Tugend-Haft

Alexander Wallasch18.02.2013Gesellschaft & Kultur

Was sind die deutschen Tugenden? Und wenn es sie gibt, warum soll dann ausgerechnet der Papst sie verkörpern? Eine Suche.

Ich habe mir gerade diese in Teilen wundersam “naive, sich dramaturgisch steigernde Schwärmerei vom Kollegen Andreas Püttmann”:http://www.theeuropean.de/andreas-puettmann/5876-die-deutschen-und-ihr-papst-benedikt-xvi über seinen Papst durchgelesen und bin darüber ins Grübeln gekommen. Püttmann ist mein Jahrgang, sieht aber älter aus, als ich mich fühle. So verdient er per se mein besonderes Interesse. Männer meines Alters interessieren mich einfach, sind wir doch zeitlich quasi synchron sozialisiert worden. Es hat also gewissermaßen etwas von Zwillingsforschung.

Zunächst zitiert Andreas Püttmann mit seiner Überschrift „Mein Volk, was habe ich dir getan?“ wohl aus den Improperien, diesen Heilandsklagen. Und die „gehören seit dem frühen Mittelalter zur kirchlichen Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitag. Sie sind in der Liturgie der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche fest verankert.“ Das weiß sogar Wikipedia. Es ist also kein Geheimnis.

Tapferkeit und Frömmigkeit

Vermuten könnte man hier zunächst eine neckische Spitze des Autors gegen eine von ihm beobachtete Mauligkeit von Kirchengegnern, die in dieser Liturgie zuallererst immer die unsägliche „Fürbitte für die Juden“ identifizieren und in Talkshows als Spitze gegen traditionelle Christen nutzen: Kollege Püttmann wagt hier also den Schulterschluss mit den so Angefeindeten oder empfindet sich selbst als einen. Nun gut, das kann er ja. Und wenn man beispielsweise eine der letzten Maischberger-Sendungen – “die zum Papst-Abtritt”:http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/311210_menschen-bei-maischberger/13389606_wir-sind-nicht-mehr-papst-ist-benedikt-xvi- – gesehen hat, dann kommt man nicht umhin, sich insgeheim zu solidarisieren. Denn da siegt selbstverständlich die Abscheu vor solchen Typen wie Geißler und Fliege über eine möglicherweise potenzielle Abscheu vor den Ansichten kompromissbefreiter Erzkatholiken.

Aber lassen wir diesen hübschen Wink mit dem liturgischen Zaunpfahl einstweilen beiseite. Denn eine Sache ist doch bei Püttmanns Text viel interessanter. Und das ist seine Behauptung, der Doppelstaatsbürger Joseph Ratzinger verkörpere als Benedikt XVI. „Deutschlands beste Traditionen: wissenschaftliche Exzellenz, Bildung, Sprachkunst, Fleiß, Tapferkeit, Gewissenskultur und Frömmigkeit“.

Nehmen wir mal die Auffälligsten heraus: Tapferkeit und Frömmigkeit. Das erschien mir zunächst dermaßen anachronistisch und allenfalls historisch von Bedeutung, als dass man das auf die Gegenwart beziehen könnte. Bzw. auf den Papst, den er damit dann ja auch kurzerhand zu einem deutschen Wesen aus der Vergangenheit gemacht hat.

Aber gut, da wurde ja auch Kollege Püttmann nachdenklich und konstatierte: „Doch scheinen die Deutschen einige dieser Tugenden (…) nicht mehr hoch genug zu schätzen.“

Ich persönlich glaube, dass deutsche Staatsbürger überhaupt nicht mehr in Kategorien wie „Tugend“ oder „Deutsche Seele“ denken. Gleichnamiges wunderbares Buch von Dorn/Wagner liest sich gerade deshalb auch mehr wie eine Grimm’sche Bestandsaufnahme ohne Anspruch auf Gegenwärtigkeit.

Die Tugendfrage konsequent weitergespult

Wenn man die Tugendfrage dann konsequent weiterspult, kommt man nicht umhin, sich zu fragen, wie rassistisch die Annahme von Tugenden eigentlich ist. Hüstel, Rassismus ist natürlich eine böse Sache, aber befreien wir uns mal für den Moment mutig von diesem Wissen. Denn völkisch-rassisches Denken war ja noch vor nicht einmal einem Jahrhundert weltweit mehr Regel als Ausnahme.

Wenn ich nun eine deutsche Seele annehme, oder deutsche Tugenden. Wo sollten die dann angelegt sein, wenn nicht in den Genen? Sie können ja eigentlich sogar nur dort angelegt sein. Denn so etwas wie eine Volksgemeinschaft, die sie hätte herbeisozialisieren können, gibt es ja nicht mehr.

Auch keinen abgegrenzten Kulturraum, der als Brutkammer für so etwas taugen würde. Den kann es ja auch in Zeiten von Internet und maximaler Mobilität von Menschen in einem Deutschland, das sich ja selbst längst nicht mehr als deutsches Volk, sondern Staatsbürgerdeutschland versteht, gar nicht mehr geben. Ergo muss auch die Annahme von Tugenden oder deutscher Seele zunächst nicht nur anachronistisch, sondern sie muss dann auch rassistisch genannt werden. Das lässt sich sogar recht wertfrei und als logisches Fazit einer unaufgeregten Dialektik so feststellen.

Wo also gibt es ihn noch, den deutschen Kulturraum, in dem Püttmann deutsche Tugenden angelegt sehen will? Entwickeln adoptierte Kinder aus dem Ausland so etwas wie eine deutsche Seele? Das erscheint mir sehr gewagt, denn wie soll diese Entwicklung stattfinden, bei Kindern, die, übertrieben gesagt, 24/7 im World Wide Web surfen?

Was sind denn nun die deutschen Tugenden?

Der Einfluss eines deutschen Waldes und das ganze andere romantisierte Dorn/Wagner-Zeugs, das wir so nostalgisch lieb haben und zum Bestseller hoch gelesen haben, kann es ja nicht sein. Allenfalls Verhaltensweisen der Adoptiveltern, die diese von ihren Eltern und Großeltern übernommen haben mögen. Und in welcher Zeit sind diese Vorfahren aufgewachsen, als es bei ihnen angelegt wurde? Na klar, in rassistischen Zeiten. Denn wie gesagt: Völkisches Denken war damals rund um den Globus die Regel und nicht die Ausnahme.

Also zunächst Dank an den Kollegen Püttmann für den schönen Denkanstoß. Und jetzt die Frage hier mal abgelegt, welche denn nun unsere Tugenden sind und ob das eventuell auch die eines französischen Staatsbürgers oder eines Tunesiers sein könnten und ob Püttmann vielleicht etwas ganz anderes im Sinne hatte, wie z.B. christliche Tugenden versus muslimische – ach, was weiß ich?

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