Mantel des Vaters, ein bisschen Haarspray der Mutter, Kajalstift unter die Nase gerubbelt und dann den rechten Arm zur Decke. Voilà! Wer einen gut unsortierten Keller besaß, konnte auf das uralte Grammophon der Großmutter noch das Horst-Wessel-Lied gespielt von der NSDAP-Kapelle als Schelllackplatte drüber stülpen und schon war Reichsparteitag in der bundesdeutschen Neubausiedlung. So lustig. So kindlich. So einhundertprozentig verwerflich. So scheiße.

Führer-Comedy-Show und Grimme-Preis

Nur was ist, wenn so ein vorpubertärer Nazikarneval des Bösen die kindliche Findungsphase überlebt? Dann landet man entweder auf der Best-of-Liste des Verfassungsschutzes oder man schreibt irgendwann die Fortsetzung von „Mein Kampf“. Nach Walter Moers’ eher kläglichem Versuch mit seinen rübennasigen Adolf-Comics, Harald Schmidts eingeblendetem Hitlerbärtchen und Bernd Eichingers Babelsberger Bruno-Ganz-Kellertheater nun ein bis dato völlig Unbekannter: Timur Vermes, Sohn eines K.-u.-k.-Flüchtlings und einer Deutschen, aufgewachsen in der Stadt der Bewegung, dem wunderschön zerbombten fränkischen Nürnberg.

Man darf jetzt mit Fug und Recht annehmen, dass sich der Bub Timur in diesem romantischen großdeutschen Städtchen den größten und schönsten Bolzplatz für seine rustikale Lederpille ausgesucht hatte: das ehemalige Zeppelinfeld. Nun spielt es sich mit erhobenem rechten Kinderärmchen schlecht Fußball, man würde ja ständig angespielt werden, also entstand wohl eine defizitäre Bewegung, die sich im Erwachsenenalter bei dem guten Timur nun in einem Schreibkampf oder -krampf Luft machte. „Heil Hitler!“, „Heil Hitler!“, „Heil Hitler!“ – ja, es kommt einige Dutzend Male vor, ebenso weitere Varianten des NS-deutschen Bolzplatz-Grußes.

Die Handlung von „Er ist wieder da“ ist schnell erzählt: Der Führer erwacht vor dem Führerbunker. Sein Mantel noch in Benzin getränkt, aber nicht lichterloh brennend, dafür aber auch nicht 1945, sondern 2011. Nachdem er sich in dieser schönen neuen Welt zurechtgefunden hat und seine Leser rege daran Anteil nehmen lässt, bekommt er eine Führer-Comedy-Show, die zunehmend als Gesellschaftskritik genommen wird, sogar den Grimme-Preis erhält und letztlich Millionen Fans begeistert. Offenes Ende des Buches: Der Herr Hitler gründet wieder eine Partei.

Haarscharf am Rande der Klippe

Und gleich klargestellt: Der Timur Vermes kann den Hitler schreiben. Glänzend verlängert sich dieses Gruseln, das einem bei Original-Fragmenten überkommt, die man beispielsweise beim Guido-Knopp-Historien-TV-Zirkus immer wieder mal angeboten bekommt. Und Vermes zieht das Ding souverän gnadenlos durch bis zum dieses Mal nicht bitteren Ende. Eine Mephisto-Meisterleitung, vergleichbar mit der Art und Weise, wie Christian Kracht seinen August Engelhardt in „Imperium“ sprechen lässt und es ältere Bundesbürger noch aus dem Munde ihrer Großeltern kennen.

Nur, und das beginnt man sich CD-Seite für CD-Seite ernsthafter zu fragen: Was gibt’s einem über den tatsächlich 411 Minuten andauernden Hörspiel-Unterhaltungswert und die perfekte Imitation hinaus noch? CD und Hörbuch stehen auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Ausgerechnet die werden traditionell vom „Spiegel“ veröffentlicht. Jenes „Spiegels“, der vielleicht letztlich noch mehr als Harald Schmidt und Eichinger den Boden bereitet hat, dass er „wieder da“ ist: sage und schreibe annähernd fünfzig Mal seit Erscheinen nahm das Blatt aus Hamburg den Herrn Hitler auflagensteigernd aufs rotumrandete Cover.

Timur Vermes bewegt sich nun 2013 haarscharf am Rande der Klippe, wo andere noch weiter im Hinterland des Abgrundes das lustige Hitlerbärtchen machten. Erfahrungsgemäß ist die Party aber nun mal umso launiger, umso näher sie dem Abgrund kommt. Also Tanz auf dem Vulkan mit diesem deutschsten aller Alpträume: dem Lieblingstitelbild des „Spiegels“, the ultimate evil Adolf Hitler.

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